Camus und die Zukunft

Camus und die Zukunft... Jeannette Hagen für Kunstleben Berlin

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber mir fällt der Verzicht auf Konzerte, Kino und Theater immer schwerer. Bis vor kurzem war das noch anders. Da hatte ich das Gefühl, dass es auch mal ganz guttut, weniger „Kultur-Stress“ zu haben, also nicht ständig entscheiden zu müssen, wo ich hingehe, was ich anschaue und was ich vielleicht auch verpasse…

In einer Stadt wie Berlin kann das wirklich in Stress ausarten – das tägliche Angebot an kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen ist nahezu unüberschaubar. Corona hat das schlagartig reduziert und damit mein Leben radikal entschleunigt. Ein seltsamer Zustand, nicht unangenehm. Nachdem allerdings viele Angebote ins Internet verlagert wurden, stieg auch hier der Stresspegel wieder, denn ich kann ja immer nur ein Streaming verfolgen, wenn ich mich dann auch wirklich einlassen will. Außerdem nervt es mich zunehmend, in einen kleinen Kasten zu starren, statt in einem Kino, Konzertsaal oder Theater zu sitzen.

Die sind allerdings noch zu, und so greife ich zunehmend wieder auf das Kulturgut, was sich durch Corona nicht verändert hat, zurück: das gedruckte Buch. Lesen geht immer. Lesen entschleunigt. Wenn ich lese, ist mir alles andere ziemlich egal. Da können noch so viele Veranstaltungen sein, bin ich mit einem Buch beschäftigt, tauche ich in fremde Leben, Gedanken und Geschichten ein und das reicht vollkommen. In diesem Zusammenhang bin ich neulich wieder auf Albert Camus gestoßen. Sein Buch „Die Pest“ passt wie kaum ein zweites in unsere Zeit. Nicht nur, dass es den Zustand des Getrenntseins und des Verzichts in den Blickpunkt rückt, sondern eben auch die Frage, was Extremsituationen mit Menschen machen. Und – was mich am meisten fasziniert – die Frage, wie es danach weitergeht. Wie bisher? Auf Kultur bezogen: Öffnet einfach alles wieder, wir rennen, wie gewohnt von einem Event zum nächsten, konsumieren? Oder ist es, wie Camus schreibt, so, dass „für ihn selbst ein Friede niemals mehr möglich sein werde, so wie es für die Mutter, die ihren Sohn verloren hat, oder für den Mann, der seinen Freund begräbt, keinen Waffenstillstand gibt“?

Wir wissen es nicht und doch sind wir Gestalter. Wir bestimmen, wie es weitergeht. Das ist wohl die große Chance, die in allem liegt. Transformation ist möglich, Veränderung denkbar. Was brauchen wir wirklich? Wo fehlt es? Wie soll die Zukunft aussehen? Ich hoffe und wünsche, dass wir Antworten finden. In „Die Pest“ sind Solidarität, Zusammenarbeit und selbstständiges Handeln die Werte, auf die es ankommt, will man die Krise überwinden. Ich denke, dass wir das problemlos ins Heute übertragen können. Kultur braucht Solidarität, braucht Zusammenarbeit über Schranken und Grenzen, nicht nur Grenzzäune und es braucht den Einsatz der Menschen, die in Krisen Chancen sehen.

Veröffentlicht am: 26.05.2020 | Kategorie: Kolumne Jeannette Hagen, Redaktion-Tipp,

Eine Idee zu “Camus und die Zukunft

  1. Dr. Silvana Kreyer sagt:

    Wie gut, dass es IHRE eloquenten und beherzten Kommentare gibt. Die würden mir fehlen. Als Konzert/Theaterrezensentin schmachte ich geradezu nach life-Veranstaltungen. Ja, sie fehlen mir einer Ruhepause SEHR. Nein, in den “kleinen Kasten” mag ich auch nicht starren. Ich glaube, es wird nie mehr wie vorher sein – Sie beschreiben es bestens. Ja, es wird einen Teil geben, der losflizzen wird, wie jetzt in die Geschäfte…….aber bei den Meisten ist die Unbeschwertheit weg. Das pure Lustgefühl. Da sitzt noch etwas im Nacken. Wie wird die Zukunft aussehen? Ich vermag es noch nicht zu sehen………..

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