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Kerim Seiler: Der Titel kommt zuletzt

29. August 2026 - 31. Oktober 2026

Eintritt frei
Kerim Seiler Sexauer Gallery: Ausstellungsansicht Der Titel kommt zuletzt mit der Installation Tschutschu und dem Raster der Holotypes

Die aktuelle Ausstellung „Der Titel kommt zuletzt.“ von Kerim Seiler bei SEXAUER vereint drei Hauptwerke: die raumfüllende Installation Tschutschu, die Neonarbeit Spaceknot (News), die wie eine filigrane Zeichnung im Raum von der Decke hängt, und ein Raster aus rund hundert gerahmten Tuschezeichnungen, die Holotypes.

Die Arbeiten umfassen eine Vielfalt an Techniken, Materialien und Formaten, verbunden durch ein gemeinsames Interesse am Raum als Ort von Atmosphäre, Bewegung und Begegnung. Tschutschu bietet mehr als hundert Besucher*innen die Möglichkeit, sich zu setzen und Teil der Arbeit zu werden. In ihrem Zentrum liegt ein offener Raum, ein Raum der Möglichkeiten.

Kerim Seiler ist beeinflusst von den Praktiken der Situationisten, für die Kunst nicht nur betrachtet, sondern erfahren und gelebt werden sollte. Guy Debord prägte den Begriff dérive für das ziellose Umherschweifen im öffentlichen Raum, bei dem man sich von Atmosphäre, Architektur und sozialen Situationen leiten lässt. Schon der Weg zur Ausstellung kann zum dérive werden: in Weißensee, jenseits des S-Bahn-Rings, vorbei an einem Lidl und einer Brache, führt eine Messingglocke an einer alten DDR-Fabrik unerwartet in einen White Cube.

Ein zentrales Konzept der Situationisten ist die Psychogeografie: das Wechselspiel zwischen räumlicher Umgebung und menschlicher Wahrnehmung, Bewegung und Verhalten. Anders als die Situationisten, denen es weniger um die Herstellung fertiger Werke ging, schafft Seiler autonome Objekte. Doch auch diese können eine Atmosphäre verändern, den Blick lenken, Bewegung beeinflussen und Möglichkeiten für Begegnungen schaffen.

Das strenge Raster der Holotypes bildet einen Kontrapunkt zur Installation. Fast instinktiv beginnt man, die Tuschezeichnungen wie Rorschachtests zu deuten, obwohl sie zunächst einmal Formen und Farben ohne feste Bedeutung sind. Unsere Deutungen hängen von unserer jeweiligen Situation ab: Wer belastet ist, sieht etwas anderes als jemand, der unbeschwert ist. So beeinflussen die Ausstellung und die Situationen, die sie erzeugt, wie wir jeden einzelnen Holotype wahrnehmen.

Aber Kerim Seiler wäre nicht Kerim Seiler, hätte er nicht noch ein weiteres spielerisches Element parat, um die Situation zu verändern. Mittels Vibe Coding schrieb er ein Programm, das alle 105 an Rorschachtests erinnernden Motive der Tuschezeichnungen deuten sollte. Das Programm sollte zudem festlegen, wann und wo jede Deutung stattfand. Ein Programm als universelle Testperson also. Folglich trägt die Rückseite jeder Arbeit ein Zitat der fiktiven Testperson, einschließlich der Angabe, wann und wo sie es geäußert hat. Diese Zitate sind in einer Liste zusammengefasst. Die Wahrnehmung dieser Zitate verändert die Deutungssituation für die Besucherinnen, da sie entweder ihre bereits bestehende Deutung mit der der fiktiven Testperson vergleichen oder sich davon zu einer eigenen Deutung anregen lassen können. Das führt zwangsläufig zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Werk. Selbstverständlich gibt es keine einzig gültige Deutung, weder von der fiktiven Testperson noch von den Ausstellungsbesucherinnen. Deutung hängt von der Identität der Person, vom Ort und vom Zeitpunkt des Deutungsakts ab und kann sich jederzeit ändern, je nach Situation.

Seilers Ausstellung Der Titel kommt zuletzt ist eine Bühne ohne vorgegebenes Skript. Was geschieht, entsteht durch die Besucher*innen, ihre Bewegungen, Begegnungen und ihr inneres Erleben. Oder wie Seiler es formuliert: Der Raum ist meine Leinwand, erst der Raum, dann die Bewegung, dann die Begegnung. Man weiß nie, was passieren wird. Der Name folgt der Situation, nicht umgekehrt. Der Titel kommt zuletzt.

Ausstellungsdauer
29. August bis 31. Oktober 2026

Ort
Sexauer Gallery
Streustraße 90, 13086 Berlin
Donnerstag bis Samstag 14 bis 18 Uhr
Eintritt frei

Details

Beginn:
29. August 2026
Ende:
31. Oktober 2026
Eintritt:
Eintritt frei
Veranstaltungskategorie:
Website:
https://sexauer.eu/
Eintritt: -

Veranstaltungsort

Sexauer Gallery
Streustr. 90
Berlin, 13086 Deutschland
Website:
http://sexauer.eu

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