Dörte Eißfeldt – Wildniß

Wildniß mit SZ geschrieben  –  mit Blick auf den Namen der Künstlerin  vermutet man natürlich schnell Absicht.  Und schon ist man über den Stolperstein gepurzelt und denkt  über  das Thema WILDNIS nach. Heute, im Zeitalter des Anthropozän,  stellt sich die Frage, ob es eine vom Menschen unberührte Natur, eine echte Wildnis  überhaupt noch gibt? Oder ob nicht alle Wildnisgebiete eigentlich anthropogen beeinflusste Kulturlandschaften sind? Laut National Geographic waren 2008 nur noch  17% der eisfreien Erdoberfläche  (inklusive der Meere)  ohne Anzeichen menschlichen Tuns.

In Dörte Eißfeldts Serien  Redwood,  Grizzly  und  Fog Drip  geht es um jene Gebiete der Vereinigten Staaten, in denen Mammutbäume anzutreffen sind. Der Riesenmammutbaum (Sequoiadendron giganteum) kann eine Wuchshöhe von bis zu 95 Meter, einen Stammdurchmesser  an der Basis von bis zu 17 Meter  und  ein Gewicht von 1500 Tonnen erreichen.

Der Küstenmammutbaum (Sequoia sempervirens) ist zwar  weniger  massereich, kann aber dafür bis zu  115 Meter hoch wachsen.  Die ältesten  lebenden  Exemplare sind über 2500 Jahre alt.  Mammutbäume existierten bereits vor 250 Millionen Jahren, also lange bevor die Dinosaurier ausgelöscht wurden.  Bis zu den 1960er Jahren wurden  binnen 100 Jahren  rund 90% der  Bestände  großflächig eingeschlagen  für den Bau von Häusern,  Eisenbahnschwellen, Schiffsplanken und Bergminen.  Heute existieren  nur noch 3% vom ursprünglichen Bestand dieser Baum-Giganten, und auch dieser ist nicht in Gänze geschützt.

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Dörte Eißfeldt Redwood # 2 2014 Silbergelatine-Barytpapier © Dörte Eißfeldt

Mit der Natur verbunden

Dörte Eißfeldts  Arbeiten  dieser Serien  sind 2013  in der Sierra Nevada  entstanden  sowie  in den nordkalifornischen Redwood National Parks nahe der Küste an der Grenze zu Oregon. Dabei ging es ihr darum, den  besonderen  Eindruck, den diese  “Monarchen der Wälder”  hinterlassen, in  einen adäquaten künstlerischen Ausdruck zu fassen. Denn seit jeher beschäftigt sie sich mit der Frage  um die Beschaffenheit des  Bildes.  „Ich  möchte das Fotografische, das Medium als Prozess, zum Gegenstand machen. Das fotografische Bild soll sich sozusagen selbst porträtieren.“ (Dörte Eißfeldt).

Insgesamt  kennzeichnet  ihre  Arbeit  die konsequente Erforschung der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten und ein entsprechend experimenteller Umgang mit den fototechnischen und fotochemischen Bedingungen des Mediums. Ihre mittels Bildmontagen und Mehrfach-belichtungen zu “Belichtungsmontagen” zusammengefügten Bilder verweisen weniger auf eine außerhalb von ihnen existierende Realität als  vielmehr auf ihren fotografischen Werdungsprozess.

Man erkennt  durch Solarisation entstandene graue Bildflächen, die sich an die Stämme schmiegen und über die Zweige legen, Spuren der  Entwicklung  auf Gebirgszügen, Ablagerungen  von metallischem Silber  im Himmel  und  als  goldschillernde Tönungen  an Baumstämmen, die durch alchemistische Prozesse beim Entwickeln entstehen.  Teil der Ausstellung ist auch eine Aufnahme ihrer bekanntesten Serie  Schneeball, bei der sie dasselbe Negativ über dreißigmal so variationsreich und subtil abgezogen hat, dass der Eindruck entsteht, es handele sich um verschiedene Aufnahmen.

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Dörte Eißfeldt Grizzly # 7 2014 Pigmentdruck auf Silbergelatine-Barytpapier © Dörte Eißfeldt

Ute Eskildsen, eine der größten  Fotokuratorinnen Deutschlands,  hat sie nicht von ungefähr  als “Meisterin der Schwarz-Weiß-Fotografie”  bezeichnet.  Dass sie nicht bei der analogen Fotografie stehen geblieben ist, zeigt sich in der Serie  Grizzly, wo sie über die Silberbarytabzüge der Redwoods eine digitale Datei aufbringt, die sie aus Büchern zum Thema heraus fotografiert hat.

Selbstverständlich ist bei einer solchen Arbeitsweise dem Zufall viel Raum gegeben und wird das Unvorhergesehene  spielerischer Bestandteil des Prozesses, der den wie federleicht wirkenden, malerischen Gesamtausdruck bewirkt. Dabei wird die radiographische Qualität ihrer Schwarz-Weiß-Bilder zur zeitgenössischen, ins fotografische Medium übertragenen Naturbeobachtung.

„Fotografie ist für mich das Arbeiten mit Realitätsfragmenten, das Experimentieren mit dem Material im fotografischen analogen bzw. digitalen Prozess mit dem Ziel, in der Arbeit eine eigenständige, intensive und zugleich offene Verbindung   zur Welt herzustellen; das Wilde, das Dunkle, das Ungreifbare, das Schöne im Bild wirksam bleiben bzw. werden zu lassen, in einer
offenen, anregenden, überraschenden Form, ganz groß oder ganz klein” (Dörte Eißfeldt).

Dörte Eißfeldt – Wildniß

19. September bis 22. November 2015

ALFRED EHRHARDT STIFTUNG

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Dörte Eißfeldt Grizzly # 2 2014 Pigmentdruck auf Silbergelatine-Barytpapier © Dörte Eißfeldt

Veröffentlicht am: 05.10.2015 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, | Tag: ALFRED EHRHARDT STIFTUNG, Dörte Eißfeldt,

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