Henry Anno – Studio in Motion

Auf meine Frage, was auf der Schublade stehen würde, in die man seine Kunst einsortieren kann, antwortet Henry Anno: “Überraschung”. Das passt, denn wer Erwartungen an das hat, was Anno schafft, der wird überrascht sein, wie wenig er diesen entspricht. Das zeigt auch seine aktuelle Ausstellung, die am 24.07. eröffnet: Studio in Motion. Da zieht er mit dem gesamten Inhalt seiner Arbeitsräume in das Orangelab am Ernst-Reuter-Platz. Was dann entsteht, ist eine Installation, die Kunst und Künstler nicht in Schubladen steckt, sondern für den Besucher begreifbar macht.

Henry Anno war Mode-Designer bevor er dem inneren Drang zu gestalten, gefolgt ist. Sein erstes Projekt: Container-Fotografie, später gesellten sich Malerei und Objektkunst dazu. Was seine Arbeiten durchweg auszeichnet, ist die Weigerung, unbenutzte und neue Materialien zu verwenden. Seine Bildträger, seine Objekte – all das erzählt schon eine Geschichte, bevor Anno dem noch etwas hinzufügt, ihnen seine Handschrift gibt. Die Materialien, die er nutzt, findet man eher selten in Künstlerbedarfsläden. Er malt mit Industriefarbe oder Bitumen, spannt Lastwagenplanen als Hintergrund, zersägt Europaletten oder verwandelt einen ausgedienten Feuerwehrschlauchkasten in ein Kunstobjekt mit Damenschuh.

Damenschuh
It’s war!

 

So unkonventionell im klassischen Sinne seine Kunst ist, so unkonventionell sind auch der Arbeitsraum und das Studio, die er jetzt für drei Wochen in das Orangelab verlegt. Kein Malstudio im Loft, kein Künstleratelier mit bodentiefen Fenstern – dafür Räume, die eher an einen Baukeller erinnern und die ebenso wie seine Bilder und Objekte, schon eine eigene Vergangenheit haben.

“Was will der Künstler uns damit sagen?” ist sicher eine Frage, die sich der eine oder andere Betrachter stellt, wenn er zum Beispiel die 52 kupferfarbenen Holzkreuze sieht, auf denen “LIQUIDATED” steht und die im letzten Jahr beim Gallery Weekend den Passanten auf der Potsdamer Straße den Weg versperrt haben. Und eben genau darum geht es Anno. Seine Kunst ist auf den ersten Blick sperrig, manchmal grob und doch in der Tiefe sehr feinsinnig und gedankenvoll. Kreuze symbolisieren den Tod. Anno lässt uns darüber stolpern, was wir – die Gesellschaft alles liqidiert haben. Menschen, Rechte, Freiheiten und Meinungen. Tag für Tag, Woche für Woche.

Liquidated
Liquidated

Studio in Motion im Orangelab

Als Anno das Angebot vom Orangelab bekam, war die erste Frage, die sich auftat, wie man Bilder in einem Raum unterbringt, in dem es gar keine Flächen dafür gibt, denn der Teil des Orangelab, in dem er nun ausstellen wird, ist komplett verglast. So entstand die Idee der Installation. Damit wird Anno selbst, damit werden seine Räume, seine Arbeit zum Objekt. Über drei Wochen kann man zuschauen, wie seine Bilder entstehen, kann am Prozess teilnehmen, die Materialien nicht nur betrachten, sondern anfassen. Für Anno selbst ein spannendes Experiment: “Wie fühlt es sich für mich an dort zu arbeiten?” und “Wie verhalten sich die Menschen, die plötzlich nicht in klassischen Galerieräumen stehen?” Erwartungen? Nein: Lassen wir uns überraschen!

Studio in Motion

Orangelab

 

Veröffentlicht am: 23.07.2015 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, | Tag: Henry Anno,

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