“Traum – welcher Traum?” in der Browse Gallery

A street preacher in New York appeals to Wall Street to repent. 2011 Christopher Anderson - Magnum Photos

Heute startet eine wunderbare und sehr eindringliche Ausstellung in der Browse Gallery. Die Ungleichverteilung von Wohlstand und Chancen und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich weltweit sind kaum ein neues Thema. Neu in unserer Zeit ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der diese Kluft beständig weiter wächst und das Ausmaß, das dieser Gegensatz heute erreicht hat. 80 Milliardäre verfügen z.B. über die gleiche Vermögenssumme wie 50% der ärmeren Weltbevölkerung, 3,5 Milliarden Menschen (Oxfam).

Das ist einfach unvorstellbar! Die Armut, die hinter diesen Zahlen steht, aber auch der Reichtum. Wer sind diese 80 Leute, in welcher Welt leben sie, jenseits all dessen, was für die meisten von uns Alltag ist? Und wie konnte es zu dieser extremen Zuspitzung kommen, die zunehmend auch mitten in Westeuropa sichtbar wird? Auch das ist neu. Und die Folgen sind allenthalben verheerend, für die Wirtschaft, Gesellschaft und v.a. die Menschen. Endet die Krise mit Griechenland, Spanien, Irland oder Portugal? Wer ist verantwortlich? Und wie verändern sich Europa und die Demokratie, wenn Entscheidungen immer öfter von Institutionen außerhalb parlamentarischer Kenntnis (TTIP!) und Kontrolle und gegen die Interessen einer Mehrheit der Bürger/innen (z.B. Griechenland) getroffen werden?

Die wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge, Details und Widersprüche sind für Laien schwer zu durschauen, die Lage ist unübersichtlich. Es hilft nicht, dass aktuell Anzahl und Abfolge globaler Krisen apokalyptische Züge angenommen hat und es hilft auch nicht, dass die Medien, allen voran das Fernsehen, monoman alle paar Wochen eine neue Sau durchs Wohnzimmer treiben, als hätte es die vorhergehende nie gegeben. Wer kann da noch mithalten, klare Gedanken fassen?

Guillaume Herbaut
Guillaume Herbaut

 

Das Ausstellungsprojekt „Traum – Welcher Traum?“ kann keine umfassenden Erklärungen bieten oder Ordnung aus dem Chaos machen, es wirft mehr Fragen als Antworten auf. Es ist eher ein Angebot innezuhalten und dem Tiger ernsthaft ins Auge zu schauen. Es visualisiert einige der oben genannten Problemlagen und präsentiert schlaglichtartig Thesen, Einschätzungen und Kommentare, die nicht dem politischen und medialen Mainstream entsprechen und mehr Öffentlichkeit und Diskussion verdienen, weil wir weiter denken müssen – dafür ist die Browse Gallery inmitten der quirligen Marheineke Markthalle ein guter Ort.

1%: Privilege in a Time of Global Inequality, kuratiert von Myles Little, zeigt Farbfotografien von über 25 international gefeierten Fotograf/inen wie Christopher Anderson, Paolo Woods, Nina Berman, Daniel Shea,,Simon Norfolk , Guillaume Herbaut u.a. Little, leitender Bildredakteur beim US-amerikanischen Magazin TIME hat sich in seinem persönlichen Projekt zur Aufgabe gemacht, das Thema globale Ungleichheit fotografisch so zu beleuchten, dass wir Einblick in exklusive Lebenswelten sowie Orte und Technologien, die den Profit für die Superreichen generieren, erhalten. Die Fotografien sind nicht schockierend oder heroisch. In ihrer Ästhetik und manchmal stilisierten Bildsprache zeigen sie, so Geoff Dyer, die Fallstricke des Glamours und deuten auf das stets vorhandene Gegenüber des Wohlstands, ohne dieses immer im Bild zu zeigen.

Dabei stellt sich bei der Betrachtung die Ahnung ein, dass auch für uns, die vermutlich überwiegend privilegierteren Ausstellungsbesucher, Kehrseite und Abgrund des Wohlstands nicht für immer weit entfernt bleiben werden. Etwa im Bild eines Swimming Pools auf einem Hochhaus im Finanzdistrikt von Singapur, auf dessen Wasseroberfläche ein Mann ganz entspannt in Richtung Wasserkante und Abgrund treibt – ein Foto aus dem großartigen Projekt „The Heavens“ von Paolo Woods und Gabriele Galimberti, das den Steueroasen dieser Welt in zweijähriger Arbeit mit den Mitteln des investigativen Journalismus und großer Fotografie auf den Leib rückt und Unglaubliches zum Vorschein bringt. Oder die Rückenansicht eines Straßenpredigers, der die Arme zur fett beflaggten New Yorker Börse emporstreckt und Wall Street leidenschaftlich zur Reue mahnt – eine Bildikone von Christopher Anderson (Magnum) aus dem Jahr 2011. Dies sind nur 2 Beispiele der One Percent Show, die aktuell um die Welt tourt und internationale Aufmerksamkeit und Lob erlangt.

Living in Recession

25 Schwarz-Weiss-Fotografien der größeren Serie des preisgekrönten Dokumentarfotografen Nikos Pilos zeigen in dynamischen, harten und leisen Bildern die verheerenden Folgen der Krise in allen Bereichen von Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und dem Lebensalltag der Menschen in Griechenland: Industriebrachen, Armut, umzäunte Flüchtlingscamps, Faschisten der Goldenen Morgenröte, verzweifelte Menschen, aber auch Proteste und demokratische Bewegung.

Anlass für das Projekt war die Feststellung, dass die meisten internationalen Medien und Fotografen sich in Griechenland v.a. auf die (z.T. gewalttätigen) Proteste und die Aktionen in Athen konzentrierten. Die eigentliche Krise war aber zuerst im ehemaligen, lange Zeit staatlich und EU-geförderten Industriegebiet im Norden Griechenlands zu sehen. Hier schlossen 400 Unternehmen. Von hier aus vollzog sich der Niedergang der griechischen Mittelschicht, von dem Pilos in seiner umfangreichen Dokumentation erzählt. In den von John Colton ausgewählten und mit ausführlichen Bildunterschriften präsentierten Fotografien von Nikos Pilos, der bereits 2012 und 2013 auf dem Berlin Fotofestival THE BROWSE zu Gast war, ist aber nicht nur die Tragödie Griechenlands zu sehen. Aufscheinen auch andere verwüstete Orte in Europa und die Drohkulisse einer wenig traumhaften Zukunft für uns alle. Die internationalen Medien sollten nicht aufhören, nach Griechenland zu schauen, sagt Nikos Pilos. “Was gerade in Griechenland passiert, ist ein Vorgeschmack von dem, was in den nächsten Jahren auch in anderen westlichen Wirtschaften passiert.“

Griechenland und die EU-Schuldenkrise

Dass die gegensätzlichen Welten, die hier in den beiden Ausstellungen kontrastreich nebeneinander sichtbar werden, heute nicht nur Unterschiede zwischen Metropole und Peripherie im Weltmaßstab markieren, sondern Gegenwart und Zukunft auch innerhalb der EU und Westeuropas bedeuten, ist eine neue Qualität der “Global Inequality”.

Texte von Wirtschaftsexperten – Joseph Stiglitz (Nobelpreisträger u. ehem. Berater von Clinton u. der Weltbank) und Harald Schumann (investigativer Journalist und Autor) und Karikaturen von Klaus Stuttmann liefern in dem Projekt weitere Beiträge, die vor Augen führen, dass die rasant zunehmenden Ungleichheiten keine fatalistischen Folgen ökonomischer Gesetze sind. Sie sind das Ergebnis eines deregulierten und von Finanzmärkten abhängigen “Raubtierkapitalismus” und dem systematischen Zusammenwirken von wirtschaftlichen und politischen Eliten. „Während die Kräfte des Marktes den Grad der Ungleichheit formen, formt die Regierungspolitik diese Kräfte des Marktes. In den vergangenen Jahrzehnten hat die wirtschaftliche Elite mit der größten politischen Schlagkraft ein System durchgesetzt, das ihnen Vorteile auf Kosten der Allgemeinheit verschafft.“(Stiglitz)

Diese Ungleichverteilung ist verantwortlich für und potenziert Problemlagen von globalen Krisen wie z.B. aktuell der Krieg in Syrien und die damit verbundene Flüchtlingsmigration in umliegende und europäische Staaten, in denen die Ressourcen fehlen oder der Wille, die Flüchtlinge menschenwürdig aufzunehmen und in denen Verteilungskämpfe stattfinden (werden), die von zunehmend erstarkenden fremdenfeindlichen und rechtsextremen Bewegungen angefacht werden. Das zweite große Problem des exklusiven Zusammenspiels wirtschaftlicher und politischer Eliten, das sich am Beispiel Griechenlands (und anderer EU-Länder wie Spanien, Portugal und Irland) zeigt, ist die Aushebelung und Aushöhlung der Demokratie durch machtvolle Institutionen und Mechanismen, die sich außerhalb parlamentarischer Entscheidung und Kontrolle befinden – weltweit schon länger und nun auch mitten im westlichen, sich demokratisch verstehenden Europa.

Wie das genau funktioniert erklärt z.B. der Dokumentarfilm “Macht ohne Kontrolle – Die Troika” von Harald Schumann und Arpad Bondy, der in der Ausstellung und auf einer Begleitveranstaltung mit anschließendem Gespräch mit Harald Schumann gezeigt wird.

Was wird aus uns, wenn wir in Europa die Demokratie und unsere Zukunft Technokraten eines neoliberalen Regimes überlassen, die seelenlos nur Zahlen sehen und Wirtschaftseffizienz für ihre Ziele verfolgen? Haben wir noch einen anderen Traum in petto, oder müssen wir endlich aufhören zu träumen?

Einige von Wolfgang Krolows poetischen Fotografien aus Kreuzberg und West-Berlin vor dem Mauerfall mögen am Ende der Ausstellung Erinnerung, Nachdenken und Fragen inspirieren.

Traum – welcher Traum?

9.- 31.10. 2015

Browse Gallery

Marheineke Markthalle
Marheinekeplatz 15
10961 Berlin

Veröffentlicht am: 09.10.2015 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, | Tag: Browse Gallery, crossmedial, Fotografie, Marheineke Markthalle,

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