Kolumne: Der Sammlungskatalog „Connecting Works“ von Hans Bellstedt. Eine Rezension von Jana M. Noritsch.

Connecting Works“ von Hans Bellstedt

Kunstleben Berlin Kolumne von Jana Noritsch. „Connecting Works“ heißt der aktuelle Katalog über die Kunstsammlung des Berliner Kommunikationsunternehmers Hans F. Bellstedt. Das Sammeln und In-Verbindung-bringen von Kunstwerken ist demnach nicht abgeschlossen, sondern im Fluss: Ein sehr gelungener Titel, weil den Lesern sowohl die Tür zur vergangenen als auch zur zukünftigen Sammlungsgeschichte geöffnet wird. Wir bekommen einen ehrlichen und „privaten Zugang zur Kunst“ (S. 6) – und damit ist das Buch für junge wie erfahrene Sammler, Forscher, Künstler und alle Kunstinteressierten relevant.

Auf das wesentliche Selbstverständnis einer Kunstsammlung richte ich persönlich immer den ersten Blick: Ist sich die Sammlung eines eigenen Charakters bewusst? Unabhängig davon, ob wir eine öffentliche oder private Sammlung kennenlernen, ist dies (m)eine prinzipielle Maßgabe. Nicht der Geldwert oder die Popularität der Künstlernamen. Das hat zwei Gründe: Den simplen juristischen Grund des Urheberrechts, welches Sammlerinnen und Sammler auf die Kuration ihrer Kollektion (im Erbfall) haben. Und zugleich erkennen wir, ob eine Sammlung den Trends des Marktes hinterherrennt oder sich ein eigenes Tempo und unabhängige Inhalte zugesteht.

Voilà! Letzteres trifft auf die Sammlung Bellstedt zu. Auf mehr als 60 Seiten in tollem, elegant gestaltetem Format erhalten die Leser wunderbar aufbereitete Einblicke in die künstlerischen Positionen und den Aufbau der Sammlung in fünf Cluster.
Hans Bellstedt lässt uns teilhaben an den Überlegungen, dass nicht ein kunsthistorisch- musealer Kanon für die Unterteilung in Themenbereiche ausschlaggebend sein sollte. Vielmehr kategorisiert er die gesammelten Kunstwerke aus insgesamt 120 Jahren aus dem Blickwinkel jedes einzelnen Kunstschaffenden auf seine jeweilige Gegenwart – in: „Ursprünge“, „Farben“, „Formen“, „Fragen“ und „Aussichten“.

Harmonische, respektvolle Ausführungen lesen wir zu den Künstlerinnen und Künstlern, lebendige Beschreibungen ihrer Arbeiten – und wir erfahren zugleich spannende Hintergründe. Beispielsweise beginnt die Sammlung bei ihren „Ursprüngen“ mit Otto Modersohn, seinem Werk „Moorkanal“ aus dem Jahr 1896 und einem Tagebucheintrag des Künstlers.
Auf allen Seiten des Sammlungskatalogs werden die Anliegen der Künstler zu ihrer Zeit hervorgehoben. Und die bildgebenden Mittel beschrieben, mit denen sie gearbeitet haben – Malerei, Druckgrafik und Fotografie.

Der achtsame Leser nimmt zwischen den Zeilen behutsame Hinweise auf die Genealogie der Sammlung wahr: So schreibt nur jemand über die Stadt Bremen und ihre Umgebung, der sich dort sehr gut auskennt. Oder, wenn Bellstedt auf Tàpies’ farbintensive, gestische Lithografie aus „Berlin Suite“ (1974) eingeht, beginnt der Abschnitt mit „Ca-ta-lu-nya! Das Feuer der nach Unabhängigkeit strebenden Region im Nordosten Spaniens schlägt dem Betrachter dieser Arbeit unbändig entgegen.“

In nur wenigen Sätzen gelingt es dem Verfasser, komplexe Zusammenhänge aus dem Künstlerleben zu verweben mit kleinen Insidertipps, knappen Zitaten und vor allen Dingen einer spannungsgeladenen Atmosphäre. Da reichen einem die Gesamt- und die größere Detailaufnahme schon fast gar nicht mehr – die Lust, die echten Werke zu betrachten, entwickelt sich augenblicklich! Und so werden erstaunlicherweise allein aus den abgebildeten Kunstwerken „Glücksorte“ (adaptiert von S. 28) – und zwar von Walter Bertelsmann, Christian Brandl, Georges Braque, Eduardo Chillida, Peter Doig, Günther Förg, Axel Krause, Otto Modersohn, Ernst Wilhelm Nay, Daniel Richter, Jan Ros, Walter Stöhrer, Antoni Tàpies, Susa Templin, Günther Uecker, Victor Vasarely und Matthias Weischer.

„Connecting Works“ ist meine unbedingte Empfehlung (Berliner Bücher, ISBN: 978-3-00-067159-3).

Besichtigungsanfragen nimmt die Sammlung Bellstedt nach Verabredung, direkt über hfb@hansbellstedt.de, entgegen.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Weitere spannende Links:

Buch bei Amazon: https://www.amazon.de/Hans-Bellstedt
Buch bei Dussmann: https://www.kulturkaufhaus.de/bellstedt
Website Hans F. Bellstedt: www.hansbellstedt.de

Beitragsbild: Antoni Tàpies, aus „Berlin Suite“, 1974, Farblithografie auf Papier © VG Bild-Kunst Bonn 2020

Connecting Works“ von Hans Bellstedt
Walter Stöhrer. Titel: „Hautwechsel“, 1995, Mischtechnik (Acryl, Tusche) auf Papier, © VG Bild-Kunst Bonn 2020

 

Veröffentlicht am: 18.08.2021 | Kategorie: Kolumne Jana Noritsch, Literatur, Redaktion-Tipp,

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