Am 6. Tag der Schöpfung waren Adam und Eva physisch eins, sie waren in einem einzigen menschlichen Körper vereint. Bevor Gott Adams Rippe entfernte, um Eva zu erschaffen, war der Mensch in diesem Moment eine mystische Harmonie der Dedifferenzierung. Die Trennung, die daraufhin zwischen Mann und Frau verursacht wurde, kann man als eine mythologische Separation verstehen. Hiernach beginnt ein Konzept des geschlechtsspezifischen Dualismus, das die Kultur für immer prägen wird.
Aber was ist mit Lilith? Gott erschuf Adams erste Gefährtin aus demselben Material und demselben Atemzug aus dem er selbst geschaffen war. Da sie sich weigerte, dem Mann zu dienen, so wie Gottes Wille war, wurde sie von ihm in die Dunkelheit verbannt. Dort wird sie später als Inkarnation des Bösen in Form der Hexe Kali, des Butzemann oder eines unbestimmten Monsters auftauchen. Trotz allem leidet sie in ihrem Exil nicht, da sie dort in einem Zustand der Erleuchtung lebt, der die Trennung nach Geschlecht noch nicht kennt. Liliths wahrer Fluch besteht somit darin, das geheime Wissen der göttlichen Einheit zu besitzen.
Das dritte Geschlecht, das vorwiegend in nicht-westlichen, kulturellen Gendernarrativen zu finden ist, ist immer eine Figur der starken Ambivalenz, des „Nichtwissens“ – ein Zustand, der in der östlichen Philosophie als einer der ultimativen Erleuchtung gilt. In diesem Übergangszustand wird sexuelle Energie in heilige Macht umgewandelt. Diese Schwelle ist die Grauzone, welche die Dualität von Mann und Frau und von Gut und Böse zu einer Einheit von Gegensätzen zusammenführt.
Der Rebis (alchemistischer Begriff für die Vereinigung von Gegensätzen zu einer höheren Existenz) ist die ultimative Leistung des Alchemisten. Es ist die Kombination von Doppelmaterie, die Himmel und Erde, Körper und Geist, Mann und Frau miteinander in Einklang bringt. In diesem Magnum Opus offenbart sich die mystische Einheit von allem. Dieser Begriff wird in der Offenbarung des göttlichen Hermaphroditen verkörpert.
Die Bilder von Katherina Olschbaur rufen das gleiche Verlangen des Alchemisten hervor. In ihren Arbeiten ist eine Metamorphose der Materialität enthalten, in der wir sehen können, wie sich die Ursuppe mit entropischer Unbestimmtheit verwirbelt. Dies ist die Übergangszone, in der der Schlamm lebt. Ihre Kompositionen zeigen ein Trugbild der Figuration der sich bildenden Wesen, der vollkommenen Unvollkommenheit. Gliedmaßen tauchen auf und kämpfen um die Daseinsberechtigung, in dem der Huf in eine Hand verwandelt wird oder die Hoden zur Blütenfäule von eintägigen Austern werden. Die Ausdrücke ihrer Figuren sind sowohl höchst technisch als auch emotional. Katherina Olschbaur findet ihren Bezug in den Trümmern kultureller Außenseiter. Sie formt die Oberfläche ihrer Bilder während sich die Stabilität ihrer Subjekte immer mehr auflöst.
Gott kann nur durch das reinste Aurum erahnt werden. Das Gold ist wie ein Kanal für alle Götter in der Kultur, die alle die reinste Oberfläche benötigen, um ihre Präsenz erfolgreich zu beschwören. Es ist ein verehrtes Material des Wohlstands, das von heiligem Glanz überflutet wird. Es gibt keinen Glanz ohne Lust. Gold wird sowohl in der obersten wie auch in der niedrigsten sozialen Gruppen verwendet, um die Oberfläche von allem mit abergläubischem Luxus zu polieren. Olschbaurs Farbpalette ist zunächst unruhig, unnatürlich und schrill. Ihre Formen scheinen ihr eigenes Licht auszustrahlen, ein Licht, das sowohl in De Chirico als auch in Kalifornien in seinen goldenen Stunden vorkommt. Sobald sich die Augen an ihre Bilder gewöhnt haben, wird eine auf Gold basierende Palette erkennbar. Die Werke strahlen eine Aura aus, die durch die Jahrhunderte hindurch vibriert.
In Olschbaurs Leinwänden gibt es eine alchemistische Kapitulation in dieser Avantgarde des Überlebens: Ein Aufbauen und ein Zerstören der Figur. Minotaurus, Telamon, High Heel oder Golem; sie schwanken in und aus dem Fokus heraus und scheinen wie Bilder aus dem Roman von Dr. Moreau. Sie sind wie Avatare im nächsten Schritt unserer Evolutionskette. Sie sind physische Phantasien, die ein bald zu entdeckendes Land bewohnen. Als Betrachter hängen wir an dem, was wir wissen, und verstehen, was sein könnte. Die Arbeiten demonstrieren die Suche der Malerin als Entstehungsort von Freaks, Fantasien und Fiktionen von verflochtenen Geschlechtern, ein Bestiarium von Möglichkeiten, die die Bildfläche gebären.
Die Ausstellung The Divine Hermaphrodite beleuchtet die sakrale Einheit verschiedener Kulturen durch zeitgenössische Kunstwerke. Sie spricht verschiedene Vorstellungen von Transgender als geistige Zustände der Göttlichkeit an, die durch die Verschmelzung mit dem vollkommenen Anderen gefunden werden können.
Sie umfasst okkulte, alchemistische und nicht-westliche Ansätze des dritten Geschlechts zur Vorstellung von Selbstverwirklichung durch den Begriff der mystischen Einheit.
Aaron Moulton
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