Raymond Gantner – everything seems to be good when I am taking a bath

Wir Menschen bewegen uns stets zwischen Herdentrieb und Ruhebedürfnis. Wir sehnen uns nach Jahrmarkt-Trubel und überfüllten Clubs und genauso nach einsamen Waldhütten und menschenleeren Stränden. Wie viel Gesellschaft brauchen wir, wie viel Zeit allein? Wann ist Alleinsein ein gesundes Bedürfnis nach Ruhe, wann kann Einsamkeit und soziale Isolierung zur Belastung werden? Fakt ist: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Doch unser Bedürfnis nach Nähe schwankt. Mal Sardinen, mal einsamer Wolf. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie ist die Frage nach dem Menschen als soziales Wesen aktueller denn je. Wenn soziale Kontakte eingeschränkt werden, kann Alleinsein schnell zur Einsamkeit werden.

Raymond Ganter widmet sich in der Ausstellung „everything seems to be good when I am taking a bath“ dem ambivalenten Thema „Nähe“ und begegnet der Frage „wie viel Gesellschaft brauchen wir?“ auf künstlerische Weise. Sind wir (zu) einsam, wenn wir nur wenige Menschen treffen? Wieso zieht es uns an überfüllte Strände in die Gesellschaft von unzähligen anderen Menschen? Visuell spielt der Künstler dabei mit der Auflösung der Figuren und der Szenerie und erzeugt so die zwiespältige Wahrnehmung, die wir in Bezug auf die Gesellschaft, die uns umgibt, haben. Gerade momentan spüren wir alle diese Hin- und Hergerissenheit besonders deutlich. Wir zehren geradezu nach Kontakten und empfinden sie gleichzeitig als kräftezehrend und gar bedenklich. Wir schwanken zwischen einigeln und der Sehnsucht, dass sich ein Bild von Großevents wie Festivals nicht mehr unbehaglich anfühlt.

In Gantners Bildern, die Namen wie „Die BadendInnen“, „überfülltes Ufer“, „Glas City“ oder „Juntos“ tragen, werden die Kontraste zwischen Geselligkeit und Alleinsein deutlich. Mit der Technik von Siebdruck und Öl auf Leinwand nähert sich Gantner seinen Motiven auf langsame Weise. Der Siebdruck wird nicht als reines Reproduktionsmittel genutzt, sondern als gestalterisches Mittel im Prozess der Bildgestaltung. Neben den Siebdrucken sind auch skulpturale Arbeiten zu sehen, etwa „der Gläserne Turm“, „Das überfüllte Hochhaus“, „Architektur als Treffpunkt“. Bei den Plastiken bearbeitet der Künstler das Thema aus einer figurativen und architektonischen Perspektive und nutzt dazu als Materialien diverse Kunststoffe wie Plexiglas, Acrylglas und Vivak.

Gemeinschaft, Geselligkeit, Nähe, Distanz und Einsamkeit – dieses Themenfeld war selten so herausfordernd und aktuell wie gerade. Die gegenwärtige Extremsituation zeigt uns unser paradoxes Bedürfnis zwischen dem Wunsch nach Abgeschiedenheit auf der einen und Gemeinschaftsgefühl auf der anderen Seite. Wo sich Menschen sonst fließend zwischen beiden Extremen bewegen können, fehlt aktuell die Entscheidungsfreiheit. Die Wahl zu haben, wann wir welchem Bedürfnis nachgehen, macht den Unterschied.

Raymond Gantner – everything seems to be good when I am taking a bath

Datum: 12.03.2021 – 23.04.2021

Galerie Anna25 neu

Veröffentlicht am: 04.03.2021 | Kategorie: Ausstellungen,

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