Das Jüdische Museum Berlin zeigt (JMB) vom 4. September an die Ausstellung Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart. Sie geht vom Heute aus, von einer Situation, die oft als bedrückend und ausweglos wahrgenommen wird. In dieser Lage regen zwölf künstlerische Projekte dazu an, dem Status quo andere Vorstellungen entgegenzusetzen: geschichtlich überlieferte, neue und eigene. Das Publikum ist eingeladen, die eigene Vorstellungskraft zu erkunden, ihre Grenzen und Beschädigungen wahrzunehmen, ihr verschüttetes Potenzial wachzurufen. Die Perspektive der jüdischen Minderheit, die im Lauf ihrer Geschichte vielen unerträglichen Gegenwarten standhalten musste, ist einer ihrer Ausgangspunkte. Das Gegenteil von Jetzt fragt nach einer Umkehr, einem Gegenteil, einem besseren Leben für alle.
Die Ausstellung bildet den Höhepunkt des Museumsprogramms anlässlich des 25-jährigen Jubiläums. Die gezeigten Kunstprojekte wurden eigens für die Jubiläumsausstellung entwickelt – von Yael Bartana, Andrea Büttner, Chto Delat International, Arnold Dreyblatt, William Forsythe, Dana Kavelina, Alexander Kluge, Daniel Laufer, Dor Zlekha Levy, Ari Benjamin Meyers, Alona Rodeh und Eran Schaerf. Das Museum hat allen Künstler*innen vorab ein Radiogespräch von 1964 an die Hand gegeben, in dem Ernst Bloch und Theodor W. Adorno Möglichkeiten der Utopie heute diskutierten. Die Philosophen jüdischer Abstammung hatten vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen müssen. Einig sind sich die beiden darüber, dass sich das Bestehende im Ganzen ändern müsste. Das Bessere lässt sich nicht im Ganzen „auspinseln“, aber das Gespür für die Richtung, in der es zu finden wäre, lässt sich schulen.
Diesen Bezug auf das Ganze greift Das Gegenteil von Jetzt auf. Die Arbeiten fragen nach grundsätzlicher Erneuerung als subjektiver Erfahrung und kollektivem Ziel. Yael Bartana, Andrea Büttner, Arnold Dreyblatt, Alexander Kluge und Daniel Laufer knüpfen an messianische Überlieferungen an, an Konzepte von Umkehr, Hoffnung und Erlösung, die sich in der jüdischen Geschichte immer wieder mit erfahrener Not und Verfolgung verschränkt haben. Ari Benjamin Meyers erinnert daran, dass Erneuerung jederzeit möglich ist: Die Sängerinnen seines Chors der Zeitastronauten sind über 90 Jahre alt. Sie werden in den Räumen der Ausstellung immer weiter proben, immer wieder neu ansetzen. Die Ukrainerin Dana Kavelina, die russische Exilkünstlerinnengruppe Chto Delat International, die Israelis Dor Zlekha Levy und Alona Rodeh reflektieren die Funktion utopischen Denkens in einer aktuellen Krisenlage. Eran Schaerf – ebenfalls israelischer Herkunft – erinnert an die Autorin Jacqueline Kahanoff und ihr Modell des Levantinismus: ein am östlichen Rand des Mittelmeers verankertes, aber vergessenes Nebeneinander von Mehr- und Minderheiten, das sich an jedem Ort anders zusammensetzt. William Forsythes choreografische Anweisungen schließlich demonstrieren, dass der Bruch mit bestehenden Mustern zutiefst verunsichert, vielleicht auch scheitert, und dennoch von jedem vollzogen werden kann.
Die Realisierung der Ausstellung wird maßgeblich ermöglicht durch die FREUNDE DES JMB. Weitere Unterstützung erhält das Projekt durch die Aventis Foundation, die Berliner Sparkasse und die Stiftung am Grunewald.
Beitragsbild: Yael Bartana, The Birds (Die Vögel), Videostill, 2026; Courtesy of Annet Gelink Gallery, Amsterdam; Sommer Contemporary Art, Tel Aviv; Galleria Raffaella Cortese, Milan; Petzel Gallery, New York; Capitain Petzel, Berlin and Cecilia Hillström Gallery, Stockholm
Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart
4. September 2026 – 10. Januar 2027
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