FLANEUR – Berlin Charlottenburg

Jana Noritsch - Berlin Flaneur - Charlottenburg

Berlin-Flaneur: Charlottenburg: Wo alles mit dem Schlösschen Lützenburg begann, kämpfen die einen heute um Romantik, während die Kunstszene innere und äußere Gefängnisse abklopft…

Ganz Berlin ist im September bekannt für seine Art Week: Seit acht Jahren fest im internationalen Kunstgeschäft verankert, jagt dann hier ein Kunst- und Kultur-Highlight das nächste, insgesamt 179 Galerien präsentieren sich auf den Messen Art Berlin und Positions, unzählige Ausstellungen, Urban Interventions und Sonderveranstaltungen gibt es vom 11. – 15. September. Ich möchte Sie diesmal mit nach Charlottenburg nehmen – und dabei brennt mir zunächst die Frage auf der Seele: Welche Burg ist denn hier gemeint? 

Klar, was im Mittelalter eine Burg war oder auch nur ein Gutshof wie in Britz, wurde später gerne mal zum Schloss. Wagen wir also einen kurzen Rückblick: Lietzow, Casow und Glienicke sind nachweislich die drei Siedlungen, aus denen 1705 die Stadt Charlottenburg gegründet wurde. Sophie Charlotte tauschte 1695 ihre Güter in Caputh und Langerwisch gegen den Ort Lietzow und das Vorwerk Ruhleben von ihrem Mann Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg. Sodann ließ sie hier das Sommerschloss Lützenburg errichten, was in den folgenden Jahren sukzessive zu einem repräsentativen Schloss umgebaut wurde. Nach dem Tod von Königin Sophie Charlotte benannte ihr Mann, mittlerweile zu Friedrich I. avanciert, König von Preußen, die gesamte Siedlung in Charlottenburg um und verlieh ihr zugleich das Stadtrecht.

Dem Schloss gleich gegenüber gibt es heute zwei wichtige Kunstorte: die Sammlung Scharf-Gerstenberg sowie die Sammlung Berggruen. In ersterer läuft noch bis Anfang November „Kerker der Phantasie“ mit 16 Radierungen von Giovanni Battista Piranesis (1720–1778), die unter anderem den zeitgenössischen Werken Rosemarie Trockels „Prisoner of yourself“ (Gefangener deiner selbst) aus dem Jahr 1998, einer Selbstübermalung Arnulf Rainers oder Bildwerken von Georges Hugnet und Kurt Seligmann, beide von 1935, gegenüberstehen. Sie alle fragen: Wann wird das eigene Ich zum Gefängnis? Ist es der Akt des Malens selbst, der den Künstler von der Realität abriegelt und letztlich auszulöschen droht?

Flaneur, Georges Hugnet, Le mystère est exempt de pudeur, 1935, Collage und Gouache auf Papier, 22,9 x 17,9 cm, © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Sammlung Scharf-Gerstenberg / Volker-H. Schneider und VG Bild-Kunst, Bonn
Flaneur, Georges Hugnet, Le mystère est exempt de pudeur, 1935, Collage und Gouache auf Papier, 22,9 x 17,9 cm, © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Sammlung Scharf-Gerstenberg / Volker-H. Schneider und VG Bild-Kunst, Bonn

Das Museum Berggruen, das der Kunst Picassos und seiner Zeit gewidmet ist, schlägt mit seiner neuen Ausstellung „Pablo Picasso x Thomas Scheibitz Zeichen Bühne Lexikon“ einen Bogen von der Klassischen Moderne in die Kunst der Gegenwart.
„Von allen großen Ismen des 20. Jahrhunderts“, erklärt der sichtlich von Picasso beeinflusste Thomas Scheibitz, „ist der Kubismus am radikalsten, am prägendsten geblieben.“ Im Berggruen können 45 Arbeiten entdeckt werden sowie die Unterschiede des jeweils mitreflektierten Lebensalltags – im früheren Paris und im heutigen Berlin.

Die formalen und inhaltlichen Parallelen der beiden Künstler sind markant, ebenso wie ihr Ringen um Glaubwürdigkeit oder Gültigkeit – angesichts einer (bereits zu Picassos Zeiten) brüchigen, instabilen Welt. Ab 14. September geöffnet.

Pablo Picasso, Dora Maar mit grünen Fingernägeln, 1936 © SMB, Museum Berggruen, Foto: Jens Ziehe © Succession Picasso / VG Bild-Kunst
Pablo Picasso, Dora Maar mit grünen Fingernägeln, 1936 © SMB, Museum Berggruen, Foto: Jens Ziehe © Succession Picasso / VG Bild-Kunst
Thomas Scheibitz, Hand, 2004, Öl, Vinyl und Pigmentmarker auf Leinwand, 40 x 50 cm, Foto: courtesy the artist, © Thomas Scheibitz / VG Bild-Kunst
Thomas Scheibitz, Hand, 2004, Öl, Vinyl und Pigmentmarker auf Leinwand, 40 x 50 cm, Foto: courtesy the artist, © Thomas Scheibitz / VG Bild-Kunst

Ein Must-see – in Berlin, aber auch auf allen großen Messen – sind die Präsentationen der Galerie Michael Haas, einmal über die Bismarck- und Kantstraße gelaufen: Ebenfalls ab 14. September zeigt der renommierte Galerist in der Niebuhrstraße 5 die spannenden Arbeiten von Heinz Ackermans. Der 1949 geborene Heinz Ackermans konnte schon kurz nach seinem Studium an der Essener Folkwang-Hochschule mit Einzelausstellungen erste Erfolge verbuchen. Doch als der junge Künstler in eine sehr wohlhabende Familie einheiratet, scheint eine Existenz als Maler und Bildhauer keine Option mehr zu sein. Ackermans wird stattdessen Kunstsammler. 2013 ändern sich seine Lebensumstände grundlegend und er entscheidet sich bewusst für eine Rückkehr zum Künstler-Dasein. Ihn beschäftigt die menschliche Figur und diese lässt er mit Materialien wie Wachs, Wolle, Pigmente, Ton oder Eisen relativ spontan und intuitiv entstehen. Alles bleibt roh und angedeutet, erscheint expressiv, beinahe brutal und dennoch höchst sinnlich und gefühlsbetont. Unverkennbar und anziehend ist seine Nähe zu Francis Bacon. Sein Werk ist das eines Künstlers, der sein Leben lang entweder als Schöpfer oder als leidenschaftlicher Connaisseur im Austausch mit der Kunst stand.

Einige wenige Schritte weiter, in der Sybelstraße 62, befindet sich die seit 2014 gemeinnützige Privat-Sammlung von Arno Morenz und seiner Familie. Die Elke and Arno Morenz Collection hat sich einer ganzen Strömung verschrieben: dem Lettrismus. Knapp 200 Werke umfasst die Kollektion sowie eine reiche Dokumentation des multimedialen künstlerischen Schaffens der Lettristen, ihrer Theoriegebilde und ihres damaligen lebendig-kritischen Austauschs mit den parallel stattfindenden Strömungen. Die Geschichte der Sammlung fand durch Elke Morenz, damals noch Elke Ploss, 1962 in Paris ihren Ursprung. Das für mich als Sammlungsforscherin immer wieder Beeindruckende ist, welche kraftvolle Leidenschaft Sammler aufbringen, um Künstler zu unterstützen, sie in Galerien und Museen zu vermitteln – oder sich für die Aufnahme einer ganzen Strömung in die kunstgeschichtliche Rezeption einsetzen. Am 9. September und während der Berlin Art Week am 14. und 15.9. eröffnet die EAMC: SO WAR DAS „BAUHAUS IMMAGINISTA“! Hierbei werden erstmals Neuanschaffungen von Werken von Simondo und Pinot Gallizio mit sehr raren Dokumenten aus dieser sehr bewegten kunsthistorischen Epoche gezeigt – und es soll etwas klargestellt werden:

Asger Jorn regte 1955 mittels Briefwechsels mit dem Architekten Max Bill in Ulm die Wiederbelebung des Bauhauses an. Dort erfolglos, gründete er mit Piero Simondo und Guiseppe Pinot-Gallizio in Italien das Programm „Bauhaus Immaginista“ (sie nannten es etwa: „Labor der internationalen Bewegung für ein fantasievolles Bauhaus“). Zwei Jahre später wurde diese avantgardistische Bewegung Jorn’s mit der Internationale Lettriste von Guy Debord zur Internationale Situationniste verschmolzen. Warum Guy Debord alle weiter malenden Künstler ausschloss, Asger Jorn aber weiter malen durfte, und viele andere Geheimnisse, verrät diese Ausstellung. Sich mit den dunkel-gleißenden Gedankengebäuden dieser Bewegung auseinanderzusetzen, lohnt übrigens auch. Schließlich ist die allgemein beliebteste situationistische Praxis das zweckfreie Umherschweifen, was sich ganz wunderbar im nächtlichen Berlin machen lässt.

Lettrisme Maurice Lemaître 1955. In der Elke and Arno Morenz Collection. Foto: №RA
Lettrisme Maurice Lemaître 1955. In der Elke and Arno Morenz Collection. Foto: №RA

Die Situationisten waren rund 70 Künstler und linke Intellektuelle in Europa, die vor allem in den 1960er Jahren aktiv waren. Sie beeinflussten die politische Linke, speziell im Umfeld des Pariser Mai 1968, entwickelten klar Methoden des Guerilla-Marketings und waren bedeutend für die internationale Kunstszene, insbesondere die Popkultur, bis die Gruppe 1972 ihre Selbstauflösung bekannt gab. Sie wollten die Waren abschaffen, die Lohnarbeit, die Technokratie und sämtliche Hierarchien: Dafür entwickelten sie ein Konzept der „theoretischen und praktischen Herstellung von Situationen“, in denen das Leben selbst zum Kunstwerk werden sollte. Situationistische Ideen kennen wir unter anderem von Aktionen der Fluxus-Bewegung und im Bereich der Performancekunst. Und immer, wenn ich aus solchen gut aufgearbeiteten Schauen gehe, suche ich nach den aktuellen Strömungen und frage mich, was von unserer zeitgenössischen Kunst wohl einmal in den Olymp der Kunstgeschichte aufgenommen wird?

Charlottenburg, Villa Erxleben, KleinervonWiese © Copyright Accord Estates 2018
Villa Erxleben, KleinervonWiese © Accord Estates

Zeit für eine Kunstpause bietet die Fahrt in die grunewald‘sche Douglasstraße 28, um dann in die sehenswerte neue Dependance der Galerie KLEINERVONWIESE zu gelangen: Die monumentale Gründerzeitvilla aus dem Jahr 1907 mit seinem prächtigen Park gehörte einst dem sehr wohlhabenden Bankier Julius Erxleben. Ein persönliches Relikt seines Lebens ist ein Ex Libris, mit dem er die Werke seiner Bibliothek versah. Es zeigt den in alten Büchern wurzelnden Baum der Erkenntnis und die Schlange, die sich um den Baumstamm windet. Ein luftiges Spruchband durchzieht den Baum mit der Prophezeiung: „Eritis sicut deus scientes bonum et malum“ (Ihr werdet sein wie Gott, erkennen das Gute und Böse). Julius Erxleben wählte in jenen entdeckungsfreudigen, turbulenten Jahren der Gründerzeit zu Beginn des letzten Jahrhunderts genau diese Passage aus der Genesis als seinen Favoriten. Mit der Gruppen-Ausstellung „bonum et malum“ zollt die Galerie KLEINERVONWIESE diesem Tribut und Ehr‘. Eröffnet wird am 7. September in der Zeit von 15 bis 22 Uhr und während der Berlin Art Week 2019 gibt es Sonderöffnungszeiten täglich 12 – 23 Uhr statt sonst bis 18 Uhr (vgl. Website). Ein schönes Ziel nach einem Messebesuch – sicher steht hier Prosecco kalt!

Charlottenburg Otto Blankenstein Ex libris Julius Erxleben 1903, Courtesy by KleinervonWiese
Otto Blankenstein Ex libris Julius Erxleben 1903, ge-nehmigt v. KleinervonWiese

Wenn Sie heute des Nachtens die Sophie-Charlotten-Straße entlangflanieren und die Seitenstraßen vom Ku‘-Damm, achten Sie unbedingt auf die Laternen mit Gasbeleuchtung: ihr gold-gelbes Licht sorgt für wunderbare Kerzenschein-Romantik. Der in Charlottenburg ansässige Verein Gaslicht-Kultur e.V. hat sich gegen ihren Abbau eingesetzt und zeigt Ihnen diese für Berlin typische Beleuchtungskultur auch auf extra organisierten Gaslichttouren.

Veröffentlicht am: 09.11.2019 | Kategorie: Ausstellungen, Berlin Flaneur, Kolumne Jana Noritsch, Redaktion-Tipp, | Tag: Flaneur,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verpasse keinen Kunst Event mehr...

Holler Box