Enrico Freitag – Black Fields – in der Galerie Eigenheim

Enrico Freitag, Desert Flowers, 200x180cm, Öl auf Leinwand, 2015, Galerie Eigenheim

Eine Neuentdeckung für uns ist die Galerie Eigenheim, die sich selbst als “Raum für zeitgenössische Kunst und Kommunikation” versteht. Nach 9 Jahren Galeriearbeit in Weimar, ist sie nun am kunstvollsten Ort der Welt – Berlin – angekommen. Und zwar gleich mittendrin, in der Linienstrasse 130. Zum Start gibt es gleich die sehr sehenswerte Ausstellung Black Fields von Enrico Freitag. Ich würde sagen – hingehen und willkommen heißen! 🙂

Landschaften, gerade schwarze Felder, rufen in uns apokalyptische Bilder hervor, Felder arbeiten aber auch mit Gedanken an die Fruchtbarkeit und an biologische Kreisläufe. In dieser Weise besticht Freitags Themenspektrum durch Universalität. Ökologie, Ökonomie, Arbeit und Leben, Individuum und Masse. Der Mensch scheint in unfassbaren Situationen eingebunden zu sein, konzentriert, in sich versunken geht er relativ unbestimmten Tätigkeiten nach. Nicht mehr einzeln, oder in kleinen manufakturähnlichen Anordnungen kommen sie daher, sondern hier verdichtet Freitag sie in der Masse.

Enrico Freitag, Kreislauf, 230x200cm, Öl auf Leinwand, 2015, Galerie Eigenheim-2
Enrico Freitag, Kreislauf, 230x200cm, Öl auf Leinwand, 2015, Galerie Eigenheim

 

Dem Betrachter zerfließt alles vor den Augen, wird zu einer einzigen undurchdringlichen Masse an produziertem, weggeworfenem, lebendigem, beweglichem, totem, tierischem wie menschlichem Auswurf – eine teils abstrakte Ballung aus Elend. Freitag eröffnet damit den Blick für Landschaften, die das Abgründige erkennen lassen. Lasen die Ärmsten der Armen, im Werk von Jean-François Millet von 1857, die Ähren vom bereits gemähten Boden, so sammeln die Armen der Welt in Freitags neuen Ölmalereien nach verwertbaren Dingen in von Menschen geprägten Landschaften aus undefinierbaren Rückständen.

Die Arbeiten dokumentieren auf diese Weise die Probleme, die durch die fortschreitende globale Urbanisierung, Industrialisierung und durch wachsende soziale Ungleichheit entstehen, aber im Grunde historisch wie aktuell in der Frage nach dem Menschsein begründet sind. Auch wenn die Bilder soziopolitische Zustände – und Missstände – kommentieren, sind sie alles andere als zeigefingernde Mahnungen, sondern sehenswerte zum Teil atemberaubende Malereien die durch Farbe und Duktus bestechen.

Enrico Freitag, Licht, 155x105mm, Aquarell und Bleistift auf Ordnereinlage, 2015, Galerie Eigenheim
Enrico Freitag, Licht, 155x105mm, Aquarell und Bleistift auf Ordnereinlage, 2015, Galerie Eigenheim

 

Freitags Fragen drehen sich darum, was ist der Mensch und was macht der Mensch?

Alles ordnet sich einem Prinzip unter, egal ob Mensch, Natur oder Technik. Wachsen und Vergehen, alles wird geboren oder erschaffen, alles stirbt oder geht kaputt. So ist alles ein Kreislauf, der sich be- ständig um sich selbst dreht, ebenso wie Blumen immer wieder neu erblühen und verwelken. Mit einer gewissen Ironie zeigt uns Freitag, wie wir uns selbst im Kreislauf immer wieder selbst zu beschäftigen wissen.

Freitag konfrontiert uns nicht mit Kritik, sondern nur mit einem System, das eben so ist, wie es ist. Fragen nach der Moral und Vernunft kommen eher beim Betrachter selbst auf, als das sie der Künst- ler platt in den Raum stellt. So kennen wir die Bilder von in Müllbergen kramenden Menschen, kennen die Wahnwitzigkeit von globalem Handel mit landwirtschaftlichen Flächen und die Verbindung zu den frischen Blumen aus Südafrika, welche unseren Tisch schmücken, kennen die Problematik des Wasser- verbrauchs großer Industrien oder die Privatisierung der Grundwasservorkommen.

Enrico Freitag, Neue Kleider, 155x105mm, Aquarell und Bleistift auf Ordnereinlage, 2015, Galerie Eigenheim
Enrico Freitag, Neue Kleider, 155x105mm, Aquarell und Bleistift auf Ordnereinlage, 2015, Galerie Eigenheim

 

Ursprünglich geht es um nichts anderes, als um das Finden von Nahrung, puren Lebenserhaltungsmaßnahmen und dem Überlebensdrang des Einzelnen. Dazu der Künstler: „Wir haben das ganze nur etwas komplizierter gemacht, letztendlich bedingt es sich aber ganz einfacher Formeln der Natur.“ Und dieser Erkenntnis zum Trotz entwickeln wir in unserer aufklärerischen Art doch so etwas wie Trübsal über unser eigenes Handeln, dessen Umfang wir uns nicht zu entziehen wissen und uns doch einer besseren Welt entgegen sehnen.

Oder, wie es der schottische Moralphilosoph, Aufklärer Adam Smith schon 1776 in „Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“ erkannte: „So eigensüchtig wir uns den Menschen auch denken mögen, so müssen wir doch zugeben, dass eine gewisse natürliche Stimmung seines Herzens ihn nötige, an dem Schicksal seiner Brüder Teil zu nehmen, und ihr Glück als ein unumgängliches Erfordernis zu seinem eigenen Glück zu betrachten, sollt‘ er auch nichts anders davon haben, als das Vergnügen, es mit anzusehn.”

Der Künstler Enrico Freitag

Enrico Freitag (1981, DE) ist aktuell Stipendiat für zeitgenössische Kunst des Freistaat Thüringens und absolvierte zwischen März und April 2015 ein Artist in Residence in Amsterdam bei bart invites. Zwischen 2002 und 2007 studierte er freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar. Enrico Freitag ist seit 2007 Hauskünstler der Galerie Eigenheim. Enrico Freitag lebt und arbeitet in Weimar.

BLACK FIELDS – Enrico Freitag in Solo

Ausstellung vom 05.06. – 05.07.2015

Galerie Eigenheim

Linienstraße 130 (Hinterhof), 10115 Berlin

Veröffentlicht am: 08.06.2015 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, | Tag: Galerie Eigenheim,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verpasse keinen Kunst Event mehr...

Holler Box