Angeschaut: René Pollesch „Melissa kriegt alles“

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„Gut, dass das Theater zurück ist.“ Mit diesem Satz beendete Peter Kümmel im Feuilleton der ZEIT seinen Text über die ersten Stücke, die – um es theatralisch zu formulieren – wieder über die Bühne rollen. Gut, dass das Theater zurück ist. So eröffne ich meine Rezension, denn ich habe es ehrlich vermisst…

Nicht nur die Stücke, sondern auch das ganze Drumherum. Theater ist für mich immer noch etwas Besonderes. Nicht, dass ich mich dafür, wie früher üblich, in die Glitzerrobe werfen würde – das Feierliche wirkt heute subtil auf einer anderen Ebene. Es drückt sich für mich in einer unausgesprochenen Verbundenheit der Zuschauenden und Akteure aus, die ich weder aus dem Kino, noch aus der Oper oder von anderen Veranstaltungen kenne. Ich habe noch nicht herausgefunden, woher sie kommt, ich weiß nur, dass sie nach dem Lockdown und der damit einhergehenden langen Theaterpause noch spürbarer ist. Wie ein Pakt oder ein Versprechen, eingelöst in Sälen, die plötzlich nur noch ein Viertel der Gäste empfangen können, mit Schauspieler*innen, die Abstand halten und einer Atmosphäre, die sich wie der Gang über dünnes Eis anfühlt und dann aber auch wieder wie der erste tiefe Atemzug nach einer großen Aufregung. Vielleicht ja wie das Leben selbst und möglicherweise ist es genau das, was mich immer wieder fasziniert: Manchmal stellt sich die Frage, was realer ist – das Leben auf der Bühne oder das draußen vor der Tür.

Und damit zu René Pollesch, der – das sei vorweg gesagt – seinem Stil auch mit diesem Stück treu geblieben ist. Als Zuschauer*in erlebt man ein Feuerwerk an Sätzen, die in der Interaktion der Darsteller*innen teils absolut sinnfrei erscheinen. Wer mit der Erwartung kommt, eine Handlung zu verfolgen, vielleicht sogar zu erfahren, was denn Melissa alles kriegt, warum und was mit den anderen ist, die nichts kriegen, der wird enttäuscht. Es gibt keine Antworten, es gibt nur Fragen, Ansätze, Bruchstücke. Jeder redet an jedem vorbei, keiner geht auf den anderen ein und genau das macht dieses Stück so intim, so unglaublich nackt, trotz der Pelzmützen und Fellmäntel. Pollesch hat in einem Interview mal gesagt, er würde kein „Blut, Schweiß, Tränen Theater“ machen – das stimmt und trotzdem sind seine Stücke auf eine ganz eigene Art extrem dicht am Leben und an dem, was wir gern ausblenden. Ein Aspekt, der gerade jetzt, wo viele von uns zwischen Wahrheit, Fiktion, Lüge und Mythos wanken, von Bedeutung ist. Möglicherweise auch nicht – geht man mit Jeremy Mockridge mit – ist es alles eine Frage der Perspektive. Und so wechselt er im Stück auch immer wieder zwischen seiner Sicht und der vermeintlichen Außenansicht der Dinge. Wunderbar anzusehen und zu hören, wie sich seine Worte dabei selbst aufhängen, er sich verhaspelt, nicht wirklich zu einem Schluss kommt. Wunderbar auch Martin Wuttke als Ray, der frei nach Woody Allens Schmalspurganoven eine Pizzeria mieten will, um sich von dort zur Bank durchzugraben, die im Nebengebäude ihren Sitz hat. Wunderbar vor allem aber die Spielfreude und -lust, die man allen Schauspieler*innen anmerkt – ein weiterer Aspekt, der berührt.

Und so verlässt Frau das Theater mit einem Lächeln im Gesicht und – wie so oft im Leben – mit der Gewissheit,  nichts verstanden zu haben und trotzdem zu wissen, dass es genau darum geht. Gut, dass das Theater zurück ist.

Veröffentlicht am: 09.09.2020 | Kategorie: Kolumne Jeannette Hagen, Redaktion-Tipp,

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