Kolumne: Im Gespräch mit Franz Xaver Augustin, Direktor Goethe-Institute

Franz Xaver Augustin - Goethe Institut - Ludwig Graf Westarp -Kolumne Kunstleben Berlin

Eine Kunstleben Berlin Kolumne von Ludwig Graf Westarp. In Berlin-Kreuzberg im Bergmannkiez treffe ich Franz Xaver Augustin, Leiter der Goethe-Institute in Berlin (1995- 2001) und Vietnam (2002-2007), danach regionaler Direktor der 14 Institute in Südostasien, Australien und Neuseeland (2007 -2013), 2014 Gründung und Aufbau des neuen Instituts in Yangon/Myanmar, zum Interview.

Ludwig Graf Westarp: Was sind die Aufgaben des Goethe-Instituts?

Franz Xaver Augustin: Die klassischen drei sind:

  • die Vermittlung der deutschen Sprache (Unterricht, Prüfungen und Ausbildung von lokalen Deutschlehrerinnen und -lehrern)
  • ein umfassendes und ehrliches Informationsangebot zum kulturellen und sozialen Leben in Deutschland und Europa (Bibliotheken, Ausstellungen, Film, Musik, Design, Architektur)
  • der kreative Austausch zwischen Künstler/innen aus dem Gastland mit solchen aus Deutschland und Europa.

Es versteht sich, dass diese Aufgaben in den verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich wahrgenommen und eingelöst werden. In Tokio oder Paris ist selbstredend anderes gefragt als etwa in Hanoi oder Kinshasa. Ganz wesentlich für das Konzept des Instituts ist das Prinzip der partnerschaftlichen und nachfrageorientierten Zusammenarbeit mit den Szenen vor Ort. Es geht also nicht um Angebote, die zentral in Deutschland ausgedacht und in die Welt getragen werden, sondern stets um Projekte, die auf die kulturellen Gegebenheiten, Erwartungen und Bedürfnisse der Gastländer abgestimmt sind. Für Länder wie Vietnam hat sich in den letzten Jahren auf diese Weise der ergänzende Schwerpunkt „Bildung“ herauskristallisiert, d.h. vor allem Ausbildungsangebote für junge Menschen in Kulturberufen (Musik, Film, Fotografie etc.) sowie das Projekt „Zugang zum Wissen“ für Kinder und Jugendliche.

Ludwig Graf Westarp: Gab es Schwerpunkte in Ihrer Arbeit in Vietnam?

Franz Xaver Augustin: Der letzte Bereich, der auch unter dem Schlagwort „Kultur und Entwicklung“ firmiert, lag mir nicht nur in Vietnam, sondern auch später in Indonesien und Myanmar besonders am Herzen. Die Erfahrung zeigt, dass die Ausbildungsangebote zum Beispiel für junge Musikerinnen in diesen Ländern oft begrenzt und qualitativ eingeschränkt sind. Zwar können unsere Institute die Rolle eines guten Konservatoriums nicht ersetzen, doch lassen sich viele der Programme als Werkstatt anlegen, in denen Künstlerinnen aus Europa (Solistinnen und Dirigenten) mit jungen Musikern proben und nach einigen solchen Arbeitsphasen schließlich das Repertoire für öffentliche Auftritte entsteht. Die folgenden Konzerte geraten dann häufig zu großen Momenten auf dem musikalischen Lebensweg der jungen Leute, wenn sie vor großem Publikum ihr erweitertes Können unter Beweis stellen können. Unvergessen die Musikabende in den Opernhäusern von Hanoi und Saigon, wo begeisterter Applaus die Fortschritte des Nachwuchses quittierte. Die Dankbarkeit und Wertschätzung, die aus solchen Einsätzen zur Qualifikation der jungen Kreativen bei den heimischen Kulturinteressierten erwachsen, sind kaum zu überschätzen. Kein Gastspiel von noch so profilierten Ensembles aus Europa dürfte eine solches Maß an Sympathiewerbung für unser Land und die Arbeit des Instituts ergeben. Ähnliches wie für die Förderung musikalischer Talente lässt sich für die Erarbeitung von Choreographien mit jungen vietnamesischen Tänzerinnen sagen, oder auch für die Entwicklung von Ausstellungen zu lokalen Themen, bei denen junge Kuratoren Gelegenheit erhalten, ihren Horizont zu erweitern.

Einen besonderen Schwerpunkt im Bereich „Kultur und Entwicklung“ betrifft die Unterstützung von jungen Dokumentarfilmern. Das „Dok-Lab“, das wir im Institut in Hanoi einrichteten, hatte Vorbildfunktion für die ganze Region und wurde der vielleicht erfolgreichste Knoten in dem schließlich mit einer Menge EU-Geld geförderten DocNet South East Asia. Die rasanten sozialen und kulturellen Umbrüche in den Ländern SO-Asien zu reflektieren und zu dokumentieren, ist für viele junge Kreative ein faszinierendes Anliegen, besonders dort, wo heikle Themen schnell mit den Vorgaben der Zensur kollidieren. Die Arbeiten junger Dokumentarfilmer zu unterstützen, ist daher nicht nur eine handwerkliche Förderung der jungen Talente, sondern eben auch eine eminent politische Aufgabe. Aus der Initiative gingen über die Jahre mehrere international preisgekrönte Filme und eine ganze Reihe von jungen Filmerinnen hervor, die im besten Fall auch in den Medienhäusern ihrer Länder ein Auskommen und Ansehen fanden.

Nicht ganz so politisch, doch ebenso von großer gesellschaftlicher Bedeutung sind die Projekte zur „Wissensvermittlung“ für Kinder und Jugendliche. Wie benachteiligt junge Menschen in Ländern wie Vietnam gegenüber denen der sog. Ersten Welt sind, wenn es um den Zugang zum exponentiell wachsenden Wissen vor allem in den Naturwissenschaften geht, lässt sich leicht nachweisen: wenig altersgerechte Vermittlung von Wissen durch die Medien, veraltete Unterrichtskonzepte in den Schulen, keine einschlägigen Museen usw. Dies alles brachte uns dazu, ein alljährliches Festival mit wertvollen internationalen Wissenschaftsfilmen zu komponieren. Synchronisiert auf Vietnamesisch werden die Filme in den Schulen des Landes, z.T. auch in abgelegenen Gegenden gezeigt werden. Vor Jahren vom derzeitigen Institutsleiter in Hanoi erdacht und entwickelt, zählt dieses „WiFiFe“ mittlerweile zu den regionalen Erfolgsgeschichten und erreicht in Südostasien jedes Jahr über eine Million junger Menschen. Dieser Zuspruch legte es nahe, noch einen Schritt weiterzugehen und die systematische Ausbildung von jungen Redakteuren in Kooperation zwischen deutschen und lokalen Sendeanstalten aufzulegen. Ziel war und ist die professionelle Produktion von unterhaltenden Wissensfilmen zu Themen, die in der Region Kinder und Jugendliche besonders ansprechen: eine Art „Sendung mit der Maus“ übertragen auf die Erwartungen und Sehgewohnheiten Südostasiens…

Ludwig Graf Westarp: Wie groß ist das Interesse an deutscher Sprache und Kultur in Vietnam?

Franz Xaver Augustin: Das erste Goethe-Institut in Vietnam arbeitete bis 1975 in Saigon, danach war an eine Wiedereröffnung bis zum Ende der Sowjetunion und Doi Moi nicht mehr zu denken. Seit 1992 gab es Pläne für ein neues Zentrum in Hanoi, die allerdings erst 1998 verwirklicht wurden. Meine eigene Zeit in Vietnam begann Anfang 2002. Kurz nach Ankunft gelang es, die schöne Art-Deco-Villa an der Nguyen Thai Hoc nicht weit vom Literaturtempel für das Goethe-Institut anzumieten und zu renovieren. Das repräsentative Haus gehört dem Staat; es günstig auf längere Sicht zur Verfügung gestellt zu bekommen, war bereits ein deutlicher Beleg für die Aufgeschlossenheit auch der Behörden Vietnams für einen unmittelbaren kulturellen Austausch mit Deutschland. Es brauchte nicht lang, bis das neue Gebäude mit seinen Klassenräumen in den beiden Villenflügeln, der Bibliothek im Innenhof, dem Veranstaltungsraum und dem eigenen Restaurant zu einem gefragten, ja „angesagten“ Begegnungsort in Hanoi wurde. Die Nachfrage nach den Sprachkursen verdoppelte sich in der Anfangszeit Jahr für Jahr, auch die Kulturprogramme für die breitere Öffentlichkeit stießen von Beginn an auf regesten Zuspruch. Nach wenigen Jahren war das Haus so bekannt, dass am Flughafen den meisten Taxifahrern die Zielangabe „Vien Goet“ reichte, um den Gast an den richtigen Ort zu bringen – ein Umstand, der in wenigen großen Städten der Welt so anzutreffen sein dürfte. Von Anfang an spürte man das Interesse, das Wohlwollen, nicht selten sogar die Begeisterung, mit der unsere Arbeit in Vietnam aufgenommen wurde. Die Gründe sind vielfältig: die engen Beziehungen und menschlichen Verflechtungen zunächst mit der DDR und seit der Wende mit ganz Deutschland; die zahlreichen Akademiker/innen, darunter auch viele in Kulturberufen – Musiker, Maler, Filmemacher, Autorinnen, Übersetzer – , die in der DDR ausgebildet wurden; die generelle Wertschätzung für alles Deutsche (den meisten ist bekannt, dass die Silbe ‚duc‘ sowohl „deutsch“ als auch „Tugend“ bedeutet); und schließlich die tief in der vietnamesischen, konfuzianisch geprägten Kultur eingeschriebene Hochachtung für Bildung und alles Geistig-Kulturelle, was sich speziell auch auf die Musik, Kunst und Design, Film und Literatur aus den deutschen Ländern bezieht. Generell hat Deutschland in Südostasien nirgends mit Aversionen und kolonialen Altlasten zu kämpfen, doch eine solche Offenheit wie in Vietnam ist mir in keiner der Gesellschaften begegnet, in denen ich sonst in der Region arbeiten durfte. Nicht zuletzt zeigt sich dies auch im Eifer, mit dem in Vietnam unsere Sprache gelernt wird, in den meisten Fällen von jungen Menschen, die ein Studium an unseren Universitäten anstreben. Über die Jahre sind es tausende, die diesen Weg gingen und gehen und auf diese Weise ein überaus kostbares Verbindungsglied zwischen unseren Gesellschaften Jahr für Jahr weiter ausbauen. Nach 23 Jahren seines Bestehens ist für das Goethe-Institut auf diese Weise der Standort Vietnam (2004 konnten wir auch ein Zentrum in Saigon gründen) zu einem der erfolgreichsten und dynamischsten weltweit geworden.

Ludwig Graf Westarp: Sind Sie im kommunistischen Vietnam an Grenzen gestoßen, die Ihnen in der Kulturarbeit oder Kunstschaffenden gesetzt wurden?

Franz Xaver Augustin: Einer der Gründe für die sieben Jahre lange Spanne zwischen dem ersten Anlauf und der Gründung des Instituts 1998 waren die zeitweise festgefahrenen Verhandlungen um das Kulturabkommen zwischen unseren Ländern. Zu Recht besteht das Auswärtige Amt auf einem solchen Abkommen als Voraussetzung für jede Gründung eines Instituts. Der strittige Punkt betraf in Bezug auf Hanoi (wie an manch anderem Ort auch) vor allem die Frage der Zensurfreiheit für die Programme des Instituts in seinen eigenen Wänden. Dass sich das Bestehen des AA auf diesem Grundsatz schließlich durchsetzte, führte dazu, dass die ca. 140 qm unseres Veranstaltungssaales seither einen in Hanoi wahrscheinlich einzigartigen Freiraum des künstlerischen Ausdrucks darstellen. Ungezählt die Ausstellungen junger vietnamesischer Künstler/innen, die in der Nguyen Thai Hoc manchmal ihre ersten Auftritte feierten, die Filmabende, Vorträge und Seminare, bei denen es Inhalte zu sehen und zu diskutieren gab, die außerhalb unserer Mauern undenkbar waren. Auch hier gab es vereinzelt Versuche der Behörden, Einfluss zu nehmen – Posten vor dem Eingang zur Kontrolle der Besucherinnen, hin und wieder nächtliche Anrufe der „Kulturpolizei“ bei unseren einheimischen Mitarbeiterinnen – doch weitgehend hielt man sich an die Vereinbarungen des Kulturabkommens. Bezeichnend die Episode um den buddhistischen Lehrer Thich Nhat Hanh, dessen Portrait eine Fotoausstellung des Instituts in eine Reihe mit anderen weltbekannten spirituellen Führern stellte. Das Kulturministerium bat uns, das Bild des im französischen Exil wirkenden Mönchs zusammen mit dem des Dalai Lama aus der Schau herauszunehmen. Die Diskussion mit dem mir mittlerweile recht vertrauten Beamten verlief kontrovers, aber ruhig. Wir einigten uns schließlich darauf, dass im Fall der beiden Portraitierten der bei den anderen Fotos jeweils stehende Aphorismus nicht zu lesen sein sollte und außerdem das Goethe-Institut in den folgenden Wochen zusammen mit dem Hanoier Revolutionsmuseum eine Ausstellung über „Ho Chi Minh und Deutschland“ erarbeiten würde. Beide Ausstellungen wurden ein großer Publikumserfolg; und als Thich Nhat Hanh wenig später erstmals die Erlaubnis für einen Besuch in seiner Heimat erhielt, wurde das Goethe-Institut der einzige Ort eines öffentlichen Auftritts des Mönchs außerhalb der Pagoden Vietnams. Nur eine Videoübertragung in den Innenhof half uns damals dem Ansturm der Besucher Herr zu werden.

Strenger war die Zensur im öffentlichen Raum, in den Kinos, in der Oper, in größeren Ausstellungshallen. Lustig die Aufforderung der Behörden, die Originale des deutschen Künstlers Georg Baselitz, die wir anlässlich des ASEM-Gipfels 2004 im Nationalmuseum zeigten, doch gefälligst richtigherum aufzuhängen und uns nicht mit auf dem Kopf stehenden Bildern bei den internationalen Gästen zu blamieren. Oder die mittlerweile in einer Schweizer Sammlung firmierende Arbeit eines jungen Vietnamesen: eine Art Hollywood-Schaukel mit Kissen aus ca 150 Brusttaschen von Polizeiuniformen – Titel: „Die Windel“ und der Zusatz: „unbegrenzte Saug- und Aufnahmefähigkeit“. Versteht sich, dass diese Installation als Teil einer internationalen Ausstellung nicht länger als zwei Tage zu sehen war; dafür war der Zustrom zu dem an Ort und Stelle hängenden Foto der Arbeit in den folgenden Wochen umso größer.

Es gäbe noch viele ähnliche Anekdoten zu erzählen, heitere und ernstere, schrullige und weniger harmlose. Oft hatte ich aber bei den Diskussionen mit den Behörden den Eindruck, dass man durchaus spürte, mit den Eingriffen Interessantes zu behindern, man einer eher lästigen ideologischen Pflicht nachkam und das manchmal verschmitzte Lächeln hinter den strengen Zensorengesichtern nicht zu übersehen war. Einer der schönsten Erfolge auf diesem Feld war, dass wir gegen Ende meiner Zeit in Vietnam zusammen mit den europäischen Kolleginnen zu öffentlichen Diskussionsrunden einladen konnten, bei denen die Künstler Hanois mit hohen Vertreterinnen des Kulturministeriums in direkten Austausch traten und die Frage nach der Rolle und den Kompetenzen des Staates in Kunst und Kultur offen diskutierten. So hitzig dabei die Auseinandersetzungen im Saal oft gerieten, umso versöhnlicher war der jeweils anschließende Umtrunk im Innenhof des Instituts.

Solches war möglich und bezeichnend für die Zeit nach 2005, jener Tauwetterperiode im Umfeld der Verhandlungen um die vietnamesische Aufnahme in die WTO und die Vorbereitung des APEC-Gipfels, dem Treffen der führenden Politiker rund um den Pazifik in Hanoi 2006. Die damals allenthalben spürbare ideologische Entkrampfung war bekanntlich nicht von Dauer. Dass die Zügel zeitweise wieder sehr viel straffer gezogen wurden, bekamen auch meine Nachfolgerinnen im Institut vielfach zu spüren. Zu meinem großen Bedauern ließ sich schließlich selbst das Prinzip der grundsätzlichen Freiheit aller Veranstaltungen im Institut über die Jahre nicht mehr durchhalten.

Ludwig Graf Westarp: Auf welche Projekte, die Sie in Vietnam realisiert haben, sind Sie heute noch besonders stolz?

Franz Xaver Augustin: Auf einiges hab ich ja bereits ganz unbescheiden hingewiesen. Herausragend bleibt die Erfahrung einer großen Theaterinszenierung von Friedrich Dürrenmatts bekanntem Stück „Besuch der Alten Dame“ mit z.T. sehr prominenten, aus dem Fernsehen landesweit bekannten Schauspielerinnen. Möglich wurde das denkwürdige Projekt mit der sehr tatkräftigen Unterstützung von Schweizer Seite (Botschaft, DEZA, Sponsoren). Auch der Regisseur war Schweizer, die Bühnenbildnerin und der musikalische Leiter aus Deutschland, alle weitere Mitwirkenden Vietnames/innen (ca. 50 auf und rund 30 hinter der Bühne). Eine so große Theaterproduktion hatte es lange Jahre zuvor in Vietnam nicht mehr gegeben, und dürfte auch seither nicht mehr zu sehen gewesen sein. Die Übertragung des deutschen Textes übernahm eine bekannte in Berlin lebende vietnamesische Autorin. Auf diese Weise kam die gallige Parabel des großen Schweizer Autors auch nach Hanoi und Saigon, mitten hinein in das vietnamesische Wirtschaftswunder. Das europäische Pendant dazu hatte genau 50 Jahre zuvor Dürrenmatt zu dem Stück inspiriert. Es erzählt bekanntlich die Geschichte der immens reichen Alten Dame, die nach Jahrzehnten in ihren Heimatort zurückkehrt, um Rache an ihrem treulosen Liebhaber von einst zu nehmen und den Bewohnern ein Kopfgeld auf dessen Auslieferung anzubieten. Anfangs voller Entrüstung zurückgewiesen, entwickelt das Versprechen des großen Geldes dann aber doch in kleinen Schritten seine unwiderstehliche Wirkkraft… In der gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung um Vietnams Aufnahme in die Welthandelsorganisation traf diese sehr menschliche Erzählung erwartungsgemäß einen Nerv beim Publikum. Zigtausende sahen das Stück, vielleicht gerade auch deshalb, weil die staatliche Zensur alle Regieeinfälle, welche die Geschichte in die vietnamesische Aktualität transportierten, zu unterbinden suchte. Leider war dies wohl auch der Grund, warum die bereits fertigen TV-Aufnahmen der überaus unterhaltsamen und erfolgreichen Inszenierung schließlich doch nicht ausgestrahlt werden durften.

Ludwig Graf Westarp: Wie sehen Sie die Zukunft der Deutsch-Vietnamesischen Beziehungen – auch im Hinblick auf den Bereich Bildung und Kultur?

Franz Xaver Augustin: Ich denke, das Gesagte hat bereits klar gemacht, welches außergewöhnliche Potential im kulturellen Austausch zwischen unseren Ländern steckt. Die Chancen in diesem Bereich brauchen den Vergleich mit denen auf dem Feld der Wirtschaft gewiss nicht zu scheuen bzw. entwickeln sich in positiver Wechselwirkung zueinander. Seit meiner Zeit in den Anfangsjahren des Instituts in Vietnam haben sich viele der damals aufgenommenen Fäden weitergesponnen, neue Projekte kamen hinzu, nicht zuletzt auch im sog. Deutschlandjahr, das 2010/11 zeitgleich mit den 1000-Jahrfreiern von Hanoi stattfand. Die Zahl der jungen Vietnamesinnen, die jedes Jahr ein Studium in Deutschland aufnehmen, wuchs weiter und bleibt derzeit konstant hoch. Allein daraus ergibt sich eine ganz innige zukunftsträchtige Beziehung. Auch die Initiative zur Ausbildung von Pflegerinnen für deutsche Krankenhäuser und Altenheime stößt auf kontinuierlichen Zuspruch. Eher noch am Anfang stehen Initiativen zur beruflichen Bildung in Deutschland. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre dies noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit auch von vietnamesischer Seite für kulturelle Programme in Deutschland und auch, dass die Aus- und Fortbildungsangebote für junge Menschen nicht immer nur in die eine Richtung weisen, sondern auch von jungen Interessenten aus Deutschland in Vietnam wahrgenommen werden.

Franz Xaver Augustin (*1953) Studium der Geschichte, Politik und Romanistik in Freiburg, Grenoble und Rom, nach einem ersten Einsatz am Goethe-Institut in Madras/Chennai (Indien) 1990-1995, Leiter der Institute in Berlin (1995-2001) und Vietnam (2002-2007); danach regionaler Direktor der 14 Institute in Südostasien, Australien und Neuseeland (2007 -2013); 2014 Gründung und Aufbau des neuen Instituts in Yangon/Myanmar. Seit 2019 im Ruhestand, Olivenanbau in der Toskana, Coach und Mediator.

Veröffentlicht am: 22.10.2021 | Kategorie: Kolumne Ludwig Graf Westarp, Magazin,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verpasse keinen Kunst Event mehr...

Holler Box