Wenn Räume zu Seelenlandschaften werden und Stille eine eigene Farbe bekommt, öffnet sich die Welt von Tino Geiss. In der Galerie Brockstedt erschafft der Leipziger Maler mit seiner Schau Hortus umfriedete Gärten der Kontemplation, die uns zwischen kräftigen Kontrasten und collagenhafter Tiefe einladen, unsere eigenen Lebensromane weiterzuschreiben. Eine visuelle Reise zu den geschützten Orten der Erinnerung, die gerade heute wie ein Anker wirkt.
Tino Geiss in der Galerie Brockstedt: Magischer Realismus und Stille
Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman sein. (Novalis) Die menschenleeren Interieure, Gärten und Landschaften des Leipziger Malers Tino Geiss atmen Stille: Sie laden uns ein, sie zu betreten, sie mit Inhalt zu füllen, sie zu gestalten – mit unseren eigenen Assoziationen.
Hortus: Der geschützte Garten als künstlerisches Konzept
Nicht zufällig wählte der in der Galerie Brockstedt schon mehrfach gezeigte Künstler für diese Ausstellung seiner jüngsten Bilder den Titel „Hortus“, was schon bei den alten Römern „umfriedeter Garten“ bedeutete und seither in der christlichen Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart einen heiligen geschützten Garten beschreibt, den undurchdringliche Mauern umgeben.
„Die Form von Erinnerung, die nicht direkt greifbar ist, aber die Qualität des gegenwärtigen Zustands mitbestimmt, interessiert mich“, sagt er selbst, „die Frage nach Authentizität von Erinnerungsbildern und die Konstruktion, die wir um diese errichten, finde ich spannend“.
Eine eigenständige Stimme der Neuen Leipziger Schule
Tino Geiss ist mit seinen Arbeiten, die im Kontext des Magischen Realismus zu sehen sind, ein echter Vertreter der Neuen Leipziger Schule. Der Verzicht auf Figürliches und auf den surreal-narrativen Charakter eines Neo Rauchs, hat ihn schnell zu einer absolut eigenständigen Künstlerpersönlichkeit gemacht. Seine, zum Teil auch großformatigen, Bilder pendeln zwischen Malerei und Collage.
Beide Techniken bedingen sich gegenseitig – die Farbspuren an den Klebebändern sind Erinnerungen an die Leinwände, eröffnen hier und da narrative Zusammenhänge. Sie erhalten jedoch auch eine reizvolle abstrakte schwere Stofflichkeit, wenn sie sich in mehreren Lagen übereinanderschichten und zum autonomen sinnlichen Material werden.
Zwischen thüringischer Heimat und urbaner Abstraktion
Das Auge des Betrachters scheint gewissen Halt zu finden in Formen: in Häusern und Landschaften seiner thüringischen Heimat, den urbanen Motiven seiner Reisen, in prachtvollen Blumenbouquets, in Möbeln seiner Interieure, dessen Fenster den Blick nach draußen öffnen. Erlebtes, Wahrgenommenes und direkt Empfundenes fließt so in seine Bilder.
Doch er stellt die Geschlossenheit, die Abgeschlossenheit dieser Formen durch ihre Ausschnitthaftigkeit immer wieder in Frage, bricht Perspektiven, irritiert, indem er Vertrautes mit Fremdem mischt, die gebauten Räume ineinander verschachtelt oder gar in die Fläche oder Weite auflöst. Auch die Kontraste der zumeist kräftigen Farben unterstreichen noch diesen flirrenden Eindruck seiner geheimnisvollen Bilder und packen uns emotional.
Mit dem Künstler gehen wir gedanklich selbst auf die Reise. Was in unserem „Seelengarten“ ist schützenswert? Welche Samen waren und sind fruchtbar für die Gestaltung unseres eigenen Lebens und das unserer Gemeinschaft? Sind wir doch selbst für ihre Pflege und ihr Gedeihen verantwortlich – gerade in diesen bewegten und unsicheren Zeiten! Die besinnlichen Räume in den Bildern von Tino Geiss lassen viel Raum zur Entfaltung und die farbig-opulenten und magisch-verzaubernden jüngsten Bilder wie „Nachtgarten“ verheißen Hoffnung und Zuversicht.
Tino Geiss – Hortus
24. April 2026 – 27. Juni 2026


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