Kurt Weills „Der Jasager“, komplettiert durch Reiner Bredemeyers „Der Neinsager“ in der Werkstatt der Berliner Staatsoper im Schillertheater

Sechzig Jahre nach der 1930 erfolgten Uraufführung in Berlin, komponierte Reiner Bredemeyer daselbst auch Brechts Schulopern-Text „Der Neinsager“, welcher nun – nach Aufführungen in Dessau und Stuttgart – erstmals auch in Berlin mit Kurt Weills „Der Jasager“ kombiniert wurde. In identisch abgezirkelter Bewegungsführung lässt Regisseurin Aniara Amos in der Werkstatt der Staatsoper beide Partituren bis zum entscheidenden Punkt der anderen Antwort auf die dem Kind brauchgemäß gestellte Frage abspulen.
Nach Komposition von Bert Brechts „Der Jasager“ war Kurt Weill nicht mehr bereit, auch noch den zugehörigen „Neinsager“ zu komponieren. Zu sehr schien ihm alles Wesentliche bereits in seiner 1930 vollendeten Schuloper ausgesagt, zumal in seiner Partitur – für den aufmerksamen Hörer – der Songspielton zu einer kritischen, paralithurgischen Weise mutiert, sobald der Chor das auf der Reise durch die Berge krank gewordene Kind auffordert, in die Schlucht zu springen und so seinem Leben ein Ende zu machen, damit die Reisenden ihren Weg unbehindert fortsetzen können.
Weills Betrag zur didaktischen Zielsetzung der Künste am Ende der Zwanzigerjahre, schraubte seine Ansprüche keineswegs herab auf die instrumentalen Möglichkeiten eines Schülerorchesters. Gleichwohl wurde „Der Jasager“ in den ersten zwei Jahren nach der Uraufführung an über 200 Schulen gespielt.
Selten dürfte Weills Partitur jedoch so perfektioniert geklungen haben wie in der jüngsten Produktion, mit einer Instrumentalformation aus Mitgliedern der Orchesterakademie und der Staatskapelle Berlin, unter der musikalischen Leitung von Max Renne, der neben dem souveränen, für die Sängerdarsteller nur per Monitor sichtbaren Dirigat, auch selbst das Klavier und das Harmonium spielt.
Die in Weills Partitur ad libitum notierten Bläser, Schlagzeuger und Saiteninstrumente, sowie die bratschenlosen Streicher, instrumentieren in der Berliner Staatsoper in vorgerücktem Alter, aber auf höchstem Niveau.
Dennoch klingt Reiner Bredemeyers mehr als ein halbes Jahrhundert jüngere Partitur, in bewusst gesetztem Brecht-Stil agitierend, weitaus weniger differenziert und pointiert.

Die Regisseurin, deren Vornamen den Opernfreund an Karl-Birger Blohmdahls gleichnamige, erste Weltraumoper erinnert, hat häufig mit Achim Freyer zusammen gearbeitet. Dessen spezifische Personenführung bestimmt auch die von Aniara Amos. Wenn nach der 20-minütigen Pause zwischen beiden Stücken, die Choreographie (mit Ausnahme hinzukommender, vom Komponisten vorgeschriebener Schlagakzente des Chores) ein zweites Mal identisch abläuft, so provoziert dies ein Déjà vu-Erlebnis, offenbart allerdings grundsätzlich die Fragwürdigkeit von Bewegungsabläufen, wenn diese, wie hier, im Musiktheater unabhängig von der zugrunde liegenden Musik erfolgen.
Brecht getreu, erfolgt eine neue Entwicklung des Spiels erst durch den Satz des Knaben, „Wer a sagt, der muss nicht b sagen. Er kann auch erkennen, dass a falsch ist“. War beim Weill-Stück die kranke Mutter, parallel zum Todessturz ihres Kindes, mit ihrem Stuhl tot zu Boden gesunken, so wird bei Amos am Ende der Aufführung aus der Schlucht die identische Wohnstube mit der nicht nur lebenden, sondern offenbar sogar gesundeten Mutter. Da die eigene Ausstattung der Regisseurin sich vordem auf die unterschiedliche Beleuchtung der auf beiden Seiten vom Publikum umgebenen, länglichen Spielfläche beschränkt hatte, hat dieser optische Schlusseffekt eine um so größere Wirkung,

Die Rolle des Knaben, die in vorangegangenen Produktionen häufig von Tenören verkörpert worden war, hatte in der Premiere dieser Inszenierung ein Dreizehnjähriger gespielt. Dessen Leistung wurde in der vierten Aufführung noch getoppt durch den erst elfjährigen Solisten Kaito Kinoshita, mit sicher geführtem Sopran und obendrein mit deutlich differenzierter Stimmgebung in den Passagen der unterschiedlich vertonten, identischen Texte. Die Altistin Maria-Elisabeth Weiler als seine Mutter und der Bariton Timothy Sharp als Lehrer sangen und gestalteten nicht weniger eindrucksvoll. Auch die drei solistischen Studenten (Magnús Hallur Jónsson, Martin Gehrke und Enrico Wenzel) und der 21-köpfige Jugendchor bestachen durch Präzision, der Chor bis hin zur Mimik der unteren Gesichtshälften, der sequenzierten Abfolge unterschiedlicher Mundstellungen. Alle Choristen tragen männliche bzw. weibliche, uniforme Masken mit den gleichen Glubschaugen, unisex gewandet in durchsichtigen rosa Plastikmänteln. Am oberen Ende der als Wanderstäbe, Waffen und Hindernisse geführten schwarzen Holzstangen stützt sich das Kind, wenn es über die Schultern der Choristen wandert. Im Finale des zweiten Stückes reicht der Chor seine Holzstangen an das Publikum weiter; auch die mögen, jeder Einzelne, „nicht feiger sein als sein Nachbar“ – so die vermittelte Lehrmeinung von Brecht-Bredemeyers Schuloper.

In der gut besuchten, aber nicht voll besetzten Werkstatt folgte das Publikum von Kindern und Erwachsenen Brechts Doppel-Handlung in der eindrucksvoll präzise abgezirkelten Choreographie mit großer Aufmerksamkeit und spendete intensiv Beifall.

Peter P. Pachl

Weitere Vorstellungen: 12., 14., 17. 18., 21. Mai 2013

Veröffentlicht am: 11.05.2013 | Kategorie: Kultur, Musik, | Tag:

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