Die Kunst des Wandels

Jeannette Hagen, Kunstleben Berlin, Michael Schulz, Johann König

Zwei Meldungen aus dem Kunstmarkt sind es, die mich in den letzten Tagen bewegt haben. Da ist zum einen die Verhaftung des Berliner Galeristen Michael Schultz, der nicht nur gefälschte Bilder verkauft haben soll, sondern insgesamt wohl einen Schaden in Millionenhöhe angerichtet hat. Zum anderen las ich neulich ein Interview mit Galerist Johann König, der unter anderem sagte: „Wer Geld mit Kunst machen will, muss Werke von Frauen kaufen.“

Nun passen die beiden Meldungen auf den ersten Blick nicht wirklich zusammen. Und doch sind sie für mich Sinnbild des Wandels, den wir gerade auf vielen Ebenen erleben. Ich muss das erklären, aber vorneweg noch etwas, das viele bestätigen werden. Kunst war der Zeit schon immer voraus. Kunst, ob nun als geschriebenes Wort, als Bild oder Theater bildet Thesen ab, zeigt Zukünftiges, lässt uns durch ein Schlüsselloch auf etwas schauen, das wir uns vielleicht unter den gegebenen Umständen noch gar nicht vorstellen können. Kunst hat diese Kraft, sie ist uns voraus und wenn wir achtsam sind, können wir sie als Wegweiser begreifen.

Die Kunst des Wandels

Wandel ist das Stichwort, denn den erleben wir momentan nicht nur als Faktor beim Klima. Irgendwo tief in uns allen, ob wir es nun sehen wollen oder nicht, gibt es die Gewissheit, dass es so nicht weitergeht. Dass unser Wirtschaftssystem ein Ausbeutungssystem ist, dass Konkurrenz und Leistungsdruck verbunden mit Existenzängsten den Menschen zu schaffen machen, dass die Globalisierung das Elend und die Nöte auf dieser Welt sichtbar und spürbar macht.

Ich weiß nicht, was Michael Schultz dazu getrieben hat, offensichtlich in großem Maßstab zu betrügen. Ob er aus reiner Gier oder aus dem Druck heraus, den Schein zu wahren, obwohl die Geschäfte nicht gut liefen, gehandelt hat. Ich will auch nicht urteilen, das steht mir nicht zu. Aber ich sehe ihn exemplarisch für so viel, das derzeit schiefläuft. Ob bei VW oder in anderen Firmen – wenn Betrug und Lüge die einzigen Wege sind, um etwas aufrecht zu erhalten, das längst kaputt ist, dann ist der Zeitpunkt gekommen, einen Paradigmenwechsel, der vielleicht sogar die Systemfrage beinhaltet, auszurufen.

Aber so weit will ich noch gar nicht vorpreschen, sondern lieber auf die zweite Meldung, den Satz von König zurückkommen. Der schmiegt sich nämlich wunderbar an eine andere Meldung. Das Magazin Capital ermittelt jedes Jahr die 100 einflussreichsten Künstler*innen und die 100 Aufsteiger*innen. Und was sich da abzeichnet, wird uns bald auch in anderen Bereichen begegnen. 63 der 100 Newcomer*innen sind Frauen. So viele wie noch nie in der insgesamt 50-jährigen Geschichte des „Kunstkompasses“.

Kunst von Frauen als Mode?

Eine Modeerscheinung? Ist sie plötzlich schick die Kunst von Frauen? War sie es vorher nicht? Ich denke, und damit knüpfe ich an meine Haltung der visionären Kraft von Kunst an, dass die Wandlungsenergie maßgeblich von Frauen ausgeht. Was sich in der Kunst schon zeigt und sich im Übrigen auf den Straßen bei „Fridays for Future“ fortsetzt, ist das Bild einer Gesellschaft, die Frauen nicht mehr auf die Ersatzbank setzt oder in die Küche stellt, sondern die die weibliche Kraft als Transformationsmotor nutzt.

Der grönländische Schamane Angaangaq, der auf der ganzen Welt unterwegs ist, um die Botschaft seiner Ahnen zu verbreiten, sagte vor ein paar Tagen: „Wir leben in herausfordernden Zeiten. Auch ich gehe durch tiefe Veränderungen. Ich reise viel und was ich da sehe, bringt mich zur Einsicht: Wenn es die Frauen wären, die Entscheidungen treffen, würde das Leben in der westlichen Welt sehr anders aussehen. Wir hätten keine Kriege. In der früheren Zeit in meiner Welt waren es die Frauen, die die Entscheidungen trafen und die Aufgabe der Männer war es, diese Entscheidungen umzusetzen. Für uns war das Gleichheit. Wenn die Schönheit der Großmütter zurückkehrt, dann wird sich unsere Gesellschaft verändern. Mein Gebet ist, dass die Frauen bereit werden, diese Verantwortung wieder zu übernehmen.”

Ich bin sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dass sich Altes verabschiedet, dass Mechanismen, die für uns alle so „normal“ waren, aufbrechen. Wir brauchen dafür kein Matriarchat, sondern die Ausgewogenheit von Männlichkeit und Weiblichkeit. Wenn sich beides in seiner Ganzheit auch in der Kunst zeigt, sind wir auf dem richtigen Weg.

Veröffentlicht am: 26.10.2019 | Kategorie: Ausstellungen, Kolumne Jeannette Hagen, Redaktion-Tipp,

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