Barbara Probst bei Kuckei + Kuckei

#138 BARBARA PROBST

Die angeschnittene Kaffeetasse ist gut gefüllt, ein paar Kaffeetropfen am Tassenrand lassen vermuten, dass bereits daraus getrunken wurde. Sie steht auf einem dunklen Holztisch inmitten einer Pfütze. Die Flüssigkeit ist klar, sodass die Patina des Holztisches durchschimmert und sich das Licht darin spiegelt. Ist das Wasser? Wurde ein Glas oder eine Flasche umgeschüttet? Versehentlich oder gar mit Absicht? Allein diese zwei Komponenten in Barbara Probsts Exposure #140 wären rätselhaft genug.Doch unser Blick wandert weiter, hin zu etwas, das wie der Ausschnitt eines menschlichen Arms aussieht und schwer an der Kante des Tisches aufliegt. Und wieder wird eine Kaskade an Fragen beim Betrachter ausgelöst: Zu wem gehört dieser Arm? Wo ist der Mensch? Was macht er hier? Welche Rolle spielt er in dieser Fotografie und wie hängt er mit der Kaffeetasse und der verschütteten Flüssigkeit zusammen?

Die soeben beschriebene Szene könnte als klassisches Stillleben durchgehen, wäre sie nicht Sujet eines Triptychons, dessen drei Bilder alle nur einen Augenblick der Szene fokussieren und diesen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Barbara Probst nutzt für ihre Exposures einen über Radiowellen gesteuerten Mechanismus, der es ihr ermöglicht, die Kameras zeitgleich aus der Distanz auszulösen. Auf diese Weise entsteht eine Reihe von Bildern, die die vermeintliche Bildwirklichkeit des Augenblicks in mehrere Ansichten aufspaltet.

Dadurch wiederholen sich die einzelnen Bildelemente wie z.B. der Ausschnitt des Arms, die Kaffeetasse oder auch die Glasflasche mit der gelben Flüssigkeit. Durch die unterschiedlich gewählten Blickwinkel der Kameras ergeben sich immer neue Ausschnitte, die mal die selben und mal neue Protagonisten einfangen. In Exposure #140 liegt dann plötzlich eine grüne Paprika auf dem Tisch oder weiße Keramikscherben, eine Kamera taucht im Foto auf oder ein roter Sessel steht vor einer dunkelgrauen Wand. Der Tisch bleibt der Mittelpunkt dieser Arbeit. Die einzelnen Bilder sind so unterschiedlich und trotzdem verbindet sie der Moment des Auslösens, sodass wir uns als Betrachter ständig fragen, wo die Kamera positioniert wurde, wie die einzelnen Bildelemente miteinander verbunden sind und welche Geschichte sie uns erzählen. Je mehr Details wir entdecken können, desto besser verstehen wir die Zusammenhänge und können uns vielleicht sogar den Raum in seiner Dreidimensionalität vorstellen.

„In meiner Arbeit geht es um das Sehen und Beobachten, um unsere Wahrnehmung – darum, wie wir die Welt sehen und wie unterschiedlich wir wahrnehmen“, erklärt Barbara Probst. Unser menschliches Sehen kann immer nur eine Perspektive, eine Position, einen Blickwinkel zur selben Zeit einnehmen und letztlich einen einzigen Bildausschnitt einfangen. All die anderen Dinge, die um uns herum passieren, bleiben uns verborgen. In den Exposures verlassen wir diese eingeschränkte Perspektive, unser Sehen erweitert sich. Barbara Probst hinterfragt in ihren Arbeiten nicht nur unsere Wahrnehmung der Welt sondern auch den vermeintlichen Anspruch der Fotografie, Realität abzubilden und führt unser Verständnis von fotografischer Bildwirklichkeit ad absurdum.

Die neuesten und zum ersten mal im Rahmen dieser Ausstellung gezeigten Stilleben scheinen minutiös inszeniert. Die einzelnen Kameras sind präzise positioniert und die Bildausschnitte genau gewählt. Offen bleibt aber in welchen Kontext sich der Moment der Aufnahme einbetten lässt. Eine Frühstücksszene, ein Unfall, gar ein Gewaltakt? Was ist vor oder nach dem Moment des Auslösens passiert? Wie bei all ihren Exposures ist es dem Betrachter auch bei den hier gezeigten Arbeiten #138, #139, #140 selbst überlassen, diese Zusammenhänge aufzudecken.

Barbara Probst wurde 1964 in München geboren und lebt in New York und München. Ihre Arbeiten wurden international in vielen bedeutenden Ausstellungen gezeigt. 2018 nahm sie u.a. an der Triennale für Photographie in Hamburg und an der Photobiennale in Peking teil, war auf den Darmstädter Tagen der Fotografie zu sehen und hatte eine Einzelpräsentation bei Galerie Kuckei+Kuckei auf der Paris Photo und auf der Art Unlimited in Basel. Wir freuen uns besonders auf die umfangreiche Ausstellung, die im Mai 2019 im LE BAL in Paris eröffnen wird. Zusätzlich sind ihre Exposures dieses Jahr u.a. in der Pinakothek der Moderne in München oder der Kunstsammlung der DZ Bank in Frankfurt zu sehen. Ihre Arbeiten sind in vielen internationalen Sammlungen vertreten, u.a. im Whitney Museum of Art, im MoMA, im Centre Pompidou, im LACMA, im San Francisco Museum of Modern Art, in der Pinakothek der Moderne, im Lenbachhaus München oder im Museum Folkwang.

Barbara Probst bei Kuckei + Kuckei

OPENING: FREITAG 15. März, 18 UHR

15.03. – 18.04.2019

www.kuckei-kuckei.de

Adresse

Veröffentlicht am: 18.03.2019 | Kategorie: Ausstellungen, | Tag:

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