(Outside) Flaneur: Einen Wimpernschlag für Jim Avignons komplexe Message

Einen Wimpernschlag für Avignons komplexe Message - Jana Noritsch

Heute sind wir am Askanischen Platz, wo seit 2009 gegenüber von dem monumentalen Relikt des Anhalter Bahnhofs eine der größten Berliner Tageszeitungen sitzt: Der Tagesspiegel. Im Juni 2014 realisierte Jim Avignon im Innenhof des Redaktionsgebäudes ein riesiges Wandgemälde, dass immer für alle zugänglich ist. Wer den Gang hindurch in den Hof des Tagesspiegels flaniert, kommt direkt auf das Mural zu, bei dem sich die Welt – ganz links – auf den Weg in die unsere Stadt macht. Ihr Blick erinnert irgendwie an das ‚Märchen von einem der auszog, das Fürchten zu lernen‘.


Er hat schon Wände in Peru, Griechenland, Palästina, Italien, den USA und hierzulande (Berliner Mauer) bemalt. Mit sicheren Strichen zeichnet Jim Avignon Narrationen, die uns alle etwas angehen – denn wir sind ja Teil dieser Welt. Er dokumentiert nicht nur die Zeitzeichen, er hinterfragt, reflektiert, macht uns aufmerksam und fordert sanft Wertebesinnung. Sein farbig-leuchtendes Tagesspiegel-Mural mit dem typischen Strich und den lebenslustigen oder chillenden Protagonisten ist nur auf den ersten Blick fröhlich. So identifizieren wir einen Wimpernschlag später durch den weggentrifizierten Fernsehturm, den Investoren-Character, den ans Geld fußgefesselten Wippenden, den Euro im Rettungsboot, den Sensenmann mit „Unpaid Work“– Banner Avignons komplexe Message. Eingebettet in fliehende Häuserschluchten ist die Tiefsinnigkeit und aktuelle Gesellschaftskritik des neoexpressionistischen Malers wahrnehmbar.

Jim Avignon im Hof des Tagesspiegelgebäudes
Jim Avignon im Hof des Tagesspiegelgebäudes

Der sogenannte Fortschritt ist schnell. Highspeed, Deadlines, Newsfluten und permanente Updates: Ist es nicht erschreckend, wie kurzlebig Errungenschaften und Trends heutzutage sind? Als Kosmopolit und scharfsinniger Beobachter unserer Gegenwart mit ihrem Optimierungsdrang bei gleichzeitigem Zeitmangel vermisst Avignon in der Gesellschaft oft die wirklich wichtigen Dinge des Lebens: das Lachen, die Liebe, Natur, Zeit für Freunde – und eben auch Raum, all diese neuen Entwicklungen einmal zu überdenken, um dann selbst zu entscheiden.

Den Wunsch, frei im Handeln zu sein, lebt der Künstler selbst in Bezug auf den Kunstmarkt und lässt sich nicht vereinnahmen. Er möchte keine hohen Preise erzielen – im Gegenteil soll sich jede/r eine seiner Papierarbeiten oder ein Bild auf Karton leisten können.

Jim Avignon im Hof des Tagesspiegelgebäudes
Jim Avignon im Hof des Tagesspiegelgebäudes

Kreativität lässt sich nicht aufhalten: Jim Avignon ist viel in Bewegung, am Puls der Zeit, kennt seine Sujets, den Rausch der Stadt, verschiedene Identitäten und verschwiegene Wahrheiten. Mit heiterem Ideenreichtum wirft er sich dem Leben entgegen und ruft: „Zeig mir, was es noch gibt!“. Er bricht immer wieder Schubladendenken auf, lässt Genre-Grenzen verschwimmen – und verschwinden. Deshalb passt er so gut nach Berlin! Und ins Tagesspiegel-Haus: Früher einmal war es Sitz von Siemens und wurde später von der Finanzverwaltung genutzt. Hier hat der Verlag nach langer Suche ein Gebäude gefunden mit genügend Platz für Print- und Online-Redaktion, alle Geschäftsbereiche, Veranstaltungs- und Konferenzräume sowie für einen eigenen Laden, in dem ihr euch ja mal umschauen könnt, während in den oberen Geschossen die Redakteure mit den Nachrichtenfluten des Tages und Abgabeschluss kämpfen.

Ort:

Askanischer Platz 3, Innenhof des Tagesspiegelhauses, 10963 Berlin-Kreuzberg

Askanischer Platz am Anhalter Bahnhof
Askanischer Platz am Anhalter Bahnhof

Veröffentlicht am: 02.04.2021 | Kategorie: Kolumne Jana Noritsch, Kultur, Kunst, Redaktion-Tipp, | Tag: Kolumne Jana Noritsch,

Eine Idee zu “(Outside) Flaneur: Einen Wimpernschlag für Jim Avignons komplexe Message

  1. Norbert Martins sagt:

    Hallo Frau Noritsch,
    ich besitze das größte Archiv von Berliner Wandbilder. Meine Arbeit umfasst die Jahre 1975 bis 2021.

    Ben Wagin, Gert Neuhaus und Werner Brunner gehören ebenso zu seinen Freunden wie zahlreiche andere Künstler. Seit mehr als 46 Jahren fotografiert, recherchiert und dokumentiert ich Wandbilder in Berlin.

    “Ich besitze ca. 20 100 Fotos von Wandbildern aus Berlin. Niemand anderes in der Stadt hat so viele Informationen, Fotos und Geschichten über diese öffentliche Galerie in der Stadt. Kein Archiv besitzt diese lückenlose Dokumentation von 1975 bis 2020. Außerdem kenne ich viele Wandbilder, die nicht von der Straße aus zu sehen sind. Da ich mit vielen Künstlern in Kontakt stehe, bin ich auch darüber informiert, welche Wandbilder gerade in Berlin entstehen.

    Die Wandbilder von Gert Neuhaus, Werner Brunner und anderer internationalen Künstlern sind weltberühmt. Seit das erste Wandbild 1975 von Ben Wagin (“Weltbaum I – Grün ist Leben”) gemalt wurde, hat sich das Stadtbild in Berlin verändert. Rund 900 Wandbilder sind seither entstanden – einige aber schon wieder verschwunden.

    Wandbilder stehen nicht unter Denkmalschutz und sind Kunstwerke auf Zeit. Ich habe diesen Schatz durch meine Sammelleidenschaft und mein Engagement festgehalten und mache die Geschichte der Berliner Wandmalerei seit der Entstehung bis heute nachvollziehbar.

    Wandmalerei hat in beiden Teilen der Stadt seine Geschichte. Nach der Wiedervereinigung verschmolzen die Tendenzen und Ansätze zu einem gemeinsamen Prozess, der bis heute eine Vielzahl an Werken hervorbringt und die Vielfältigkeit des künstlerischen Lebens in der Stadt widerspiegelt.”

    Zurzeit unternehme ich keine Stadtführungen für Interessierte – wegen Corona. Normalerweise halte ich auch Vorträge (u.a. im Friedrichshain-Kreuzberg Museum, an der Urania, in Kunstvereinen und im Ephraim-Palais) über die Geschichte der Berliner Wandbilder.

    Bis das wieder möglich ist, können Sie in meinen Büchern schmökern:
    • “Giebelphantasien – Berliner Wandbilder” (1989),
    • “Hauswände statt Leinwände – Berliner Wandbilder” (2012) und
    • “Street Art Galerie – Berliner Wandbilder” (2020)

    • Grußwort von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hat für “Street Art Galerie – Berliner Wandbilder” ein Grußwort geschrieben: “Ihr gesellschaftliches, kunsthistorisches und auch archivarisches Engagement der letzten 45 Jahre ist dabei nicht hoch genug einzuschätzen und zu würdigen. Dafür möchte ich Ihnen als Kultursenator und Bewohner dieser Stadt danken”.

    Mit freundlichen Grüßen
    Norbert Martins

    Telefon: 033056 76161

    Bitte besuchen Sie meine Webseite:

    http://norbert-martins-wandbilder-berlin.de

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