Video: Rembrandts Orient. Museum Barberini

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Am vergangenen Samstag (13.03.2021) öffnetet das Museum Barberini die von uns lang ersehnte Ausstellung Rembrandts Orient. Die Schau war für Sommer 2020 in Potsdam geplant, wurde Pandemie-bedingt auf Frühjahr 2021 verschoben. Was für ein Genuss, nach so langer Zeit wieder ein Museum und solche eine wunderbare Ausstellung (dunkelgrüne Wände!) besuchen zu dürfen.

Rembrandt und seine Zeitgenossen waren fasziniert von den fernen Ländern, deren Waren im 17. Jahrhundert in großer Zahl in die Niederlande importiert wurden. Die Begeisterung für das Fremde wurde zu einer Mode, die eine neuartige Kunst entstehen ließ: Der Realismus der Malerei verband sich mit Wunschbildern und phantastischen Projektionen. Auch biblische Geschichten wurden mit exotischen Elementen angereichert. Wie uns heute auffällt, wurde die Kehrseite dieser Weltaneignung nicht dargestellt: das Machtgefälle zwischen den Kulturen, das sich auch in Sklaverei, Gewalt, Ausbeutung und Handelskriegen zeigte. Rembrandts Gemälde mit orientalischer Anmutung spiegeln die Faszination des Exotischen. Lebensnah und zugleich verfremdet stellten sie eine Gegenwelt zum Alltag der calvinistischen Niederlande dar. Sie waren keine spielerische Verkleidung, sondern eine Selbstbefragung unter anderen Vorzeichen. Dieses für die Kunst so wichtige Thema wird jetzt erstmals in einer Ausstellung gewürdigt.

Die Ausstellung thematisiert die damaligen Bilder des Fremden. Die Levante, der östliche Mittelmeerraum, und Asien wurden noch in Rembrandts Zeit Orient genannt. Heute ist der Begriff belastet, weil der Orientalismus des 19. und 20. Jahrhunderts eine eurozentrische Haltung durchsetzte. Im Titel der Ausstellung Rembrandts Orient signalisiert der Genitiv, dass es um die damals mit diesem Begriff verbundenen Vorstellungen geht. Die Kunst- werke der Potsdamer Schau sind Zeugnisse der ersten Globalisierung und zeigen den Einfluss fernöstlicher Kulturen in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Dabei ist Rembrandt mit seiner Faszination für „den Osten“, die sich in seinen biblischen Historien mit orientalisierenden Gewändern, in Portraitstudien (Tronies) von „Orientalen“ und in seiner Sammlung exotischer Objekte zeigt, der Ausgangspunkt. Rembrandt-Schüler wie Isaak de Jouderville und Jan Victors verwendeten ebenso wie ihr Lehrer für Szenen aus der Bibel phantasievolle Turbane. Sie statteten sogar in portraits histoirés die Dargestellten mit orientalisierenden Kostümen aus. Die Selbstinszenierung in solcher Kleidung und vor orientalischen Teppichen war ein Statussymbol wohlhabender Bürger, für das auch Beispiele von Michiel de Musscher und Ferdinand Bol gezeigt werden.

Die Ausstellung thematisiert auch den globalen Handel, der exotische Objekte wie Porzellan oder Nautilusmuscheln in die Niederlande brachte, wie sie Willem Kalf oder Jan van der Heyden als Zeugnisse von Sammelleidenschaft und Weltaneignung in ihren Stillleben malten. Nur wenige Kunstwerke dokumentieren eine konkrete Begegnung zwischen West und Ost wie etwa Aegidius Sadeler II. im Kupferstich Bildnis des Mechti Kuli Beg oder die vormals Cornelis Visscher zugeschriebene Zeichnung Drei Männer mit einem Folianten in einem Kontor. Dass der Reichtum der niederländischen Oberschicht auch durch Gewalt und Unterdrückung im Fernen Osten, durch Sklaverei und Handels- kriege, zustande kam und einen hohen menschlichen Preis – auch unter den eigenen Seeleuten – forderte, hat in den Kunstwerken keinen Niederschlag gefunden. Diese Kehrseite lässt sich zumindest indirekt in allgemein gehaltenen Schlachtenszenen von Jacques Muller, Johannes Lingelbach oder Philips Wouwerman zeigen.

Während der Orient durch exotische Objekte und Kleidung in den niederländischen Bürgerhäusern des 17. Jahrhunderts präsent war und zahllose Berichte über Reisen in den Osten publiziert wurden, erkundete kaum ein Künstler die fernen Länder vor Ort. So blieben der Orient und das Orientalische in der niederländischen Bildwelt jener Zeit ein Konstrukt aus Versatzstücken, Stereotypen und Imagination. Das Fremde wurde geschätzt und in den Lebensstil integriert. Aber das war zumeist nicht mehr als eine Attitüde, denn das Interesse galt weniger den anderen Kulturen als ihren materiellen Zeugnissen und Hervorbringungen, die aufgrund ihrer Kostbarkeit und des damit verbun- denen Prestiges begehrt waren. Die west-östliche Begegnung fand nicht auf Augenhöhe statt, zu einem auf Gleichwertigkeit beruhenden Austausch kam es nicht. Das Fremde war ein reizvoller Kontrast zum Eigenen, aber es erregte kaum tiefergehende Anteilnahme. Das war bei Rembrandt nicht anders als bei seinen Zeitgenossen, und an dieser Ein- stellung hat sich – und zu dieser Reflexion lädt die Ausstellung ein – bis heute in weiten Teilen der westlichen Welt nichts geändert. So bietet die Schau die Möglichkeit, diesen bis heute andauernden Eurozentrismus zu hinterfragen.

Zu den mehr als 50 internationalen Leihgebern gehören u. a. das Rijksmuseum in Amsterdam, die Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen, Dresden, der Prado, Madrid, die National Gallery of Art in Washington, die National Gallery London und das Kunsthistorische Museum Wien.

Eine Ausstellung des Museums Barberini, Potsdam, in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Basel, unter der Schirmherrschaft von S. E. Wepke Kingma, Botschafter des Königreichs der Niederlande in Deutschland.

Rembrandts Orient.

Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts.
Ausstellung bis zum 27. Juni 2021

Museum Barberini
Alter Markt
Humboldtstraße 5-6
14467 Potsdam

Öffnungszeiten:
Montag, Mittwoch bis Sonntag: 10 bis 19 Uhr
Dienstag: geschlossen
Jeder erste Donnerstag im Monat 10 bis 21 Uhr

Eintritt
Montag, Mittwoch bis Freitag: 16 Euro / 10 Euro
Samstag und Sonntag: 18 Euro / 12 Euro

Veröffentlicht am: 16.03.2021 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, Redaktion-Tipp, Top 3,

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