Angeschaut: „Berlin 1945 – 2000 – A Photographic Subject“

Berlin 1945 - 2000 – A Photographic Subject, Jeannette Hagen für Kunstleben Berlin

Obwohl der Europäische Monat der Fotografie erst am 1. Oktober startet, kann man schon jetzt einige Ausstellungen besuchen, die sich fotografisch nicht nur dem Thema Europa, sondern auch mit Berlin beschäftigen. Medial sehr herausgehoben ist die im C/O Berlin von Felix Hoffmann in Zusammenarbeit mit Ute Mahler und Ute Benz kuratierte Ausstellung „Voll das Leben. Retrospektive“ mit Fotografien von Harald Hauswald. Etwas weniger beachtet dagegen die kleinere, von der Kanadierin Candice M. Hamelin kuratierte, Ausstellung „Berlin 1945 – 2000 – A Photographic Subject“ in den Reinbeckhallen.

Was beide Ausstellungen eint, ist der fotografische Blick auf längst vergangene Zeiten. Während sich jedoch „Voll das Leben“ auf die Bilder von Hauswald beschränkt, untersucht „Berlin 1945 – 2000 – A Photographic Subject“, wie deutsche und internationale Fotograf*innen Berlin zwischen den unmittelbaren Nachkriegsjahren und dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts fotografierten. Es steht also nicht nur der durch Krieg und Wende verursachte zweifache Wandel im Zentrum der Betrachtung, sondern auch die unterschiedlichen fotografischen Praktiken, mit denen sich die Künstler*innen der Stadt genähert haben. Auf Einzelfotos, in Fotoserien und mit einem 26-minütigen Dokumentarfilm bekommt man als Betrachter*in einen teils bildgewaltigen Einblick in die unterschiedlichen Genres der Fotografie: So setzen sich die 200, bis dato teils noch unveröffentlichten Fotografien, aus Dokumentar-, Straßen-, Architektur-, Konzept-, Porträt- und Experimentalfotografie zusammen. Das lässt eine Ausstellung in der Ausstellung entstehen – eine zweite Ebene, die den Aufbruch der Stadt mit der Experimentierfreude und dem freien Forschen nach neuen Möglichkeiten während der Umbruchphasen verbindet.

Während der Begehung hatten wir die Gelegenheit, mit der Kuratorin ins Gespräch zu kommen. Auf die Frage, was denn für sie typisch Berlin sei, antwortete sie, dass es dieses Typische gar nicht gibt, sondern dass es einfach die Menschen sind, die diese Stadt prägen. Ein schöner Gedanke, der sich auch in der Ausstellung zeigt und der auf eine sehr deutliche Art zeigt, dass die Unterschiede, die man meint, zwischen Ost- und Westberlin zu finden, aus dieser Perspektive betrachtet, einfach verschwimmen. Die wilden Zeiten gab es hüben wie drüben. Ebenso die Suche nach Identität, nach Verbindung, die unbändige Lust auf Freiheit und damit auch die Auseinandersetzung mit Grenzen im erweiterten Sinne.

„A Photographic Subject“ entführt für einen Moment in eine Einheit, die draußen vor der Tür in vielen Köpfen noch immer nicht angekommen ist, auch wenn der Burger-Laden an der nächsten Ecke ebenso eine Filiale in Wilmersdorf hat und es die Zuschreibung Ost und West nur noch in der Erinnerung existiert. Natürlich gab es unterschiedliche Systeme, aber wurden deshalb andere Träume geträumt? Beim Anblick der Fotografien will man daran zweifeln und stattdessen das Gefühl mitnehmen, dass es mehr gab und gibt, was uns verbindet, statt uns zu trennen. Ein Aspekt, der gerade jetzt, da wir in ein paar Tagen das 30. Jubiläum der Deutschen Einheit feiern, besonderes Gewicht hat und für den sich der Ausflug in die Reinbeckhallen wirklich lohnt.

Veröffentlicht am: 24.09.2020 | Kategorie: Ausstellungen, Kolumne Jeannette Hagen, Kunst, Redaktion-Tipp, Top 3,

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