Kühle Präzision trifft auf ein bebendes Chaos, das die Leinwand fast zerreißt. In der Galerie Friese prallen Welten aufeinander: Die Ausstellung Jaana Caspary Walter Stöhrer inszeniert den Dialog zwischen skulpturaler Neuerfindung und eruptiver Malerei. Während Caspary Alltagsobjekte spiegelt, verdreht und in Bronze zu organischen Rätseln transformiert, wirft uns Stöhrer mitten in ein emotionales Gewitter. Seine Werke vibrieren vor Energie und literarischer Tiefe. Es ist dieses Spiel aus radikaler Ordnung und berauschender Unordnung, das deinen Blick herausfordern wird – eine Begegnung, die Kunst als physische Spannung erlebbar macht.
In der Galerie Friese begegnen sich zwei Ausstellungen, die auf unterschiedliche Weise das Verhältnis von Bild, Raum und künstlerischer Energie untersuchen.
Jaana Caspary: Wenn das Alltägliche organisch wird
Jaana Caspary (*1988 in Wuppertal) studierte von 2007 bis 2014 an der Kunstakademie Düsseldorf und war Meisterschülerin von Prof. Didier Vermeiren. Während ihrer Ausbildung arbeitete sie als Assistentin im Atelier von Tony Cragg. Ausgangspunkt ihrer Skulpturen sind alltägliche, reale Gegenstände. Diese werden – einmal ausgewählt – zunächst abgeformt und dann gespiegelt, vervielfältigt, verschoben, verdreht und wieder neu zusammengesetzt.
So ergeben sich neue Arrangements oder eigene Objekte, die wiederum in neue Materialien wie Bronze oder Kunststoff gegossen werden. Sie sind aus ihrem Funktionszusammenhang gelöst und werden, zwischen Gefundenem und Erfundenem changierend, abstrakt und organisch, als Objekt an sich für den Betrachter erfahrbar. Caspary demonstriert auf eine konsequente Art das skulpturale Potenzial, das in alltäglichen Formen steckt.
2023 hatte Caspary eine umfangreiche Einzelausstellung im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal, wo sie auch eine große Außenskulptur präsentierte. Noch bis Februar 2026 ist eine Einzelausstellung der Künstlerin im von der Heydt-Museum Wuppertal zu sehen, die im Rahmen des Dieter Krieg-Preises mit dem Ankauf einer Skulptur verbunden war. Caspary lebt und arbeitet in Wuppertal.
In ihrer ersten Einzelausstellung in der Galerie Friese zeigt die Künstlerin neue Skulpturen und Zeichnungen.
Walter Stöhrer: El Hombre Invisible – Zwischen Figuration und Auflösung
Das konvoluthafte, zetteldurchwachsene, obszöne, mit Emotionen aufgeladene Zusammenballen divergierenden Materials in Malerei und Zeichnung faszinierte den 1937 in Stuttgart geborenen, 2000 in Scholderup gestorbenen Walter Stöhrer ein Leben lang. In der Ausstellung zeigen wir großformatige Arbeiten auf Papier und Leinwand aus drei Jahrzehnten und in außergewöhnlicher Qualität, die uns der Nachlass großzügigerweise zur Verfügung gestellt hat.
Man spürt – und sieht es auf jedem Bild – das Zittern der Erregung, den Bann des Chaos, das ihn antrieb, das Leben, die Gefahr, die Lust und das Gebändigte. Und wird Zeuge eines schönen Paradoxes, was gleichsam daraus entsteht: das Lakonische, das Einfache, das Bei-sich-Bleibende dieser Bilder, das man auch spürt. Das vitale Durcheinander reift zum Bild, und dabei spielt die Literatur eine tragende Rolle, weil sie den Triebgrund der Wirklichkeit gleichsam schon vorgeformt hat, ins sprechende Bild, dessen Umsetzung jeweils, durch die Irrtümer und Erzählungen hindurch, von Walter Stöhrer gefunden wurde.
Jaana Caspary & Walter Stöhrer – Skulpturale Abstraktion und malerische Dichte in Berlin
24. Januar – 07. März 2026


0 Kommentare