Maike Freess – VERHANDLUNGSMASSE in der Luisa Catucci Galerie

Maike Freess - VERHANDLUNGSMASSE in der Luisa Catucci Galerie

Maike Freess hat immer wieder bewiesen, dass sie zweifelsohne eine Meisterin der Zeichnung ist. Ihre virtuose Zeichentechnik ist nicht nur reich an einer unerschöpflichen Quelle der Fantasie, sondern verbreitet eine angeborene, fast brutale Magnetkraft, die den Betrachter unfehlbar in ihr Universum katapultiert.

Maike Freess schafft dramatische Volumina, indem sie die Intensität ihrer feinen weißen Linien auf schwarzem Papier mit messerscharfen weißen Schnitten und kontrollierten Farbverläufen bricht. Sie gibt dem Papier grenzenlose Möglichkeiten und erhebt es von einem armen Material zu einem Verstärker von Emotionen, einem magischen Ort, an dem ihre dekonstruierte Realität lebendig wird.

In ihrem Zeichenprozess verwandeln sich die Motive, als würde etwas Verborgenes und Verdrängtes zum Vorschein kommen, etwas heimlich Erwünschtes, das Fiktion und Realität vermengt. Maike Freess’ Hand führt den Bleistift methodisch und klar, aber in den letzten Jahren spricht ihre Zeichnung immer abstrakter. Sie arbeitet an der Grenze zum Surrealismus, denn ihre Arbeiten erwecken den Eindruck, dass sie von einer Art poetischer Vision erzeugt werden. Das liegt daran, dass sich hinter ihren Figuren eine tiefe psychologische Arbeit verbirgt, wie ein Riss im Unterbewusstsein, in dem Erinnerung und Bewusstsein, Subjektives und Universelles ineinander übergehen.

Maike Freess DIE ERBEN 73 2022 various crayons, paper cut-out on paper, 40 x 30 cm
Maike Freess DIE ERBEN 73 2022 various crayons, paper cut-out on paper, 40 x 30 cm

In ihrer neuesten Werkserie stellt Maike Freess den Körper mit seiner unvollkommenen, begrenzten und instabilen Natur und seine Beziehung zur Psyche in den Mittelpunkt ihrer Forschung. Schon die alten Römer sagten: “Mens Sana In Corpore Sano”, um die unzerstörbare Verbindung zwischen der mechanischen Hülle des Menschen, dem Körper, und seiner flüssigen, transzendenten Ausdehnung, dem Geist, zu beschreiben. Die unvermeidliche Unvollkommenheit des Körpers weicht der Psyche in all ihren Aspekten, den spirituellen, humoralen und intellektuellen, genauso wie die Neigungen der Psyche den Körper beeinflussen. Der uralte Uroboro des menschlichen Zustands. In ihrer Arbeit konzentriert sich Maike Freess durch die Defragmentierung der Körperformen auf die Geburt der neuen Realität, die sie als eine Art künstliche Memoiren definiert, die aus der unvermeidlichen Verbindung zwischen diesem neu geformten “Corpore” und dem guten alten trickreichen “Mens” entstehen.

Die Schnitte in ihrer Arbeit stehen für den befleckten Verstand, die bewussten oder unbewussten Lücken im Gedächtnis und in der Psyche, die jenseits der Rationalität Unbehagen, Verleugnung und Miss-/Nichtverstehen erzeugen. In der Ausstellung überschreiten diese Wunden die begrenzten Grenzen des Kunstwerks/der Person/des Körpers und breiten sich über die Wände und den Boden aus, um ihre unerwartete und desorientierende Wirkung auch auf die Umgebung und die anderen zu unterstreichen, auch wenn dies nicht in der Absicht des Künstlers liegt. Darüber hinaus ist jedes Individuum sozialen und politischen Prozessen ausgesetzt, die auch psychologische Auswirkungen haben und zur Formung und Verformung des Körpers beitragen, der von der Künstlerin als Ort historischer Einschreibungen betrachtet wird. Maike Freess denkt tiefgründig über existenzielle Dilemmata nach und fragt sich, was einen Menschen zu einem Menschen macht, wie er sich als Mensch fühlt und wie der Einfluss des Geistes, der persönlichen Geschichte, der Umgebung und des politischen Wettbewerbs Gefühle und Handlungen bestimmen. Was wird aus der Menschlichkeit, wenn sie objektiviert und zum Verhandlungsobjekt wird? Eine Frage der Verhandlung.

“Was lässt uns menschlich sein und fühlen?

Nicht wie wir handeln, sondern durch ws sind wir bewegt oder bestimmt in dem, was wir tun?

Ich thematisiere hier die Verletzlichkeit des Menschen, das menschliche Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit, aber ebenso die oft brutale Realität, die durch Aggression, Angst, Gewalt und Schmerz beherrscht wird.  Mich interessieren die Formationen und Deformationen des Körpers, der zum Ort historischer Einschreibungen wird. So ist er Metamorphosen ausgesetzt, die durch persönliche, soziale und politische Prozesse ausgelöst werden. Das Innerste wird nach außen gestülpt. Der Körper, seine destabilisierte Körperhülle weicht unserer inneren Welt, unseren Zuständen, Befinden und Gedanken. Er verliert seine intakte Form, löst sich als ‚Defiguration‘ in fragmentierte, hybride Körper auf.

Ich suche die Verbindung der mentalen Ebene, die mit dem psychischen Raum korreliert und so eine neue Realität bildet, ähnlich einem künstlichen Tiefschlaf “.

Maike Freess

Biografie

Maike Freess wurde 1965 in Leipzig, Deutschland, geboren. Sie studierte von 1980-1985 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Deutschland. Von 1986-1990 studierte sie bei Prof. Inge Götze an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle/Saale, Deutschland, und erwarb dort 1990 ihren Master-Abschluss. Außerdem studierte sie von 1991-1992 an der Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts Paris im Multimedia-Atelier Christian Boltanski und unterrichtete 1997 an der Ecole des Beaux-Arts in Le Mans, Frankreich. Derzeit lebt und arbeitet Maike Freess in Berlin und Paris.

Maikes Werke wurden international in verschiedenen anerkannten Institutionen ausgestellt, darunter die Sammlung Ludwig im Museum Ludwig in Koblenz, die Fondation Maeght in Saint-Paul de Vence (Frankreich), das Von der Heydt-Museum in Wuppertal, Deutschland, das Musée d’Art Moderne et Contemporain (MAMCS) in Straßburg, das Museum of Contemporary Art in Osaka (Japan), das Von der Heydt-Museum in Wuppertal und der Kunstfonds, die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, die Collection du Fond National d' Art Contemporain / FNAC, das Museum of New Art – MONA in Detroit, und die Kunstsammlung Deutsche Bank in Halle/Saale. Maike hat auch an einer Reihe von internationalen Ausstellungen und Biennalen teilgenommen, darunter die Biennale de la Sculpture Contemporaine in Genf, die 8. Biennale in Peking, die Busan International Biennale und wurde mit dem Bronzepreis der Internationalen Osaka Triennale ausgezeichnet. Ihre Arbeiten wurden in Einzelausstellungen im Kulturhaus Karlshorst in Berlin, in der Von der Heydt-Kunsthalle in Wuppertal, im Grassimuseum in Leipzig und im Kulturhistorischen Museum Magdeburg gezeigt. In Frankreich und Deutschland sind mehrere Monografien über Maikes Werk und künstlerisches Wirken erschienen. Sie war auch Gegenstand mehrerer internationaler Zeitungsartikel. Ihr Name und ihre Werke wurden in ll Monde, Monopol, Remscheid-Bergische Morgenpost, Le Figaro, Westdeutsche Zeitung, Tagesspiegel, ART PRESS und vielen anderen erwähnt. Maike Freess arbeitet in vielen Medien: Fotografie, Video, Skulptur und Installation. Ihr Hauptgebiet ist jedoch die Zeichnung. Ihr zentrales Motiv – in all ihren Medien – ist stets die menschliche Figur, wobei sie sich meist auf das klassische, anonyme Kopf- oder Ganzkörperporträt konzentriert. Einige ihrer Arbeiten auf Papier sind von überwältigenden Dimensionen, die bis zu drei Metern reichen, wie man sie eher von Gemälden auf Leinwand kennt.

Maike Freess inszeniert ihre Ausstellung so, dass alle Medien ineinandergreifen, den Raum mit einbeziehen und den Besucher nicht nur visuell beschäftigen, sondern ihn mit seinem ganzen Körper in das Werk hineinziehen. Auch der virtuose Umgang mit den Zeichenwerkzeugen und die schier unerschöpfliche Vorstellungskraft, die in jedem einzelnen Blatt neue Formen, Motive und Metaphern findet und heraufbeschwört, haben eine solche Kraft, dass es nicht der ästhetische Genuss ist, der einen dazu bringt, sich weiter mit ihren Arbeiten zu beschäftigen. Maike Freess visualisiert die “Papierausschnitte” oder “Schnitte”, wie sie die von ihr erfundenen Papiercollagen nennt. Mit konstruktivistischer Strenge geschnitten, in ihrer zackigen Linienführung jedoch eher eine expressionistische Kunstform, durchziehen und durchkreuzen sie unseren Blick auf das Bild. Man könnte an die Experimente der Kubisten und Futuristen denken, die die Dinge auseinander nahmen, um sie gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Maike Freess – VERHANDLUNGSMASSE

13. Oktober – 26. November 2022

Luisa Catucci Gallery

Veröffentlicht am: 13.10.2022 | Kategorie: Ausstellungen, Top 3,

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