In core untersuchen Kristina Nagel und Marie Matusz, wie Wahrnehmung strukturiert, gesteuert und verschoben wird und wie das Sichtbare als dynamisches, veränderliches Gefüge entsteht. Beide Positionen machen in der Ausstellung die Instabilität von Repräsentation erfahrbar und zeigen, wie Bild, Material und Raum Bedingungen erzeugen, die das Sehen prägen.In ihren Fotografien erforscht Kristina Nagel (Frankfurt am Main, DE), wie Wahrnehmung durch Strategien, Codes und Setzungen geprägt wird und wie diese durch Material und Form verscho-ben werden können.
Durch Abstraktion, Nähe und Entfremdung hinterfragt sie Mechanismen der Repräsentation und verdeutlicht, wie die Limitation von Informationen unsere Sehgewohn-heiten hinterfragt und Erkennungsmuster destabilisiert. In der gezeigten Werkserie tritt Leder als Fläche und Textur in den Vordergrund und funktioniert operativ, nicht ikonisch. Objekte und Körper werden zu formalen Elementen und Strukturen, die Linien, Volumen und Perspektive markieren.In den Fotografien der Werkserie NON-FIELD zieht sich schwarzes Leder fragmentarisch in variierenden Formen und Texturen über die Bildfläche und öffnet die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt.
Durch die Nähe der Kamera lösen sich beide Elemente ineinander auf und verdich-ten sich in der Kontaktzone zweier lederner Körper. Nagels Interesse gilt der Strukturierung und Verschiebung von Wahrnehmung: Durch die Depersonalisierung des Körpers und die Reduktion identifizierbarer Merkmale entwickelt sie eine eigene Logik der Darstellung innerhalb von Bildsystemen. Leder wirkt dabei nicht ikonisch, sondern operativ: Es lenkt den Blick auf Fläche, Linie und Textur und macht Betrachtung als dynamisches, veränderliches Gefüge erfahrbar. Wie Theodor Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ (1970) betont, sind Kunstwerke niemals statisch, ihre Wertigkeit entsteht durch den fortwährenden Prozess der Transformation und die dialektische Spannung zwischen Substanz, Form und Kontext. Nagel überträgt diese Prinzi-pien auf die Materialität der Fotografie und druckt ihre Motive auf PVC Planen. Damit unterläuft sie zugleich konventionelle Darstellungen des Mediums und löst die klassische Hierarchie der Fotografie als reines Repräsentationsmedium auf.PVC ist dabei nicht nur Trägermaterial, sondern auch haptische Oberfläche, die das Bild in den Raum integriert und seine Stofflichkeit erfahrbar macht. So erzeugt NON-FIELD eine bewusste „Anti-Aura“: Das Bild entfaltet Wirkung nicht über tradierte Einzigartigkeit oder museale Distanz, sondern über Präsenz, Wahrnehmung und räumliche Erfahrung.
Das Zusammenspiel von Bildin-halt und Materialität eröffnet einen Raum, in dem Wahrnehmung und Körperlichkeit miteinander verschränkt werden, ohne in traditionelle Kategorien von Objekt und Subjekt zurückzufallen.Zuletzt zeigte die Künstlerin Einzelausstellungen bei Gratin, New York (2025), und FRAGILE, Berlin (2023); zudem waren ihre Arbeiten in Gruppenausstellungen unter anderem im Espace Niemeyer, Paris (2025), bei Simian, Kopenhagen (2025), sowie in der St. Matthäus-Kirche am Kulturforum im Rahmen der Berlin Art Week (2025) zu sehen.Marie Matusz (Toulouse, FR) richtet den Blick auf den Raum als gestaltendes Element von Sichtbarkeit. Ihre Vitrinen und räumlichen Module erzeugen eine choreografische Ordnung, in der Volumen, Blickachsen und perspektivische Bezüge die Wahrnehmung leiten und die Bedingungen sichtbar machen, unter denen das Sehen strukturiert wird. Innen und Außen, Nähe und Distanz, Position und Perspektive werden so zu Fragen, die über den formalen Gehalt der Arbeiten hinausweisen und verdeutlichen, wie kulturelle, institutionelle und architektonische Setzungen unser Sehen prägen und strukturieren.Die Werkreihe Long Ago, Tomorrow besteht aus gläsernen Vitrinen, in denen Marie Matusz skulpturale Szenerien aus pflanzenartigen Formen, stählernen Podesten und geometrischen Elementen in Beziehung setzt, um Seherfahrungen herauszufordern. Durch die grau getönten Gläser wirken die skulpturalen Anordnungen abgeschirmt und unnahbar, gleichzeitig spiegelt sich der umgebende Raum in den Glasflächen. So überlagern sich Objekte, Personen und Architektur und verschränken sich zu instabilen Gefügen, die sich durch Bewegungen und unterschiedliche Blickwinkel immer wieder neu formen. Innen und Außen, Nähe und Distanz, Sichtbarkeit und Entzug werden zu relationalen Größen, die die Mechanismen des Sehens offenlegen. Matusz arbeitet ganz bewusst mit diesen räumlichen Strukturierungen und deren Verschiebungen. Ihre Praxis basiert auf einer kritischen Auseinandersetzung mit Formen und ihren inhärenten Bedeutungen und Machtgefügen, die eng an die architektonischen Bedingun-gen des Ausstellungsraums gebunden sind: Volumen, Blickachsen und perspektivische Bezüge erzeugen eine choreografische Ordnung, in der das Sehen geführt und zugleich hinterfragt wird.
Die systematische Anordnung von Long Ago, Tomorrow, die an neuzeitliche Wunderkammern oder museale Präsentationen erinnert, machen die Instabilität und Konstruktion von Repräsen-tation erfahrbar und zeigen, wie Zeit, Material und Struktur das Sehen prägen. Gleichzeitig greifen die Werke mit ihrer gläsernen Hülle auf kollektive Erfahrungen von Distanz, Entfremdung und Abwesenheit realer Begegnungen zurück. Die reflektierenden Oberflächen erinnern an Screens und die flüchtige Art von Wahrnehmung und Zirkulation in einer Welt, in der Information, Waren, Emotionen und Werte digital vermittelt werden. In diesem Zusammenhang wird Long Ago, Tomorrow zur Projektionsfläche von Wahrnehmungsmustern und ihrer sozialen Rückkop-pelungen und somit selbst zum Träger von Wert.Zu ihren jüngsten institutionellen Einzelausstellungen zählen die Kunsthalle Basel (2024, 2025), das Istituto Svizzero in Mailand (2022), der Kunst Raum Riehen (2020) sowie das Aargauer Kunsthaus (2019). Unter anderem wurden ihre Arbeiten in der Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte (2025) gezeigt, und 2021 erhielt sie den Swiss Art Award.Die Gegenüberstellung von Nagels Bildsystemen und Matusz’ räumlicher Setzung zeigt, dass Wahrnehmung kein passiver Akt ist. Sie entsteht relational und konstruiert: das, was wir als Identi-tät, Nähe oder Präsenz erfahren, wird durch die von den Künstler:innen gesetzten Bedingungen geformt, die Sichtbarkeit und die Blickführung organisiert. Die Ausstellung core macht deutlich, wie stark unser Sehen von Material, Bild- und Raumregimen geprägt ist.
core – Marie Matusz und Kristina Nagel
20. Februar – 11. April 2026
max goelitz
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