Kein Geld für Kunst

Kein Geld für Kunst - art berlin

Dass immer mehr Galerien in Berlin schließen müssen, an diese traurige Realität haben wir Hauptstädter uns schon fast gewöhnt. Nun verschwindet allerdings auch Berlins wichtigste Kunstmesse von der Bildfläche. Neben Planungsunsicherheit gibt die Koelnmesse, die Veranstalter der art Berlin war, an, dass die Umsätze einfach nicht stimmten. Dass man sich mehr erhofft hätte.

Dabei ist doch gerade Berlin international bekannt für seine innovative Kunstszene. Trotzdem bleiben jene, die genug Geld hätten, um hochwertige Kunst zu kaufen, immer öfter fern. Sie kaufen in New York, in Basel oder Tokio. Sie sehen Kunst als Investition und da Berlin immer weniger in diesem Segment anbietet, viele Galerien sich darauf spezialisiert haben, junge Künstler zu fördern und es nur wenige große „Player“ gibt, fällt auch das Urteil der Sammler über Berlin als attraktive Kunstmetropole eher mau aus.

Was in Berlin fehlt, ist eine kunstkauffreudige Mittelschicht. Die macht sich aber leider auch immer dünner oder fast könnte man sagen: Sie wird dünner gemacht, denn das Phänomen der schmelzenden Mittelschicht und der immer weiter geöffneten Schere hat Berlin nicht exklusiv. Trotzdem zeigt es sich gerade am Beispiel der Berliner Galerien besonders deutlich. So schrieb der Tagesspiegel am 21.11.2019: „1 Prozent der Galerien machen weniger als 100 000 Euro Umsatz im Jahr. Zieht man die Kosten für Räume, Personal und Messebeteiligungen ab, können davon viele kaum leben. Doch auch unter denen, die deutlich mehr umsetzen, herrscht Unzufriedenheit. 85 Prozent der Berliner Galeristen sagten, sie würden diesen Karriereweg kein zweites Mal gehen.“ Es ist also nicht nur so, dass Käufer fehlen, sondern die Galerien selbst sind Teil der verschwindenden Mitte.

Leider gehört auch die Start-up Szene, die in Berlin mehr und mehr Fuß fasst, noch nicht zu den Kunstinteressenten und zur potentiellen Käuferschaft. Dabei könnten beide Bereiche voneinander profitieren. Ebenso wie Institutionen, die Kunst kaufen könnten, um in den eigenen Häusern Debatten anzuregen. Aber auch hier ist das Geld knapp und wie fast überall fallen gerade Kunst oder kreative Projekte auffallend häufig dem Rotstrich zum Opfer.

Das ist nicht nur schade, sondern vor allem auch sehr kurzsichtig gedacht und gehandelt, denn es ist unter anderem die Kunst, die eine Gesellschaft voranbringt. Die sie fordert und fördert. Wenn Menschen nicht mehr in Galerien gehen, keine Kunst mehr kaufen, wenn sie nicht mehr bereit sind, sich auf Fremdes, Andersartiges, Innovatives oder Nachdenkenswertes einlassen, dann stirbt ein wichtiger Teil unserer Lebendigkeit und unserer Fähigkeit uns auseinanderzusetzen.

Und auch die Stadt selbst verliert ein wesentliches Merkmal, einen Erfolgsfaktor. Das aufzufangen, wäre Aufgabe der Politik. Aber auch der Künstler, Galeristen und Kunstinteressierten. Vielleicht braucht es neue Formate, um die Menschen wieder mehr für Kunst zu begeistern. Nicht nur in Galerien zu gehen, wenn eine Vernissage ist, sondern Kunst wieder als wichtigen Teil des eigenen Lebens und vielleicht auch als Katalysator für Entwicklungen zu betrachten.

Veröffentlicht am: 21.12.2019 | Kategorie: Kolumne Jeannette Hagen, Kunst, Kunst - was sonst noch passiert, Redaktion-Tipp, | Tag: Jeannette Hagen, Kolumne Jeannette Hagen,

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