Der Titel der Ausstellung Lichtzeiten lässt sich als präzise Beschreibung des gesamten künstlerischen Werks von Inge Dick lesen, die erstmals in einer umfassenden Präsentation bei Taubert Contemporary gezeigt wird. Seit mehr als sechs Jahrzehnten widmet sich die österreichische Künstlerin der stillen Beobachtung von Licht und Zeit – ihren Übergängen, Nuancen und kaum wahrnehmbaren Veränderungen.
Ausgehend von frühen malerischen Arbeiten entwickelte Inge Dick bereits früh eine radikale Reduktion. Beeinflusst von Zen-Philosophie und den Bildern Antonio Calderaras entstehen ihre weißen, gespachtelten Bilder, die zu einem Markenzeichen ihres Œuvres wurden. In den unbetitelten Arbeiten der 80er- und 90er Jahre sowie in den jüngeren weißen Bildern, die in der Ausstellung gezeigt werden, entfaltet sich diese Haltung in fein nuancierten Oberflächen, in denen Licht, Farbe und Wahrnehmung in ein sensibles Spannungsverhältnis treten.
Ende der 1970er-Jahre wendet sich Inge Dick der Fotografie zu. Was zunächst pragmatisch beginnt, wird zu einer entscheidenden Erweiterung ihrer künstlerischen Sprache. In seriellen Arbeiten wie der 12-Stunden Tag Wand (1985) wird Zeit nicht abgebildet, sondern als verdichteter Prozess sichtbar gemacht. Nicht das Einzelbild, sondern die Abfolge, die minimale Verschiebung und das Dazwischen stehen im Mittelpunkt.
Mit dem Umzug an den Mondsee in den frühen 1980er-Jahren wird die Natur – Wasser, Himmel, Wetter und Jahreszeiten – zur Inspiration ihrer Arbeit. Serien wie bleu du ciel (1999, 2004) zeigen Himmel, Farbe und Licht in serieller Abfolge und unterschiedlichen medialen Umsetzungen – von Ilfochrome über Fujicolor bis hin zu großformatigen Drucken auf Aluminium und Acrylglas. Auch die Werkgruppe la mer (2012/2026), löst das Motiv des Meeres zunehmend vom Gegenständlichen und überführt es in abstrakte Farbräume.
Parallel dazu entstehen Polaroid-Arbeiten von weißen Flächen, deren intensive Blautöne auf die spezifischen Eigenschaften des Materials zurückgehen. In diesen fotografiert sie monochrome Flächen in regelmäßigen Abständen über einen ganzen Tag verteilt, vom ersten Tageslicht bis zum völligen Verschwinden des Lichts, bei gleichbleibender Blende und Belichtungszeit. Die Polaroids markieren einen wichtigen Übergang in Dicks Werk, in dem Material, Farbe und Zeit eine untrennbare Verbindung eingehen. Einzigartig sind die überlebensgroßen Fotografien der Serie Boston Polaroids, denn Inge Dick ist 1999 die letzte Künstlerin, die mit der weltweit größten Polaroid-Kamera fotografieren kann – noch im selben Jahr wird der Apparat abgebaut.
Nach dem Ende der Polaroid-Technologie öffnet sich ab 2006 mit dem Digitalfilm ein neues Kapitel: In filmischen Arbeiten wie zinnober (2009/2010) und daraus entwickelten Filmstills wird Farbe selbst zum Ereignis. In Serien wie frühlings licht weiss (2019) oder der 20-teiligen Serie sommer licht weiss (2020) macht Inge Dick das vielfältige Farbspektrum der Jahreszeiten in chronologischen Streifen- oder Quadratrastern sichtbar. Versehen mit dem exakten Timecode wird Zeit zu visuellen Farbsequenzen verdichtet, in denen Veränderung und Dauer zugleich erfahrbar werden.
In den jüngsten, kleinformatigen Bildern tritt Blattgold als neues Material hinzu. Während Weiß Licht aufnimmt, reflektiert Gold es – und schließt so einen Kreis innerhalb des Werks. Die Ausstellung Lichtzeiten vereint zentrale Werkgruppen Inge Dicks zu einer präzisen komponierten Ausstellung, in der sich analoge und digitale Verfahren, Fotografie und Malerei, Sequenz und Einzelbild gegenseitig durchdringen. Sichtbar wird ein Werk, das Zeit nicht darstellt, sondern erfahrbar macht – als kontinuierliche Bewegung des Lichts.
– Dr. Gerda Ridler
Inge Dick 1941 in Wien, Österreich geboren.
Sie lebt und arbeitet in Mondsee in Innerschwand, Österreich.
Beitragsbild: INGE DICK, la mer 2012|10, 2012|2025, Giclée print on Hahnemühle Photo Luster 260 gsm, mounted on aluminum or acrylic glass
Inge Dick – Lichtzeiten
3. Juli 2026 – 29. August 2026
Taubert Contemporary
0 Kommentare