Wolf Jobst Siedler – Fotografien 2010 – 2015

Ich gebe es offen zu, ich war überrascht, als ich die Einladung zur Fotoausstellung von Wolf Jobst Siedler in meinem virtuellen Postkasten fand. Ein Verleger, der fotografiert und ausstellt? Eher ungewöhnlich, immerhin ist Siedler ein großer Name in der Verlagsbranche und da ist öffentliche Zweigleisigkeit ja doch eher die Ausnahme. Als ich dann in den Galerieräumen des Stadt- und Architekturfotografen André Kirchner stand und die Fotografien von Wolf Jobst Siedler betrachtete, war ich ein zweites Mal überrascht. Von ihrer Klarheit, ihrer Überdeutlichkeit, ihrer Magie. Die Fotografien wirken teilweise wie Malereien, wie Stillleben und trotzdem so lebendig, dass man das Gefühl hat, man könnte direkt in die Szenen eintauchen. Hört die Gespräche der Leute, die Absätze, die auf dem Trottoir klappern, den Wind, der die Schneeflocken über den Potsdamer Platz treibt. Wunderbare Szenen, wirklich meisterhaft eingefangene und konservierte Momente.

Wolf Jobst Siedler war so freundlich, mir einige Fragen zu beantworten.

Wie und warum haben Sie die Fotografie für sich entdeckt? Ist es ein Ausgleich, oder steckt mehr dahinter?

In der Tat habe ich nach einer fast zwanzigjährigen Arbeit als Lektor und Verleger den Wunsch verspürt, den Schreibtisch dann und wann zu verlassen, um die Welt „da draußen“ mit der Kamera in Augenschein zu nehmen. Dieses anfänglich eher spielerische Vorhaben ist dann zu meiner eigenen Überraschung mit jedem halbwegs gelungenen Bild zu einer wirklichen Leidenschaft geworden, die mein verlegerisches Engagement zunehmend in den Hintergrund gedrängt hat, so dass ich die Verlagsarbeit inzwischen vollständig eingestellt habe, um mich in den kommenden Jahren ausschließlich der Fotografie zu widmen.

Was reizt Sie an der Stadt- bzw. Architekturfotografie?

Dass ich mich dabei in erster Linie mit der Stadt- und Architekturfotografie beschäftigt habe, verdanke ich einerseits wahrscheinlich den „väterlichen Genen“, da ich schon in frühester Jugend die architekturkritischen Diskussionen in meinem Elternhaus verfolgt habe; andererseits ist Berlin im guten wie im schlechten eine ungeheuer fotogene Stadt, die aufgrund ihrer Veränderungsdynamik geradezu dazu einlädt, fotografisch porträtiert und dokumentiert zu werden. Und natürlich haben mich auch Vorbilder wie etwa André Kirchner und Ulrich Wüst, aber auch die großen amerikanischen Fotografen wie etwa Walker Evans und Stephen Shore dazu inspiriert, im städtischen Raum auf Motivsuche zu gehen.
Ich verstehe mich aber dennoch nicht ausschließlich als Architektur- oder Stadtfotograf, da es mich häufig auch reizt, Straßen und Plätze als skurriles Bühnenbild und als Kulisse für den Auftritt von Passanten zu nutzen, die sich in ihrer mitunter grotesken architektonischen Umgebung eigenartig vereinzelt und verloren ausnehmen. Übrigens fotografiere ich gern auch in den entvölkerten Dörfern und Städten Brandenburgs, bin fasziniert von der omnipräsenten Hässlichkeit und Trostlosigkeit der zersiedelten Küstenlandschaft Spaniens oder Italiens und versuche mich von Zeit und Zeit auch an Landschaftsbildern, da ich häufig mit dem Wohnmobil oder mit dem Boot fernab menschlicher Behausungen unterwegs bin.
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Sie spielen mit Leere, Stille und Abstraktion, haben einen ganz differenzierten Blick für Details, wie man es von Visualisierungen in der Architektur her kennt. Zufall, oder Absicht?

Weil ich die Fotografie in einem Alter entdeckt habe, in dem ich mich nicht mehr „beweisen“, keine Karriere mehr als Fotograf machen und mich deshalb auch nicht mehr auf den akademischen und kunsttheoretischen Diskurs einlassen muss, scheue ich ganz ungeniert jegliche thematische Verengung und jede Festlegung auf eine bestimmte Aussage oder ein Erkenntnisinteresse oder einen wie auch immer verstandenen „roten Faden“. Für mich ist die Welt ein zauberisches Kaleidoskop, eine unendliche Vielfalt von Perspektiven. Wenn ich ein paar davon mit der Kamera einfangen kann, reicht mir das.
Meinem Lehrer Jonas Maron, dessen Seminare ich an der Ostkreuzschule besucht habe, verdanke ich den sehr wichtigen Hinweis, dass man – ungeachtet des jeweiligen Motivs oder einer womöglich beabsichtigen „Aussage“ – bei jeder Aufnahme in erster Linie darauf zu achten habe, nicht nur ein Foto, sondern ein „Bild“ zu machen. Genau dies versuche ich zu beherzigen, egal was und wo ich fotografiere.

 

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Verraten Sie mir Ihr Lieblingsbild der Ausstellung und warum Sie es besonders mögen?

Ein Lieblingsbild im engeren Sinne habe ich nicht. Das Bild, das wir auf unserer Einladung verwendet haben, liegt mir insofern am Herzen, weil es das in meinen Augen erste gelungene Bild war. Ansonsten lasse ich mich häufig durch den Neuigkeitscharakter der Fotografien täuschen und favorisiere die jeweils aktuellsten Bilder – um manche davon nach wiederholtem kritischem Betrachten auch wieder zu verwerfen.
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Werden Sie weiter ausstellen?

Was weitere Ausstellungen betrifft, so würde ich mich freuen, wenn ich auch in Zukunft immer mal wieder Gelegenheit hätte, ein paar Bilder an die Wand zu hängen. Aber in erster Linie hoffe ich, weiterhin mit der großen Freude wie bisher zu fotografieren, weil die nahezu meditative Versenkung in den Augenblick, die mir das Flanieren mit der Kamera beschert, eine zutiefst beglückende Erfahrung ist.
Die Bilder sind noch bis zum 8. November – jeweils von 16:00 – 18:00 Uhr –  in der Galerie von André Kirchner, in der Grundewaldstraße 15 zu sehen.

Veröffentlicht am: 28.10.2015 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, | Tag: Fotografie, Galerie André Kirchner,

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