Jeewi Lee erhält den GASAG Kunstpreis 2026, und die Berlinische Galerie zeigt dazu ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Berlin: Sandbilder von Küsten, auf 3.000-fache Größe gedruckte Sandkörner und eine begehbare Gartenlandschaft in der Eingangshalle. Residual Memories läuft bis zum 5. April 2027.
GASAG Kunstpreis 2026 für Jeewi Lee: Berlinische Galerie zeigt Residual Memories
Im Rahmen des GASAG Kunstpreises 2026 präsentiert die Berlinische Galerie die erste institutionelle Einzelausstellung von Jeewi Lee in Berlin.
In ihren Werkserien aus Papierarbeiten, Skulpturen, ortsspezifischen Installationen und Interventionen verwendet die Künstlerin einfache, scheinbar wertlose Materialien, in die sich Spuren von Zeit und Vergänglichkeit als Erinnerungen eingeschrieben haben. Diese Spuren bilden den Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Forschung, die wissenschaftliche Materialuntersuchungen mit Aspekten taoistischer Philosophie und individueller Mythologie verbindet und daraus poetische, meditative Bildwelten entstehen lässt.
Unter dem Titel „Residual Memories“ richtet die Preisträgerin ihren Blick auf Sand, ein Material, das alltäglich erscheint und doch globale Bedeutung hat. Sand besteht aus Mineralien, Gestein, organischen Überresten und zunehmend auch Mikroplastik. Er steckt in Beton, Glas, Mikrochips und Wasserfiltern und bildet die Grundlage unserer gebauten Umwelt. Zugleich wird er weltweit in einem solchen Ausmaß verbraucht, dass er zu einer immer knapperen Ressource wird.
Field of Fragments
Die Ausstellung nimmt ihren Ausgang bei den seriellen Gemälden „Field of Fragments“, die Lee seit 2022 entwickelt. Diese Arbeiten bestehen aus Sand von Küstenregionen, in denen sich die Künstlerin über einen längeren Zeitraum aufgehalten hat. Auf den ersten Blick erinnert die Serie an die amerikanische Hard-Edge- und Colour-Field-Malerei der 1960er Jahre: klare Formen, minimale Kompositionen und eine Konzentration auf Farbe und Form. Anders als bei einem klassischen Colour-Field-Gemälde ergibt sich der Farbton jeder dieser Arbeiten jedoch vollständig aus der natürlichen Farbe des gewählten Sandes, dessen Herkunftsort im Titel genannt wird.
Dadurch tragen diese Gemälde konkrete Orte, die persönliche Erfahrung der Künstlerin und geologische Prozesse in sich. Sand zeigt sich hier nicht als neutrales Medium, sondern als Sediment einer Landschaft und als Speicher von Zeit, Erinnerung und Raum.
Sandkörner und Suseok
Seit 2024 arbeitet die Künstlerin mit dem Geometrieforscher Phillip C. Reiner zusammen, um skulpturale Arbeiten zu schaffen, bei denen einzelne Sandkörner mittels Nano-Computertomografie gescannt werden. In einer künstlerischen Übersetzung durchlaufen diese Scans anschließend eine komplexe digitale Bearbeitung und werden mithilfe eines speziellen Druckverfahrens bis zu 3.000-fach vergrößert. Die Vergrößerungen legen die feinsten Details jedes Korns offen und machen sichtbar, was dem bloßen Auge sonst verborgen bleibt. Die so entstandenen Skulpturen ermöglichen es den Betrachtenden, Struktur und Form jedes Korns als räumliche Erfahrung zu erleben. Zugleich wecken sie Assoziationen an reale Felsen oder Findlinge und an koreanische Suseok, Steine, die an Miniaturgebirge erinnern und in traditionellen koreanischen Gärten zu finden sind. Weitere Arbeiten, ebenfalls gemeinsam mit Phillip C. Reiner entwickelt, nutzen die Querschnitte aus den Scans, um Dichte und Zusammensetzung der Körner als charakteristische, ortsspezifische Merkmale sichtbar zu machen. Auf diese Weise hat Jeewi Lee ihre künstlerische Auseinandersetzung mit dem Material von der Oberfläche ins Innere des Korns erweitert.
Eine Gartenlandschaft in der Halle
In der Eingangshalle der Berlinischen Galerie hat Lee aus all diesen Werkgruppen eine immersive Gesamtinstallation komponiert. Gemälde, Videos, Skulpturen und Sandfelder verschmelzen hier, ergänzt um Klang und Licht, zu einer Landschaft von dystopischer und zugleich kontemplativer Anmutung. Die scheinbar zufälligen Sandflächen auf dem Boden und die vergrößerten Sandkörner fügen sich zu einer wohlgeordneten Szenografie, die an die Anlage asiatischer Gärten erinnert und die Besucher*innen einlädt, Teil der Choreografie zu werden. Die Lichtgestaltung entstand gemeinsam mit Thorsten Kosellek. Die 60-minütige Klanginstallation stammt von dem Komponisten und Klangkünstler Jared Meier-Klodt. Die für diese Komposition verwendeten Aufnahmen von Sand entstanden in alltäglichen, natürlichen und industriellen Umgebungen. Meier-Klodt zerlegt die Aufnahmen in Millisekunden kurze akustische Partikel, sogenannte Sound Grains, und setzt sie zu neuen, vielschichtigen Texturen zusammen. Die Ausstellung wird im Rahmen der Berlin Art Week 2026 eröffnet.
Jeewi Lee: Residual Memories, GASAG Kunstpreis 2026, 11. September 2026 bis 5. April 2027, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin. Geöffnet Mittwoch bis Montag 10 bis 18 Uhr, Eintritt 12 Euro, ermäßigt 7 Euro, frei bis 18 Jahre.
Mehr zur Ausstellung von Jeewi Lee (Berlinische Galerie) findest Du auf berlinischegalerie.de.


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