Hohes Weiß, tiefes Schwarz und manchmal Rot im Verein der Berliner Künstlerinnen 1867

Hohes Weiß, tiefes Schwarz und manchmal Rot, Verein der Berliner Künstlerinnen 1867

Einmalig vielfältig und originell multipel: Auch wenn Grafik nicht auf das Unikat zielt, kann doch jeder druckgrafische Abzug als Original angesehen werden, gleichgültig, wie viele Exemplare des Drucks vorhanden sind. Nach einer einprägsamen Definition von Erich Brauer handelt sich dann um Originalgrafik: „wenn die künstlerische Gestaltung des Bildes mit der Technik eines bestimmten Druckverfahrens untrennbar verbunden ist.“1. und sie verweist auf den Einfluss des Druckprozess auf die Bildfindung. Dabei kann auch jeder Abzug ein eigenes Original werden.

Die künstlerische die Grafik stammt vom Einblattdruck. Dies war in der Frühzeit ein Holzschnitt, der nicht als textbegleitende Buchillustration, sondern als eigenständiges druckgrafisches Erzeugnis produziert wurde. Diese Einblattholzschnitte sind die eigentlichen Inkunabeln des Bilddrucks. Sie existierten vermutlich bereits im 14. Jh. ab der Frühzeit des 15. Jh. gab es sie bereits in großer Zahl. Auf ihre die Funktion als eigenständiges Bild weist die damals nur selten fehlende Handkolorierung. Die ersten Einblattdrucke zeigten vor allem biblische Szenen und Heiligenbilder und entstanden aufgrund eines wachsenden Bedarfs nach diesen Andachtsbildern. Billiger, schneller und produktiver als mit den zuvor in Klöstern manuell gezeichneten Bildchen ließ sich der Wunsch breiter Bevölkerungsgruppen nach privatem Bildbesitz befriedigen. Doch zeugen sie wie analog zu den Hausaltären und Stundenbüchern des 14. Jahrhunderts von einer Tendenz zur privaten Andacht, die die Gefühlswelt des Einzelnen betont.

Ein Sonderfall des Einblattdrucks sind die „Flugschriften“ genannten Flugblätter. Flugblätter waren für die (Kommunikations-)Kultur der Frühen Neuzeit von herausragender Bedeutung und hatten als Träger prägnanter Literatur und Bildsprache vom 15. bis zum 18. Jahrhundert Einfluss auf nahezu alle Lebensbereiche. Ähnlich wie heute WhatsApp, Twitter & Co dienten sie Werbezwecken, verbreiteten öffentliche Botschaften, wissenschaftliche Erkenntnisse aber auch Gerüchte und Falschmeldungen und waren das ideale Instrument für politische und gesellschaftliche Kundgebungen.

Die grafischen Techniken wurden zur Zeit ihrer Entwicklung nicht für einen speziellen künstlerischen Gebrauch entwickelt und anfangs auch nicht gezielt von Künstler*innen genutzt. Doch bald entdeckten sie das der Grafik inhärente künstlerische und werbetechnische Potential. Albrecht Dürer führte sowohl den Holzschnitt als auch den kurz danach entwickelten Kupferstich künstlerisch zur Perfektion. Doch er sah genau wie andere namhafte Künstler*innen die Bedeutung der Druckgrafik auch darin, den eigenen künstlerischen Ruf zu verbreiten und über den Vertrieb der Blätter Einkünfte zu generieren. Der Vertrieb druckgrafischer Blätter hatte zur Folge, dass neue künstlerische Entwicklungen schnell in ganz Europa Verbreitung fanden.

Die Palette der grafischen Techniken wurde durch die Entwicklung der Radierung erweitert, die als erste druckgrafische Technik einen individuellen Zeichenstil wiederzugeben vermochte. Mit der mechanischen Schabtechnik, der Mezzotinto, gefolgt von dem chemotechnischen Verfahren der Aquatinta konnten Flächen und sanfte Farbverläufe moduliert werden. Die Lithografie setzte die chemo-technische Rationalisierung der Drucktechniken fort. Mit ihr verbreitete und beschleunigte sich die Herstellung der Druckplatten und sie konnte sich der sich rasch ausbreitenden Tagespresse andienen. Für die Künstler*innen entstanden nicht nur weitere Ausdrucksmöglichkeiten, sondern auch neue Berufsfelder: sie konnten als Zeitungszeichner*innen und Karikaturist*innen arbeiten.

Künstlerisch war Grafik ein Medium für Experimente, formal und inhaltlich. Sie tastete sich in vielen Zustandsvariationen an die gültige Version heran wie bei dem berühmten Hundertguldenblatt Rembrandts, sie war karikierende Aufklärung, klagte gesellschaftspolitische Zustände an und beschrieb ein Welttheater der Niedertracht, wie bei Goya mit seinen Los Caprichos und den Desastres de la Guerra, seinem Vorgänger Callot und Les Miseres Et Les Mal-Heurs De La Guerre oder seinem Nachfolger Honoré Daumier mit seinen Lithografien für die satirischen Zeitschriften La Caricature und Le Charivari. Die Kraft der künstlerischen Grafik lag auch darin, die Form spielerisch über das Experiment zu finden und abseitige und gesellschaftlich-brisante Themen bildgewaltig an der Zensur vorbei zu formulieren.

Ausstellungsansicht "Hohes Weiß, tiefes Schwarz und manchmal Rot" zum Tag der Druckkunst
Ausstellungsansicht “Hohes Weiß, tiefes Schwarz und manchmal Rot” zum Tag der Druckkunst

Die Ausstellung Hohes Weiß, tiefes Schwarz und manchmal Rot des VdBK 1867 umspannt das ganze Potenzial des Druckes: mit einer Bandbreite druckgrafischer Techniken, literarisch inspirierter Grafiken, intimen Blättern, tastenden Momentaufnahmen und künstlerisches Novitäten, die im Grenzbereich zwischen digitaler Reproduktion und künstlerischer Handschrift siedeln. Sie zeigt neben grafischen Blättern ihrer aktuellen Mitglieder auch historische Positionen des Vereins, die sich, allen voran Käthe Kollwitz, oft so intensiv mit den grafischen Techniken beschäftigten, dass sie mit dem Medium ikonische Werke und Werkreihen schufen. Dank wunderbarer Leihgaben kann der VdBK 1867 in der Ausstellung auch neun Selbstportraits Kollwitz’ zu zeigen, in denen sie sich in ihrer formgewaltigen, die Wirklichkeit nie beschönigenden Art von ihren jungen Jahren bis ins hohe Alter konterfeite. Die erste Druckgrafikausstellung in den neuen Räumen des Vereins gibt den Besucher*innen die vermutlich letzte Chance, die Blätter in einem Zusammenhang zu sehen. Dem Verein ist es mit dieser und weiterer großzügiger Leihgaben mit großartigen Blättern von Julie Wolfthorn, Renée Sintenis und Anderen gelungen, einen weiten Bogen von seinen historischen Anfängen mit den beeindruckenden grafischen Arbeiten der ehemaligen bis zur lebendigen Gegenwart mit den zeitgenössischen Interpretationen der heutigen Mitglieder aufzuspannen.

Text: Cornelia Renz

Hohes Weiß, tiefes Schwarz und manchmal Rot

Mit: Paula Anke, Laura Bruce, Hanna Hennenkemper, Sabine Herrmann, Friederike Jokisch,

Friederike Klotz, Pauline Kraneis, Mara Loytved-Hardegg, Murshida Arzu Alpana, Cornelia
Renz, Susanne Schirdewahn, Vera Schwelgin, Anja Teske

Und: Alice Brasse-Forstmann, Annalise Pilasik, Käthe Kollwitz, Charlotte E. Pauly, Renée
Sintenis & Julie Wolfthorn

Laufzeit:

17. März bis 17. April 2022

Donnerstag, 15:00 bis 19:00, Samstag und Sonntag,14:00 bis 18:00

Haus Kunst Mitte

Veröffentlicht am: 12.04.2022 | Kategorie: Ausstellungen, Kultur, Kunst, Top 3,

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