Am Anfang steht der Faden. Aus einer einzelnen, biegsamen Faser entsteht durch Drehen, Verknüpfen, Verschlingen und Verdichten eine Struktur, die Ordnung schafft, ohne das Ungeordnete gänzlich aufzulösen. Der Faden verbindet, hält zusammen, markiert Verläufe und eröffnet zugleich die Möglichkeit, sich zu verfangen. In unserer Sprache finden sich dafür zahlreiche Bilder: Gedanken werden weitergesponnen, Zusammenhänge geknüpft, Geschichten entwirrt, man verliert den Faden oder verstrickt sich in Widersprüche.
Neun Jahre nach der ersten Ausstellung mit dem Titel Handmade by widmet sich die Galerie Deschler erneut der vielfältigen Beziehung von Kunst und textilen Verfahren. Handmade by—Part II, kuratiert von der Häkelkünstlerin Patricia Waller, versammelt internationale Positionen von Georg Haberler, Seet van Hout, Bouthayna Al Muftah, Sergio Roger, Magda Sayeg, Yukiko Terada und Joana Vasconcelos, deren Arbeiten die Grenzen zwischen Textilkunst, Skulptur, Installation und Malerei auf unterschiedliche Weise ausloten und die Auseinandersetzung mit dem schöpferischen Potenzial des Handgemachten mit neuen künstlerischen Ansätzen weiterführen. Neben den textilen Werken werden in der Ausstellung Holzskulpturen des vor zwei Jahren verstorbenen Künstlers Gerhard Kehl zu sehen sein, die einen weiteren Aspekt des handwerklichen Schaffens aufzeigen und in Dialog mit den textilen Arbeiten treten.
Was die Werke verbindet, ist nicht nur ein bestimmtes Material, der Faden, sondern auch eine Haltung gegenüber dem Prozess des Machens. Wo textile Techniken eingesetzt werden, wird Zeit selbst zu einem Bestandteil des Werkes. Wiederholung und Geduld treffen auf Konstruktion und Zufall; aus einzelnen Elementen entsteht ein Ganzes. Damit steht die grundlegende menschliche Erfahrung der textilen Arbeit, aus dem verworrenen und ungeordneten Chaos der Fasern, Fusel und Verfilzungen ein Gewebe herzustellen, für die entscheidende Fähigkeit, aus einer Vielzahl von disparaten Einzelteilen Zusammenhänge und Sinn zu schaffen.
Das Textile steht dabei nicht für eine abgeschlossene Gattung, sondern für ein Prinzip. Es kann sich ausbreiten, verdichten, verhüllen oder offenlegen, Körper und Räume definieren, Erinnerungen speichern und kulturelle Erfahrungen weitertragen. Die ausgestellten Arbeiten zeigen, wie aus dem scheinbar Einfachen komplexe Bild- und Bedeutungsräume entstehen können – zwischen Handwerk und Konzept, Intimität und Monumentalität, Ordnung und Auflösung.
Georg Haberler (AT)
Seet van Hout (NL)
Bouthayna Al Muftah (QA)
Sergio Roger (ES)
Magda Sayeg (US)
Yukiko Terada (JP/DE)
Joana Vasconcelos (PT)
Gerhard Kehl (DE)
HANDMADE BY – Part II
10. September 2026 – 24. Oktober 2026


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