FLANEUR – Berlins geografische Mitte in Kreuzberg

Berlin Flaneur Kreuzberg Jana Noritsch

Die Lindenstraße und Kunst rund um Berlins geografische Mitte: Kreuzberg. Berlin ist eine besondere Stadt mit vielen Zentren, aber es gibt zumindest eine geografisch ermittelte Mitte, einen Punkt, an dem sich Berlin theoretisch “auf einer Bleistiftspitze” balancieren ließe.

[November-Rundgang] Ich starte rund zwei Kilometer entfernt – in direkter Nachbarschaft des Bürgermeisters –, im schönen Nikolaiviertel, weil ich hier soeben einen Kunstliebhaber besucht habe. Er hat mir das Gemälde „Übergewichtige Balleteuse“ des bekannten Kreuzberger Milieu-Malers Kurt „Kutte“ Mühlenhaupt (1921-2006) gezeigt. Es handelt sich um ein Gemälde, das in keinem Verzeichnis sein dürfte und noch nie ausgestellt war, denn der frühere Dokumentarfilmer Friedrich W. Zimmermann hatte es dem Künstler 1980 direkt von der Staffelei ‚weggekauft‘ bei den Dreharbeiten für den damaligen Sender Freies Berlin, heute rbb. Kurt Mühlenhaupt war lange in der Kreuzberger Marheineke-Markthalle präsent, wo ihm die Browse Gallery eine umfassende Ausstellung eingerichtet hatte.

Auf dem Weg zur Berlinischen Galerie begegnet uns Stephan Balkenhols 3,50 Meter hohe Bronzeskulptur “Balanceakt” vor dem Axel-Springer-Verlagsgebäude. Nur wenige Schritte entfernt von der Stelle, an der einst die Mauer entlanglief, die Berlin teilte, balanciert seit zehn Jahren dieser angemalte Mann – wieder auf einer Mauer. Im Blick hat er: die Zukunft.

Die Berlinische Galerie in der Alten Jakobstraße hat seit Mitte September ein neues Erscheinungsbild: Die Fassade wurde von der aktuell ausstellenden Künstlerin Bettina Pousttchi mit halbtransparenten Folien gestaltet. Sie arbeitet mit Fotografie in architektonischem Maßstab (s. „World Time Clock“ im Inneren) und das entstandene Muster mutet an wie eine Sprachstilmischung aus dem europäischen und asiatischen Kulturraum. Durch ihre fotografisch-architektonische, aber auch skulpturale Arbeit trifft die Künstlerin haargenau den Daseinszweck des Hauses: 1975 gründeten kunstsinnige Bürger privat den Verein Berlinische Galerie e.V., der in Berlin entstandene Werke seit 1870 sammelte, und zwar für die Bereiche Bildende Kunst, Grafik, Fotografie und Architektur. Ein immer wieder besuchenswertes Museum, weil es sich stets weiterentwickelt, seit September gibt es sogar einen neuen Raum für Aktionen und Kooperationen: „207 m²“.

Westlich von hier, in der Lindenstraße, eine der ältesten Straßen Berlins, erstreckt sich der Komplex des Jüdischen Museums – ein Muss für alle und jeden, denn der Daniel-Libeskind-Bau bietet außergewöhnliche Möglichkeiten für Ausstellungsmacher. Rechte Hand, Richtung Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße, befindet sich die Galerie von Daniel Marzona, der eine bemerkenswerte Arbeit leistet, in den eigenen Räumen (eben zeigte er eine Solopräsentation von Olaf Holzapfel), aber auch auf Messen wie der Art Cologne und in zahlreichen internationalen Kooperationen.

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Frank Coldewey © Kang Contemporary

Das Viertel um die Linden- und Friedrichstraße wurde übrigens 1735 mit einer Zollmauer eingegrenzt, sodass es nur noch vom Halleschen Tor, dem Kottbusser Tor und dem Schlesischen Tor zugänglich war. Wir bleiben in der Lindenstraße und besuchen die Ausstellung „Come as you are“ von Frank Coldewey in der Galerie Kang (bis 21. November). Coldewey ist 1956 in Bremerhaven geboren, u.a. in der Sammlung der Berlinischen Galerie vertreten (weil er schon Jahrzehnte in Berlin lebt) und zeigt bei Elizabeth Kang neue abstrakte Bildwerke und Skulpturen. Gefundene Sachen werden monochromatisch eingefasst, sodass dreidimensionale, fast architektonische Objekte entstehen. Eine irre Empfindung zwischen Fragilität und Gewaltigem, Instabilität und Persistenz wird im Betrachter ausgelöst – was wir daraus machen, bleibt wie immer ganz allein bei uns.

Seine Schatten immer weit voraus wirft Galerist Johann König – sein Einzug in die Brutalismus-Kirche St. Agnes war ein mutiger, absolut lohnenswerter Schritt. Die ehemals katholische Kirche wurde 2004 entweiht. 2013 übernahm Johann König das Gebäudeensemble in der Alexandrinenstraße per Erbpacht. Die KÖNIG GALERIE betreut rund 40 Künstler/innen, bspw. Natascha Sadr Haghighian, die den diesjährigen Biennale-Pavillon gestaltet hat (in Venedig bis 24.11.2019) oder José Davila, der noch bis Januar in der Gruppenausstellung des Gropius Bau zu sehen ist.

Einige wenige Schritte entfernt befinden wir uns nun in Berlins geografischer Mitte: 1997 wurde sogar eine Granitplatte an der Alexandrinenstraße 12-14 installiert.

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Protestplakat PTK © FHXB Museum

Östlich von hier ist es nicht weniger aufregend: die Ritterstraße beherbergt bspw. die 2008 von Jennifer Chert gegründete Galerie ChertLüdde und die Prinzessinnenstraße 29 die Galerien Soy Capitán. und KLEMM’S. Unmittelbar daneben: die neue Gesellschaft für bildende Kunst e.V. ngbk mit ihrem wichtigen Programm für Berlin seit 1969 (Oranienstraße 25) und das Friedrichshain-Kreuzberg-Museum, welches neben relevanten gesellschaftspolitischen („100 Jahre Revolution“, „Wohnen ist ein Menschenrecht“) und künstlerischen Projekten auch einige Werke von Mühlenhaupt in seiner Sammlung hat. Diese sind unter: „Künstlerkreis Kreuzberger Bohème“ zu finden.

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Mietskaserne © FHXB Museum

Wir laufen über den Wassertorplatz und am Böcklerpark vorbei, um für eine Pause in dem wunderbaren Restaurantschiff Van Loon zu verweilen. Dann zieht es uns weiter in die Gneisenaustraße zur Galerie Sievi. Dieses Galerieprogramm bringt seit ungefähr dreißig Jahren alles Zweidimensionale von der figürlichen Abstraktion bis zum Informel und fokussiert dabei kontinuierlich den Brückenschlag Deutschland-Frankreich (auch auf der wichtigen Messe Art Karlsruhe).

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“Our darkness” Talk Ausstellung von Dirk Lehr und Leo Kuelbs

Ein Ort des Sammelns soll den Schlusspunkt des Spaziergangs bilden – und zugleich Auftakt, denn hier in der Dirk Lehr Collection, Großbeerenstraße, werden am 22. November 19-22 Uhr sowie am 23. November 14-19 Uhr in Kooperation mit der Leo Kuelbs Collection (New York/Berlin) neue Arbeiten von Künstler/innen beider Privatsammlungen gezeigt. Unter dem Titel „Our Darkness“ – Pate dafür stand Anne Clark‘s Song aus dem Jahr 1984 – sind Werke unter anderem von Hans Peter Adamski, Andreas Golder, Drew Simpson und Christopher Winter zu sehen. Am 23. November gibt es einen Collectors Club Talk ab 16 Uhr, zu dem alle herzlich eingeladen sind.

Veröffentlicht am: 22.12.2019 | Kategorie: Ausstellungen, Berlin Flaneur, Kolumne Jana Noritsch, Redaktion-Tipp,

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