Berlinische Galerie präsentiert Jeanne Mammen. Die Beobachterin – Retrospektive

Jeanne Mammen, o. T. (Selbstbildnis), o. D. (um 1926), Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: © Mathias Schormann

Die Zeichnerin und Malerin Jeanne Mammen (1890-1976) ist eine der sperrigsten und schillerndsten Figuren der jüngeren deutschen Kunstgeschichte. Als Berliner Künstlerin durchlebte sie Krieg, Zerstörung, Armut und den Wiederaufstieg aus Ruinen auf sehr eigene und produktive Weise. Mit einer der bisher umfangreichsten Mammen-Retrospektiven widmet sich die Berlinische Galerie nun der Wiederentdeckung ihrer ikonischen Arbeiten aus den 1920er- Jahren, ihrer „entarteten‛ Experimente und magisch-poetischen Abstraktionen.

Jeanne Mammens Gesamtwerk spiegelt in heftigen Brüchen signifikant die politischen und ästhetischen Erschütterungen des letzten Jahrhunderts. In Fachkreisen wird sie als eine der raren, unverwechselbaren Künstlerinnen der Weimarer Republik und Nachkriegszeit weit über Berlin und Deutschland hinaus geschätzt. Weil Mammens Schaffen nicht leicht auf nur einen Nenner reduzierbar ist, ist sie einer breiten Öffentlichkeit bisher wenig bekannt. Und ihre Verschlossenheit, das Fehlen von Tagebüchern, umfangreichen Korrespondenzen, Lebenspartnern erschweren einen leichten Zugang.

Das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur möchte dies ändern. Gezeigt werden 170 Arbeiten aus über 60 Schaffensjahren. Den Schwerpunkt bilden rund 50 Gemälde – neben Aquarellen, Zeichnungen, Illustrationen, Karikaturen, Filmplakaten und Skulpturen. Die Ausstellung wird gerahmt von Fotos, Magazinen, Filmen, Briefen, Publikationen – konzipiert und kuratiert von der Mammen-Expertin Dr. Annelie Lütgens, Leiterin Grafische Sammlung der Berlinischen Galerie.

Im Sturm der Zeit – Lebensstationen: Jeanne Mammen wurde 1890 als Kind einer vermögenden Unternehmerfamilie in Berlin geboren. 1901 zog die Familie aus geschäftlichen Gründen nach Paris. Dort begann sie ihre Kunstausbildung, es folgten Brüssel und Rom. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 erfuhr Mammen eine jähe Zerstörung ihrer Existenz: In Frankreich lebende Deutsche wurden enteignet und ausgewiesen. Mittellos kehrte Mammen in ihre Geburtsstadt zurück. Dank ihres Talents feierte sie in Berlin nach entbehrungsreicher Zeit ab 1925 erste künstlerische Erfolge. 1933 kam es zur zweiten biografischen Katastrophe: Naziherrschaft und Weltkrieg zwangen Jeanne Mammen zum Rückzug und brachten sie in große finanzielle Nöte. 1945 kehrte sie in die Öffentlichkeit zurück und genoss bis zu ihrem Tod 1976 die Anerkennung der Kunstwelt. Um ihren künstlerischen Nachlass zu bewahren und zu betreuen, gründeten engste Freunde die „Jeanne-Mammen-Gesellschaft“. 2003 wurden die „Jeanne-Mammen-Stiftung“ und der „Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e. V.“ gegründet.

Die ‚Goldenen’ Zwanziger: Jeanne Mammen war weniger eine Erfinderin, eher hatte sie die Züge eines Chamäleons. Stetig saugte sie unterschiedliche Kunst-Strömungen auf und entwickelte diese auf spezielle Art weiter. In Berlin belieferte sie den boomenden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt der Weimarer Republik mit eleganten Modeillustrationen, mit gezeichneten oder aquarellierten Großstadtszenen und Porträts im Stil der Neuen Sachlichkeit und später im Stil eines schroffen Realismus. 1929 schrieb Kurt Tucholsky eine „Liebeserklärung“ an ihre Arbeit. Der Galerist Wolfgang Gurlitt organisierte 1930 ihre erste Einzelausstellung. Mammen scheute kein Milieu und keine Erfahrung. Sie widmete sich Promis, dem Kultur- und Nachtleben ebenso wie krasser Armut und den Schattenseiten des Lebens. Ihre Bilder dieser Zeit wurden schrille Ikonen der „Goldenen Zwanziger“ – zwischen Lebenslust und Krise.

Jahre der Isolation, Experimente und Abstraktion: Ab 1933 lebte Jeanne Mammen zurückgezo- gen und bescheiden mit Hilfe von Freunden und Kleinstaufträgen. In diese Zeit fiel die Begegnung mit Picassos kubistischem Bild Guernica, das sie dazu inspirierte, ihre Wut auf das Schreckensregime der Nazis sowie ihre Verachtung für deren völkisch-vulgäre Ästhetik mit futuristisch-abstrakten Bildexperimenten produktiv zu machen. Diese Entwicklung setzte Mammen auch nach dem Krieg fort. Diktatur und Isolation hatten ihre Techniken und Themen stark beeinflusst. Anstelle uriger Großstadttypen wurden nun geheimnisvolle Masken oder Marionetten ihre Bildgegenstände. Das Spätwerk besteht fast ausschließlich aus Gemälden.

Jeanne Mammens Werk ist Zeugnis einer Epoche der Extreme: Innerlich blieb sich Jeanne Mammen ein Leben lang treu. Nie wurde sie Teil einer der von Männern dominierten Kunstbe- wegungen am Beginn der Moderne. Konsequent verweigerte sie ideologische Vereinnahmungen, mied Gruppen und Versammlungen. Als Einzelgängerin und scharfsinnige Beobachterin entwickelte sie sich zu einer kraftvollen Persönlichkeit mit klarer Botschaft: Distanz schafft Nähe. Mammens Kunst ist bis heute unverwechselbar und wichtiges Zeugnis einer Epoche der Extreme, die eine Entdeckung, nähere Betrachtung und stärkere Verbreitung mehr als verdient.

Die Ausstellung wird unterstützt durch die Jeanne-Mammen-Stiftung, den Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft in Berlin-Buch und den Förderverein Berlinische Galerie e.V.

Ausstellung und Katalog werden ermöglicht durch die LOTTO-Stiftung Berlin und die Kulturstiftung der Länder.

Jeanne Mammen. Die Beobachterin

06.10.2017–15.01.2018

Berlinische Galerie

Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin

Titelbild: Jeanne Mammen, o. T. (Selbstbildnis), o. D. (um 1926), Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: © Mathias Schormann

Veröffentlicht am: 15.05.2017 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, | Tag: Berlinische Galerie, Jeanne Mammen,

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