Farbe entsteht auf drei radikal verschiedenen Wegen: als Handbewegung bei Elisabeth Sonneck, als staatlich verordnete Norm bei Carsten Becker, als Rechenergebnis bei Harm van den Dorpel. Die Gruppenschau Judgment and Calculation frontviews at HAUNT fragt, wo das Urteil endet und die Berechnung beginnt.
frontviews präsentiert Judgment and Calculation, eine Gruppenausstellung mit Arbeiten von Elisabeth Sonneck, Carsten Becker und Harm van den Dorpel. Im Mittelpunkt stehen drei Systeme, durch die Farbe hervorgebracht wird: der körperliche Malprozess, das historische Farbregister und der Algorithmus. Sonneck schichtet Farbe auf Papier, das sie zu ortsspezifischen Installationen arrangiert. Becker reproduziert RAL-Farben und TGL-Normen der DDR, letztere verschwanden mit dem Staat. Van den Dorpel erzeugt Farbe algorithmisch über verteilte Systeme hinweg. Körper, Norm, Algorithmus – drei Gewichtungen von Urteilskraft und Berechnung.
Judgment and Calculation frontviews: Farbe zwischen Urteil und Berechnung
Konzeptueller Ausgangspunkt der Ausstellung ist Joseph Weizenbaums Schrift Computer Power and Human Reason: From Judgment to Calculation (1976). Der 1923 in Berlin geborene Informatiker und Entwickler des Chatbots ELIZA beobachtete bereits vor fünfzig Jahren, wie sich die moderne technologische Gesellschaft zunehmend dahin bewegt, die Welt als berechenbares System zu verstehen – und wie dabei Urteilskraft durch Berechnung, Erfahrung durch Daten, Verantwortung durch Programme ersetzt wird. Die Ausstellung thematisiert dieses Spannungsfeld anhand dreier künstlerischer Positionen, die jeweils auf unterschiedliche Weise an Farbsystemen ansetzen.
Elisabeth Sonneck: Farbe als körperlicher Prozess
Elisabeth Sonnecks Malerei auf Papier nimmt Farbe in den Fokus – als Kosmos unendlicher Differenzen und Relationen. Farbe ist nicht Zustand, sondern Energie, die im Kontext anderer Farben, zeitlich wie räumlich fortlaufend neue Verbindungen erzeugt. In Sonnecks repetitivem, halbtransparentem Farbauftrag entstehen chromatische Prozesse mit subtilen Farbverschiebungen, irreversiblen Überlagerungsspuren und polytonen Spektren. Die Materialspannung ihrer „Rollbilder“ wird zugleich zum Potential ihrer ortsspezifischen, temporären Installationen, in kontinuierlich wandelbaren, nicht fixierten räumlichen Formationen.
Carsten Becker: Farbe als staatliche Norm
Carsten Becker arbeitet mit den historischen Standardisierungen industrieller Farbe. In seinen Serien DIN und TGL rekonstruiert er Farbtöne aus dem RAL-Register und den TGL-Normen der DDR — letztere verschwanden mit dem Staat, der sie verordnet hatte. Becker zeigt, wie Farbe durch staatliche, industrielle und technische Systeme kodiert und verwaltet wird. Durch Neulackierung normierter Bauteile und fotografische Setzung löst er diese Objekte aus ihrem Funktionszusammenhang und legt ihre historische Schichtung frei — auch ihre Einbindung in militärisch-industrielle Systeme der Weltkriege und des Kalten Kriegs.
Harm van den Dorpel: Farbe als Algorithmus
Harm van den Dorpel erzeugt Farbe algorithmisch. Mittels Zufallszahlen, genetischer Algorithmen oder blockchain-basierter Programme entstehen visuelle Objekte, die sich fortwährend reproduzieren und variieren. Farben werden als „colour chords“ definiert — Kombinationen aus den Farbmodellen RGB, HSLA oder CMYK, die dem System als Ausgangsbedingungen dienen. Die resultierenden Bilder sind jedoch nicht das Produkt algorithmischer Suche, sondern Ergebnis ästhetischer Entscheidungen: Der Künstler übernimmt die Rolle des Selektors. Algorithmen erzeugen Möglichkeiten, doch Bedeutung entsteht erst durch menschliches Urteil.
Judgment and Calculation frontviews: Termine im HAUNT
Judgment and Calculation – Drei Systeme von Farbe
11. Juli 2026 – 22. August 2026
frontviews at HAUNT
Mehr zur Ausstellung und zum Rahmenprogramm findest du direkt bei frontviews.


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