Ein sachter Nebel zieht durch den Plänterwald, wo einst Kinderlachen aus Achterbahnwaggons hallte. Heute dringen neue Stimmen durch das Gelände – Stimmen der Vergangenheit, flüchtig wie Radiowellen, greifbar wie Erinnerungsfetzen auf Super-8. Zwischen maroden Mauern und renovierten Räumen entfaltet sich im Spreepark Art Space ein spektraler Dialog. „IM GESPRÄCH MIT GEISTERN“ ist keine Ausstellung im klassischen Sinn – sie ist ein begehbares Archiv kollektiver Erinnerung, zart gestickt, laut gesprochen, performativ geflüstert.
Am 23. November eröffnet der Spreepark Art Space mit der Gruppenausstellung IM GESPRÄCH MIT GEISTERN seine dritte Ausstellung in diesem Jahr. Die eingeladenen Künstler*innen befassen sich darin mit prägenden Momenten in der Geschichte des Eierhäuschens im Spreepark im Osten Berlins – dem heutigen Standort des Spreepark Art Space.
Programm Eröffnungstag, 23. November 2025, 1 1 -1 8 Uhr
– Ausstellungsrundgang mit der Kuratorin Sandra Teitge, 15:30 Uhr
– Ich streiche am Abhang der Worte herunter – Lesung mit Gabriele Stötzer,
16.30 Uhr
– Transformationsleistung – Lesung mit Josefine Reisch 13:30 Uhr (DE),
17:30 Uhr (EN)
Das historische Eierhäuschen im ehemaligen Kulturpark Plänterwald, dem einzigen Freizeitpark der DDR, blickt auf eine facettenreiche Geschichte zurück:
Es war Veranstaltungsort, Requisitenlager des DDR-Fernsehfunks in den 1960er-Jahren, Café der Jugend bei den X. Weltfestspielen der Jugend 1973 und zeitweise Sendeort der Radiosendung 7 bis 10: Sonntagmorgen in Spreeathen, die mehrfach live vom Eierhäuschen ausgestrahlt wurde. Für die Ausstellung treten Werke von Maithu Búi, Franziska Pierwoss, Josefine Reisch, Ernst Markus Stein und Jackie Grassmann, Gabriele Stötzer, Verena Kyselka und Paula Gehrmann in den Dialog mit den Geistern jener Zeit.
In teilweise für die Ausstellung entstandenen Film- und Rauminstallationen, Textilarbeiten, Drucken und eigens produzierten Radiosendungen greifen sie die Geschichte des Ortes auf. Ihre Arbeiten verbinden persönliche Erzählungen mit kollektiven Erinnerungen, öffnen den Blick auf gesellschaftliche Realitäten der DDR und thematisieren vertraute wie auch verdrängte Aspekte dieser Vergangenheit. Ein zentrales Thema in Josefine Reischs Arbeiten ist die Frage nach der Verlässlichkeit von Erinnerungen und den Unschärfen zwischen dem, was war und dem, was ist.
In der Serie It’s very difficult to keep the line between the past and the present. Do you know what I mean? nimmt die Künstlerin u. a. die spezifische Tradition von Erinnerungstüchern auf, die in der DDR zu besonderen Anlässen wie den X. Weltfestspielen der Jugend verteilt wurden, und thematisiert die Brüchigkeit von Erinnerungen und Lebensläufen.
Franziska Pierwoss beschäftigt sich als Künstlerin mit politischen Zusammenhängen und Utopien sowie mit der Instrumentalisierung von Essen als politisches Symbol. Die Leuchtschrift Die Jugend klagt den Imperialismus an verweist auf ein Tribunal, das 1973 als Teil der X. Weltfestspiele der Jugend stattfand, in deren Rahmen das Eierhäuschen als Café der Jugend genutzt wurde. Ein performativer Aperitif im Begleitprogramm sowie Audiofragmente der Recherche geben einen tieferen Einblick in dieses Großereignis.
Die Arbeit von Maithu Bùi beschäftigen sich mit persönlicher Erinnerung und kollektivem Gedächtnis. Ihre Videoinstallation Mathuậṭ – MMRBX (2022), die auf der 12. Berlin Biennale präsentiert wurde, knüpft an das in Vietnam weit verbreitete Geschichtenerzählen durch das beliebte Format des Wasserpuppentheaters an und verweist so auf die starke Präsenz von Geistern und Ahnen und deren generationsübergreifenden Erinnerungen.
Jackie Grassmann und Ernst Markus Stein stellen das Ei selbst in den Mittelpunkt ihrer umfangreichen Installation Nimm ein Ei mehr im Eingangsbereich der Ausstellung. Das Interesse der Künstler*innen gilt dem Spektrum an Bedeutungen des Eis – aus politischer, kultureller und klassenübergreifender Perspektive. Eine partizipativ-auditive Programmreihe in Form einer Reihe von Live-Radiosendungen während der Laufzeit, die in der Installation via Radios ausgestrahlt werden, ist Teil des Werks.
Gabriele Stötzer und Verena Kyselka gehörten von 1984 bis 1994 der Künstlerinnengruppe Erfurt an, die einen radikal künstlerischen Gegenentwurf zum DDR-Alltag mit Super-8-Filmen, Fotografien, Performances, Mode-Objekt-Shows und Soundexperimenten produzierte. Die innerhalb einer Rauminstallation der Künstlerin Paula Gehrmann präsentierten drei Super-8-Filme Komik – Komisch (1988), Signale (1989) und Die Überfahrt (1990) zeigen die Künstlerinnengruppe in selbstgeschaffenen Kostümen als ihre Alter Egos. In der Ausstellung wird ein in den Filmen getragenes Objektkleid von Verena Kyselka gezeigt.
Die Werkreihe Tanzende in Berlin von Annemirl Bauer entstand zu den 1973 in Ost-Berlin stattfindenden Weltfestspielen der Jugend und zeigt den kurzen Moment der Hoffnung auf Öffnung und genereller Entspannung des ostdeutschen Status Quo auch aufseiten der Künstlerin.
Die Ausstellung wurde kuratiert von Sandra Teigge.
IM GESPRÄCH MIT GEISTERN
Maithu Búi; Jackie Grassmann & Ernst Markus Stein; Franziska Pierwoss;
Josefine Reisch; Gabriele Stötzer & Verena Kyselka & Paula Gehrmann und
ein Beitrag von Annemirl Bauer
23. November 2025 – 22. Februar 2026


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