Die Ausstellung Self Studies zeigt zehn Künstlerinnen verschiedener Generationen, in deren Arbeit die Erforschung des Selbst zum Gegenstand wird – in Malerei, Zeichnung, Keramik und Textil. Der Körper, der erinnerte, geteilte, politisch besetzte, ist dabei der Ausgangspunkt: der Ort, an dem Selbstwahrnehmung und der Blick von außen aufeinandertreffen.
Die Arbeiten zeigen eine Erfahrungswelt, die facettiert und widersprüchlich ist, geprägt vom Spannungsfeld zwischen inneren Entwürfen und äußerer Zuschreibung, zwischen privatem Erleben und seiner gesellschaftlichen Dimension. Sie geben Raum, Identität in all ihrer Wandelbarkeit sichtbar zu machen, und befragen die überlieferten Bilder von Frauendarstellungen, die sie fortschreiben.
KARIN KNEFFEL (*1957)
Den Auftakt der Ausstellung bilden Karin Kneffels Bilder mittelalterlicher Madonnenskulpturen mit Kind – als Archetyp der weiblichen Darstellung. Es ist ein Akt der Wiederaneignung: Kneffel besetzt eines der ältesten Sujets der Kunstgeschichte – eines, das überwiegend von Männern dargestellt wurde. Ihre Bilder laden zum Verweilen und Zerlegen ein: Malerei als Verdichtung und Vergegenwärtigung, die das Schauen selbst sichtbar macht.
JESSICA JANE CHARLESTON (*1986)
Ausgangspunkt für Jessica Jane Charlestons zeichnerisch geprägte Arbeiten ist das Selbstporträt als eine Form der Selbsterkenntnis. Ihre Linie mäandert frei – als treibende Kraft, die den vielen Facetten von Identität und Gefühlen Gestalt gibt. An surrealistische Traditionen anknüpfend bildet der Zeichenprozess eine Form von Erkenntnis: Die Linie tastet sich vor, offenbart, entdeckt. Charlestons Figuren oszillieren zwischen Mensch und Tier, zwischen dem Erkennbaren und dem Fantastischen.
MADELINE DONAHUE (*1983)
Die Zeichnungen, Bilder und Keramiken der amerikanischen Künstlerin Madeline Donahue erzählen von einer Erfahrungswelt, die sich meist im Verborgenen abspielt: Sie thematisiert die Grenzerfahrungen der Mutterschaft und zeichnet dabei das Bild paralleler Identitäten – Mutter, sexuelles Wesen, Künstlerin – in unauflösbarer Spannung zueinander. Mit einem dezidiert weiblichen Blick rückt sie das Private ins Bild: als Ort, an dem sich die Transformation des Selbst vollzieht. Ihr Werk ist gekennzeichnet von einer stillen Dringlichkeit, die auf eine veränderte Wahrnehmung weiblicher Realität zielt.
AMBRA DURANTE (*2000)
Ambra Durantes Zeichnungen aus Bild und Text verfolgen den Akt des Denkens bei dem Versuch, sich selbst zu ergründen. Ihre Werke erzählen von den inneren Zuständen einer jungen Künstlerin und Frau. Der Spur der Linie folgend, zeigt Durante, wie sich Worte und Bilder in die eigene Identität einschreiben und wieder entgleiten – die Vorläufigkeit des Selbst erscheint als Ansammlung von überlieferten und erfahrenen Fragmenten.
ASANA FUJIKAWA (*1981)
Asana Fujikawas Keramiken zeigen weibliche Figuren in vertrauten Situationen, die in einem größeren Kontext der europäischen und japanischen Mythologie gelesen werden können. Sie sind in einem spezifischen Sinn unheimlich: Dem märchenhaften Wechselspiel von Freundlichkeit und Befremden, von verstörenden Erfahrungen und Idyll verleihen sie skulpturale Gestalt. Der kleine Maßstab lässt den Blick wie bei einer Miniaturwelt auf die Szenen fallen, in denen sich Fujikawas gefühlvolle Geschichten entfalten.
ROMANE HOLDERRIED KAESDORF (1922–2007)
Romane Holderried Kaesdorfs Zeichnungen sind geprägt von feinem Humor und einem im besten Sinne eigenwilligen Zeichenstil. Sie zeigen Gesten, Haltungen und Handlungen eines dynamischen Frauenkörpers in Interaktion mit alltäglichen Gegenständen. Ihre tiefe Auseinandersetzung mit Körperlichkeit und Autonomie rückt die Frau als handelndes Subjekt und ihre Perspektive auf die sie umgebende Welt in den Fokus.
NANA MANDL (*1991)
Die österreichische Künstlerin Nana Mandl verarbeitet analoge und digitale Bildfragmente zu textilen Collagen: Aufkleber, Bravo-Cover, Familienfotos und Handschriften treffen auf Instagram-Selfies und Bilder, die ihre digitale Bearbeitung offenlegen. Die aufwendigen handwerklichen Techniken konterkarieren die Schnelligkeit der digitalen Bilderflut und knüpfen zugleich an traditionell als „weiblich“ geltende künstlerische Techniken an. Ihre Themen schöpfen aus der Erfahrungswelt von Frauen, insbesondere Müttern: Das Private und das Kollektive, Selbstbild und der Blick der anderen, Erinnerung und Projektion werden in Mandls Arbeiten unauflösbar miteinander verwoben.
CATERINA RENAUX HERING (*1985)
Das Werk der brasilianischen Künstlerin Caterina Renaux Hering kreist um den weiblichen Körper – als Material und Bild. Im Zentrum ihrer Praxis steht die Zeichnung, von der aus sich das Werk in Malerei, Keramik, Kostüm und Performance entwickelt. In ihrem Atelier erfindet sie Techniken, Zeichnungen mit Silikon und Resin zu verbinden – sinnliche, hautähnliche Materialien, zwischen Objekthaftigkeit und Körperlichkeit. Ihre Formensprache erinnert an die Klassische Moderne, doch es ist ein unverkennbar weiblicher Blick, der den Körper betrachtet, von innen heraus, geprägt von einem radikalen sinnlichen Ausdruckswillen.
BABETTE SEMMER (*1989)
Babette Semmer arbeitet mit medial überlieferten Bildern der Popkultur. In ihrer speziellen Maltechnik aus Ölfarbe und Sand transformiert sie fotografische Vorlagen in stimmungsvolle Situationen auf der Leinwand, lädt sie mit persönlicher Geschichte auf, verschiebt Zusammenhänge, befragt unser kollektives Bildgedächtnis. Häufig zeigen ihre Bilder Frauen in alltäglichen Situationen und reflektieren dabei die Darstellungskonventionen und Projektionen vergangener Zeiten. Die an die analoge Fotografie erinnernde Körnung des Sandes macht den Eingriff lesbar, schafft Distanz und Spielraum malerischer Interventionen.
JENNY WATSON (*1951)
Jenny Watsons Werk ist von Punk und Feminismus geprägt. In den 1970er Jahren entwickelte sie eine bewusst naive, intuitiv zugängliche Bildsprache. Auf Stoff, Papier und Fundstücken malt sie autobiografische Szenen aus Alltag, Reisen, Träumen und Erinnerungen, oft begleitet von gemalten Texttafeln. Selbstporträts und Pferde kehren immer wieder: aus dem eigenen Leben gegriffen, zugleich vertraut als Projektionsflächen weiblicher Fantasie. Über fünf Jahrzehnte hat Watson die Erfahrungs- und Vorstellungswelt von Frauen zum Gegenstand ihrer Kunst gemacht.
SELF STUDIES
Künstlerinnen:
Jessica Jane Charleston, Madeline Donahue, Ambra Durante, Asana Fujikawa, Romane Holderried Kaesdorf, Karin Kneffel, Nana Mandl, Caterina Renaux Hering, Babette Semmer, Jenny Watson
04. Juli – 29. August 2026
Galerie Friese
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