Der Surrealismus hat schon lange existiert, bevor er einen Namen erhielt. Das Unbewusste, Träume, automatische oder tranceartige Kreativität sind keine Erfindungen der Moderne, sondern tief verwurzelte Bestandteile der menschlichen Kreativität. Vor Jahrhunderten eröffneten Künstler wie Hieronymus Bosch, Giuseppe Arcimboldo und die Symbolisten Gustave Moreau und Odilon Redon visuelle Räume, die über das Rationale hinausgingen. Erst mit Sigmund Freud und André Breton fand das Surreale im 20. Jahrhundert seinen theoretischen und künstlerischen Platz. Der zeitgenössische Surrealismus, getragen von Künstlerinnen, knüpft an diese Tradition an und übersetzt sie in eine vielschichtige Bildsprache zwischen Traum, Mythos und innerer Transformation.

Das Weibliche spielt im Surrealismus eine zentrale, aber ambivalente Rolle. In der frühen, von Männern dominierten Bewegung wurden Frauen oft als Musen, Traumfiguren oder Projektionen des Unbewussten dargestellt – als Verkörperungen des Geheimnisvollen, Erotischen, Irrationalen. Diese Ikonographie spiegelt eher männliche Fantasien als weibliche Erfahrungen wider.
Doch es waren vor allem Künstlerinnen, die den Surrealismus transformierten und ihm neue Perspektiven eröffneten. Leonor Fini, Jane Graverol, Rachel Baes und Unica Zürn durchbrachen das passive Rollenbild und entwickelten Bildwelten, in denen weibliche Subjektivität, Magie, Körperlichkeit und Transformation im Mittelpunkt stehen. Ihr Zugang zum Surrealen war introspektiver, körperlicher – kritisch und poetisch zugleich.
Suzanne Césaire schrieb 1946 in Le Grand Camouflage, dass das Weibliche im Surrealismus Ausdruck eines tiefen Wunsches nach Selbstermächtigung und Emanzipation ist.
Die acht Künstlerinnen, die in dieser Ausstellung vorgestellt werden, greifen jeweils auf ihre eigene Weise auf Elemente der surrealistischen Bildsprache zurück. Sie veranschaulichen, wie lebendig, vielschichtig und bedeutungsvoll surrealistisches Denken auch in unserer heutigen Zeit sein kann.

Zeitgenössischer Surrealismus Künstlerinnen im 21. Jahrhundert
Der zeitgenössische Surrealismus hat sich weit über die Faszination der historischen Bewegung für Träume, Automatismus und das Unbewusste hinausentwickelt. Heute greift eine neue Generation von Künstlerinnen auf surrealistische Strategien zurück, um Identität, Materialität, Erinnerung und psychologische Transformation zu erforschen. Unter ihnen stechen Wanda Stang, Jutta Scheiner, Mirja Gastaldi, Manita Kaewsomnuk, Nena Čermák, Olivia Berger, Chen Nier und Caroline Gates durch ihre unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Ansätze hervor. Jede von ihnen entwickelt eine surreale Ästhetik, die in persönlichen und kulturellen Erfahrungen verwurzelt ist, aber zusammen bilden ihre Praktiken ein multidimensionales Porträt dessen, was Surrealismus im 21. Jahrhundert bedeutet.
Obwohl sie ein gemeinsames Interesse an inneren Welten, symbolischen Bildern und veränderten Bewusstseinszuständen haben, sind ihre Methoden auffallend unterschiedlich: Einige bedienen sich atmosphärischer Abstraktion, andere konzentrieren sich auf metamorphe Körper, wieder andere schaffen ganze traumähnliche Umgebungen. Ihre Unterschiede verdeutlichen die Bandbreite des zeitgenössischen Potenzials des Surrealismus.
Mythen, Träume und neue Realitäten
(Neo-)surrealistische Werke von acht Künstlerinnen
Jutta Scheiner, Manita Kaewsomnuk, Mirja Gastaldi, Chen Nier, Olivia Berger, Nena Cermak, Wanda Stang, Caroline Gates
Ausstellung: Freitag, 9. Januar bis Samstag, 28. Februar 2026
Eröffnung: Donnerstag, 8. Januar um 19 Uhr
Fasanenstr. 29 (Fasanen-Passage), 10719 Berlin

Beitragsbild: Jutta Scheiner, „Apophis“: 65x50cm, 2025, Öl auf Papier


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