Alexander Iskin Sexauer Gallery: Interrealismus und Natur

Ölgemälde IT'S ALWAYS THE MOON von Alexander Iskin zeigt abstrakte Formen in dunklen Tönen.

Tausende winzige Panzer bahnen sich unter dem fahlen Licht des Neumonds ihren Weg durch den Sand von Oaxaca, während das Rauschen des Pazifiks die einzige Melodie einer existentiellen Reise spielt. In der Alexander Iskin Sexauer Gallery Ausstellung „What if“ … forever hat der Künstler diesen magischen und zugleich grausamen Moment des Schlüpfens nicht nur beobachtet – er hat ihn gelebt. Als Erfinder des Interrealismus nutzt Alexander Iskin die Sexauer Gallery als Raum, um seine tiefgreifenden Erfahrungen aus Mexiko visuell zu verarbeiten. Während er als Volunteer im Schildkrötenzentrum kranken Tieren beistand, transformierten sich diese rohen Natureindrücke in komplexe Leinwandwelten. In der Kooperation Alexander Iskin Sexauer Gallery zeigt sich Malerei als spiritueller Tauchgang, der die Verbindung zum Geist der Tiefe sucht. Diese Werke der Alexander Iskin Sexauer Gallery Schau sind visuelle Archive, die Geschichten von Zeit und Widerstand speichern.

Alexander Iskin Sexauer Gallery: Interrealismus und Natur

In seiner achten Ausstellung bei SEXAUER mit dem Titel „What if“ … forever zeigt Alexander Iskin neue Arbeiten, die während eines Aufenthalts in Mexiko entstanden sind. Wie immer verbindet Iskin – Erfinder des Interrealismus – verschiedene Welten miteinander. So arbeitete er einige Monate in Mexiko City, im Stadtteil Santa Maria la Ribera und in Mazunte, einem kleinen Küstenort am Pazifik. Neben seiner künstlerischen Arbeit war er dort als freiwilliger Helfer beim Schildkrötenzentrum Centro Mexicano de la Tortuga tätig. Er saß zwischen Meeresschildkröten beim Eierlegen, erlebte das Schlüpfen der Jungtiere und deren Wanderung zum Meer, beobachtete ihr Paarungsverhalten und begleitete eine Schildkröte beim Sterben. Aber Iskin wurde in Mexiko nicht zum Tiermaler. Vielmehr lässt er uns durch seine Bilder in die Tiefe eintauchen – des Meeres und des Unbewussten.

Worum geht es? Als Interrealist hat sich Iskin immer schon für Zwischenwelten interessiert und versucht, in seinen Bildern dieses Dazwischen – die Interrealität – erfahrbar zu machen. Während er zunächst die Räume zwischen der digital-virtuellen Wirklichkeit und der physischen Realität erforscht hatte, wandte er sich in seiner letzten Ausstellung bei SEXAUER – Use the exit as an entrance – im Jahr 2024 der Welt der Geister und Mythen zu. In „What if“ … forever erweitert Iskin den interrealistischen Raum abermals. Diesmal stehen weniger kollektive Mythen im Vordergrund, sondern die Verbindung zur Natur, einen Tauchgang ins eigene Ich und die Erkundung des Unbewussten.

Die Arribada als Inspiration für Alexander Iskin in der Sexauer Gallery

Einige Bilder hatte Iskin in Mexiko-Stadt noch vor seinem Aufenthalt in Mazunte begonnen, kleinere Formate dann in Mazunte selbst, und alle schließlich nach seiner Rückkehr in Mexiko-Stadt fertiggestellt. Ganz allein unter dem Vollmond erlebte Iskin an der Playa Escobilla die Ankunft tausender Schildkröten am Strand, die sogenannte Arribada. Meeresschildkröten paaren sich im Wasser. Nach der Befruchtung schwimmen die Weibchen zu tausenden an den Strand, an dem sie selbst zur Welt gekommen waren, um ihrerseits ihre Eier abzulegen.

Meeresschildkröten leben fast ausschließlich im Wasser. Bei ihrer ersten Massenankunft kommen die Weibchen nach Jahrzehnten in der Schwerelosigkeit des Wassers zum ersten Mal an Land. Wegen des fehlenden Auftriebs erhöht sich ihr Gewicht schlagartig um das Zehnfache. Unter äußerster Anstrengung kriechen sie an den Strand, suchen sich einen Nistplatz, graben ein Nest bis zu fünfzig Zentimeter tief und legen etwa hundert Eier. Danach schaufeln sie das Nest wieder zu und kehren zurück in den Ozean. Nach etwa fünfzig Tagen schlüpfen die Jungtiere gemeinsam aus den Eiern und dem Nest. An der Playa Escobilla schlüpfen in einer Nacht hunderttausende Schildkrötenbabys gleichzeitig und krabbeln zum Meer. Meist geschieht dies bei Neumond, im Schutz der Dunkelheit. Denn nur ein Teil erreicht das Meer, viele werden von Kormoranen, Fregattvögeln oder Krabben gefressen, bevor sie das Meer erreichen. Im Meer werden viele Babys von Thunfischen, Barrakudas, Quallen und Krebsen gefressen. Man schätzt, dass nur eines von tausend Babys ins geschlechtsreife Alter gelangt. Schildkrötenbabys leben gefährlich. Überleben sie, können sie so alt werden wie Menschen.

Zwischen Arribada und Abstraktion: Die Werke von Alexander Iskin

Die Playa Escobilla wird während der Arribada und des Nacimiento (Schlüpfen der Jungtiere) vom Militär geschützt. Iskin konnte als Mitarbeiter des Schildkrötenzentrums die wachhabenden Soldaten überzeugen, ihm nachts Zugang zum Strand zu gewähren. So wurden Arribada und Nacimiento existentielle Erlebnisse. Iskin saß allein zwischen zehntausenden eierlegenden Schildkröten oder spazierte zwischen hunderttausenden Babys, die zum Pazifik krabbelten. Im Schildkrötenzentrum kümmerte er sich um einzelne Schildkröten. Für die Ausstellung ist all dies relevant: Denn Iskin ließ diese emotionalen Natureindrücke und Erlebnisse in seine Bilder fließen, um einen Raum für sich und für uns zu öffnen – eine Interrealität zwischen der Natur und uns selbst.

Natürlich geht es in der Malerei vor allem immer auch um die Malerei selbst. Aber das Gemalte, das Gemälde, ist unmittelbar wahrnehmbar. Was im Idealfall auch noch fühlbar ist, sind die Emotionen, die in ein Bild geflossen sind. Was jedoch nicht unmittelbar wahrnehmbar ist, sondern eher mittelbar nachzufühlen, sind die Erlebnisse, aus denen die Emotionen entstanden, die den Bildern zugrunde liegen. Daher werden hier beispielhaft einige Erlebnisse von Iskin in Bezug auf bestimmte Bilder geschildert. Dies wird auch den Zugang zu den weiteren Bildern der Ausstellung erleichtern.

Das Bild Arribada malte Iskin in Mexiko City vor seiner Arbeit im Schildkrötenzentrum, dem Bild lagen also nur die Iskins Vorstellung einer Arribada zugrunde. Nach seinem Aufenthalt in Mazunte übermalte Iskin das Bild. Dies zeigt, wie wichtig die zugrundeliegenden Erlebnisse für die Bilder waren. Das übermalte Bild erhielt dadurch eine gewisse Schwere. Da die Arribada der Moment ist, wenn die Weibchen an Land kommen, um ihre Eier zu legen und einer neuen Generation den Weg ins Leben zu ermöglichen, die das genetische Material ihrer Eltern trägt, ohne identisch mit diesen zu sein, bekam die Übermalung – als Bild auf dem Bild – eine zusätzliche Bedeutung für Iskin.

Das Bild Golfina handelt von einer kleinen Schildkröte, die im Sterben lag. Medizinstudentinnen versuchten, sie zu retten. Aber sie wurde von Tag zu Tag schwächer. Iskin über Golfina:

–– Ich saß täglich mehrere Stunden neben ihr und wollte ihr zeigen, dass sie nicht allein ist. Sie war jung und sehr schön. Ich widmete ihr das Bild Golfina, benannt nach der Unechten Karettschildkröte, der in Oaxaca am häufigsten vorkommenden Meeresschildkrötenart.

Iskin zu Deconstructed:

–– „Deconstructed“ basiert auf einer ungewöhnlich weißen Meeresschildkröte mit nach innen gewölbtem Panzer, die blind geboren wurde. Sie war auffallend freundlich, fast spielerisch, als wolle sie ständig im Wasser spielen.  

Das Bild Nacimiento ist eine Schlüsselarbeit für Iskin. Iskin begann mit einem Aquarell auf Leinwand. Er ließ die Arbeit bewusst Witterungseinflüssen ausgesetzt, sogar dem täglichen Regen. Iskin hierzu:

–– Durch den Regen entstanden unregelmäßige Farbverläufe, bei denen die Farbe tief in die Leinwand drang. Während des Malens erkannte ich ein vogelartiges Wesen, das in Richtung Schildkröte zeigt. Mir war bewusst, dass Vögel die frisch geschlüpften Schildkröten angreifen. Damit hatte das Bild die Zukunft von selbst vorweggenommen. Nachdem ich schließlich beim Nacimiento, dem Schlüpfen der Schildkröten, anwesend war, vollendete ich das Bild.

Historias del Caparacón zeigt die Geschichte eines Schildkrötenpanzers. Dieser besteht aus Knochen und einer Hornschicht, bestehend aus dem gleichen Material wie Haare oder Fingernägel. Der Panzer ist als Teil des Skeletts untrennbar mit dem Körper verbunden, nicht nur ein Schutzpanzer, sondern auch als biologisches Archiv. Ähnlich wie bei Baumringen lassen sich Jahreszeiten, Stressphasen, Krankheiten und Umwelteinflüsse, wie etwa Schwermetalle im Wasser, am Panzer ablesen. Iskin zum Bild Historias del Caparacón:

–– Der Panzer ist wie ein Gemälde, das jede Schildkröte im Laufe ihres Lebens aus sich selbst hervorbringt. Das Bild „Historias del Caparacón greift dieses Sujet auf, ohne es abzubilden. In der malerischen Struktur zitieren feldartige Segmente die Geometrie des Panzers. Der starke Duktus verdichtet diese Flächen, macht sie beinahe körperlich. Die Oberfläche wird zum Träger von Erinnerung.

El Ritual entstand in Mexiko City nach Iskins Zeit in Mazunte. Erfahrungen von Küste und Großstadt überlagerten sich. Das Bild entstand in Anlehnung an eine Veranstaltung zum Unabhängigkeitstag im September 2025 mit hunderttausenden Menschen und Fahnen auf dem Zócalo, dem großen Platz der Verfassung. Die Präsidentin Mexikos, Claudia Sheinbaum, hielt eine Rede. Iskin über das Bild:

–– Ich war fasziniert von der Rede der Präsidentin Claudia Sheinbaum, die Themen wie Demokratie, Migration, Meinungsfreiheit und weibliche Heldinnen des Unabhängigkeitskrieges betonte. Das Wesen im Bild hält eine Art Flagge. Gleichzeitig schwingt ein Teil von Mazunte mit – insbesondere das Rosa. Diese Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Erfahrungen ist für mich interreal.

Kunst-Spenden der Alexander Iskin Sexauer Gallery für den Naturschutz

Von den Bildern noch einmal zurück zum Centro Mexicano de la Tortuga: Früher befand sich auf dem Gelände des Zentrums ein Schlachthof für Meeresschildkröten. Bis Ende der 80er Jahre wurden dort jährlich zehntausende Schildkröten getötet, um ihr Fleisch, ihre Haut und ihre Eier zu verwerten. Die Tiere wurden erschossen, teils aber auch bei lebendigem Leib zerlegt. Erst 1990 verbot die mexikanische Regierung die Jagd. Auf dem Gelände des Schlachthofs wurde das Schildkröten-Zentrum gegründet, dessen Aufgabe die Aufzucht, Rehabilitation kranker und anschließende Auswilderung gesunder Tiere ist. Das Zentrum ist jedoch unterfinanziert, was dazu führt, dass die Lebensbedingungen für die Tiere nicht immer ideal sind. Zehn Prozent eines jeden Verkaufs dieser Ausstellung gehen daher als Spende an das Schildkröten-Zentrum. Das Centro Mexicano de la Tortuga übernimmt einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung für ökologische Zusammenhänge. Ohne Iskins dortigen Aufenthalt wäre diese Ausstellung nicht möglich gewesen. Ohne seine Erlebnisse, ohne seine Verbindung zu den Meeresschildkröten, hätte Iskin die Bilder dieser Ausstellung nicht malen können.

–– Das Internet scheint mir der ultimative Ausdruck des Geistes der Zeit zu sein; es ist die vielschichtige Stimme des kollektiven Bewusstseins. Aber das kollektive Unbewusste kann es unmöglich repräsentieren; der Geist der Tiefe spricht durch Poesie und Musik, durch Geschichten, Bilder und Mythen. Offline. Unten drunter. Nur durch Kreativität und Hingabe schließen wir zu ihm auf. Laut Jung muss ein inneres Gleichgewicht zwischen dem Geist der Zeit und dem Geist der Tiefe aufrechterhalten werden; zu viel von einem führt zu Neurosen. Und was für jeden Einzelnen gilt, gilt auch für die Gesellschaft. Wir haben zugelassen, dass die Waagschalen kulturell aus dem Gleichgewicht geraten sind; wir haben dem Geist der Tiefe den Rücken gekehrt und leben ausschließlich im Geist der Zeit. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, müssen wir uns erneut die Fähigkeit aneignen, in die Tiefe zu gehen. Und das beginnt mit Kreativität und einem Verbundensein.

Meeresschildkröten gehören zu den am stärksten von menschlichen Einflüssen betroffenen Meerestieren – abgesehen von all jenen natürlich, die ohnehin noch gejagt oder gefangen werden. Über die Hälfte aller Schildkröten haben Plastik im Verdauungstrakt; fast alle tragen Mikroplastik in ihren Organen. Schweröl und Metalle lagern sich im Panzer und Gewebe ab. Millionen Tiere sterben jährlich in Fischernetzen. Küstenbebauung, Beleuchtung und der Tourismus führen zu einem Rückgang von Brutplätzen. Kollisionen mit Schiffen verletzen sie, der Schiffslärm stört ihr Navigationsverhalten. Dabei sind die Tiere das Ergebnis von über 120 Millionen Jahren Evolution, von unzähligen Generationen, die durch Meere und Zeiten getragen wurden. Eine Aneinanderkettung von Wirkungen und Zufällen, die uns unendlich erscheint. Das Schlüpfen der Jungtiere, ihre Wanderung zum Meer, das langsame Wachsen des Panzers, die endlosen Kreisläufe von Leben und Tod – What if … forever.

Beitragsbild: IT’S ALWAYS THE MOON, 2025, oil on canvas, 20 x 25 cm

„What if“ … forever – Alexander Iskin

ab 12. Februar 2026

Sexauer Gallery

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