Interactions 7 zum Sunday Open mit Alexander Iskin & Michael Sailstorfer im Sexauer Showroom

Interactions 7 stellt eine Installation sowie Gemälde von Michael Sailstorfer und Alexander Iskin gegenüber. Beide Künstler zeigen in ihren Arbeiten unterschiedliche Arten des Eindringens in den menschlichen Geist.

In Sailstorfers Installation e-Moll steckt ein Mikrofon im Mund eines scheinbar schwebenden Kopfes. Durch die Rückkoppelung mit einem Lautsprecher entsteht ein durchdringender Ton, dessen Lautstärke sich mit der Bewegung der Besucher im Raum verändert. Sailstorfer untersucht die Beherrschung des Raums durch die auditive Erweiterung seiner Skulptur.

Inspiriert ist die Arbeit von Sängern, die auf der Bühne ihr Mikrofon in den Mund stecken, um den dabei entstehenden Rückkoppelungseffekt musikalisch zu nutzen. Sailstorfer selbst spielte früher in einer Punkband. Diese Referenz wird durch den Vorhang hinter dem Lautsprecher verstärkt, welcher der Installation einen bühnenhaften Hintergrund verleiht. Außerdem geht es Sailstorfer um die Ökonomie in der Kunst. Wie kann man einen Raum füllen, obwohl das Objekt klein ist? So stellte Sailstorfer bereits einen Popcorn-Automaten in einen Raum, der dann über Wochen mit dem Popcorn gefüllt wurde. Auch ließ er einen motorgetriebenen Autoreifen an einer Wand durchdrehen, so dass die Reibungswärme und der Geruch des Abriebs den Raum füllten. Sailstorfer nutzt also nicht zum ersten Mal ein transmediales Moment, um die ästhetische Reichweite seiner Objekte zu vergrößern.

An der Wand Sailstorfers Gemälde Maze: ein Gehirn, durch dessen Labyrinth sich eine mit einer Spraydose gezogene Linie windet. Die Hirnwindungen – den Gyrus – zeichnete Sailstorfer mit Filzstift. Dann versuchte er, ohne Abzusetzen mittels einer Spraydose eine Linie durch das Labyrinth zu ziehen. In anderen Arbeiten dieser Serie scheiterte er. Bei der hier ausgestellten Arbeit gelang es ihm jedoch, die Linie vom Eingang bis zum Ausgang zu ziehen. Manchmal musste er zurückkehren, wenn er in einer Sackgasse, einem Holzweg, steckte. Durch die klare selbst gesetzte Arbeitsanweisung – ziehe durch das Labyrinth! – entsteht ein Kunstwerk, ohne dass es eines weiteren Einfalls bedürfte, vielmehr bestimmt der Prozess das Werk. Weiterhin scheint die Linie die Haupt- und Nebenwege des Geistes zu symbolisieren. Oder am Ende vielleicht doch Heideggers Holzwege? „Im Werk der Kunst hat sich die Wahrheit des Seienden ins Werk gesetzt“, heißt es dort im Aufsatz „Der Ursprung des Kunstwerkes“.

Auch Iskin zeigt ein Gemälde. Auf diesem starrt eine Jugendliche der Generation Z – jener Kohorte der Post-Millennials, die keine Welt ohne Internet mehr kennen – in ihr Smartphone. Das Bild steht in Zusammenhang mit Iskins Einzelausstellung bei SEXAUER mit dem Titel Werther to go. Auf dem Boden der Ausstellungshalle in Weißensee sind hunderte Zitate auf weißem Grund gedruckt. Zitate aus einem Roman, den Iskin geschrieben hat. In diesem dringt ein Hacker mittels sozialer Medien in den Kopf eines Mädchens, um dieses zu manipulieren. Während auf dem Boden die Romanzitate zu lesen sind, hängen an den Wänden Portraits der Romanfiguren. Ein Portrait ist nun im Showroom zu sehen. Nicht ohne Augenzwinkern hatte Iskin bereits vor der Niederschrift seines Romans eine eigene Kunsttheorie entwickelt – den Interrealismus. Im Rahmen dieser Theorie untersucht er bereits seit Jahren das Verhältnis von analoger und digitaler Wirklichkeit.

In der Ausstellung in Weißensee hat man den Eindruck, sich in einem Panopticon zu befinden, jener Gefängnisform, in welcher die Insassen jederzeit beobachtet werden können. Allerdings mit vertauschten Plätzen. Es stellt sich das Gefühl ein, der Beobachtung durch die Romanfiguren nicht entgehen zu können. Auch scheint nicht ganz sicher, ob sich in den Bildräumen hinter den Portraits noch weitere Personen befinden. Auch hier verschiedene Realitäten also.

Iskin blickt kritisch auf die digitale Beschleunigung und Kommerzialisierung. Aus dieser Haltung heraus könnte er den Umstand, dass Menschen im Netz manipuliert werden und die damit verbundenen Gefahren, ebenso beschreiben wie einst Goethes Werther vor fast 250 Jahren seine Zeitgenossen:

„Sieh den Menschen an in seiner Eingeschränktheit, wie Eindrücke auf ihn wirken, Ideen sich bei ihm festsetzen, bis endlich eine wachsende Leidenschaft ihn aller ruhigen Sinneskraft beraubt und ihn zu Grunde richtet.“

Während Sailstorfer die Struktur des künstlerischen Prozesses und die sensuelle Erweiterung der Bildhauerei untersucht, zeigt Iskin, wie das digitale Transzendieren der physischen Welt den menschlichen Geist durchdringt. Interreality.

Interactions 7 zum Sunday Open mit Alexander Iskin & Michael Sailstorfer

5 Dezember, 12–18 Uhr

SEXAUER Showroom

Veröffentlicht am: 15.12.2021 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst,

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