Tiefschwarzes, fragmentiertes Leder trifft auf kühl getöntes Glas und industrielle PVC-Planen. In der Ausstellung „core“ bei max goelitz verschmelzen die Arbeiten von Marie Matusz und Kristina Nagel zu einem dichten Gefüge, das deine gewohnten Sehgewohnheiten gezielt destabilisiert. Während Kristina Nagel den menschlichen Körper durch extreme Nähe und materielle Entfremdung fast bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert, schafft Marie Matusz mit ihren vitrinenartigen Modulen eine strenge, fast choreografische Ordnung im Raum. Es geht hier nicht um das bloße Abbilden von Realität, sondern um die Macht der Strukturen, die unser Sehen überhaupt erst ermöglichen. Die Kollaboration Marie Matusz Kristina Nagel max goelitz konfrontiert dich mit einer „Anti-Aura“, die durch Reflexionen, haptische Oberflächen und architektonische Achsen eine unmittelbare Präsenz erzeugt. Ein Besuch, der spürbar macht, wie sehr Material und Raum unsere Identität und Wahrnehmung formen.
Marie Matusz und Kristina Nagel: Die Dekonstruktion des Sehens bei max goelitz
In core untersuchen Kristina Nagel und Marie Matusz, wie Wahrnehmung strukturiert, gesteuert und verschoben wird und wie das Sichtbare als dynamisches, veränderliches Gefüge entsteht. Beide Positionen machen in der Ausstellung die Instabilität von Repräsentation erfahrbar und zeigen, wie Bild, Material und Raum Bedingungen erzeugen, die das Sehen prägen.
Kristina Nagel: Leder, PVC und die Auflösung der fotografischen Hierarchie
In ihren Fotografien erforscht Kristina Nagel (Frankfurt am Main, DE), wie Wahrnehmung durch Strategien, Codes und Setzungen geprägt wird und wie diese durch Material und Form verschoben werden können. Durch Abstraktion, Nähe und Entfremdung hinterfragt sie Mechanismen der Repräsentation und verdeutlicht, wie die Limitation von Informationen unsere Sehgewohnheiten hinterfragt und Erkennungsmuster destabilisiert. In der gezeigten Werkserie tritt Leder als Fläche und Textur in den Vordergrund und funktioniert operativ, nicht ikonisch. Objekte und Körper werden zu formalen Elementen und Strukturen, die Linien, Volumen und Perspektive markieren. In den Fotografien der Werkserie NON-FIELD zieht sich schwarzes Leder fragmentarisch in variierenden Formen und Texturen über die Bildfläche und öffnet die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt.
Durch die Nähe der Kamera lösen sich beide Elemente ineinander auf und verdichten sich in der Kontaktzone zweier lederner Körper. Nagels Interesse gilt der Strukturierung und Verschiebung von Wahrnehmung: Durch die Depersonalisierung des Körpers und die Reduktion identifizierbarer Merkmale entwickelt sie eine eigene Logik der Darstellung innerhalb von Bildsystemen. Leder wirkt dabei nicht ikonisch, sondern operativ: Es lenkt den Blick auf Fläche, Linie und Textur und macht Betrachtung als dynamisches, veränderliches Gefüge erfahrbar. Wie Theodor Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ (1970) betont, sind Kunstwerke niemals statisch, ihre Wertigkeit entsteht durch den fortwährenden Prozess der Transformation und die dialektische Spannung zwischen Substanz, Form und Kontext. Nagel überträgt diese Prinzipien auf die Materialität der Fotografie und druckt ihre Motive auf PVC Planen. Damit unterläuft sie zugleich konventionelle Darstellungen des Mediums und löst die klassische Hierarchie der Fotografie als reines Repräsentationsmedium auf. PVC ist dabei nicht nur Trägermaterial, sondern auch haptische Oberfläche, die das Bild in den Raum integriert und seine Stofflichkeit erfahrbar macht. So erzeugt NON-FIELD eine bewusste „Anti-Aura“: Das Bild entfaltet Wirkung nicht über tradierte Einzigartigkeit oder museale Distanz, sondern über Präsenz, Wahrnehmung und räumliche Erfahrung.
Marie Matusz: Vitrinen als Filter gesellschaftlicher Machtstrukturen
Marie Matusz (Toulouse, FR) richtet den Blick auf den Raum als gestaltendes Element von Sichtbarkeit. Ihre Vitrinen und räumlichen Module erzeugen eine choreografische Ordnung, in der Volumen, Blickachsen und perspektivische Bezüge die Wahrnehmung leiten und die Bedingungen sichtbar machen, unter denen das Sehen strukturiert wird. Innen und Außen, Nähe und Distanz, Position und Perspektive werden so zu Fragen, die über den formalen Gehalt der Arbeiten hinausweisen und verdeutlichen, wie kulturelle, institutionelle und architektonische Setzungen unser Sehen prägen und strukturieren. Die Werkreihe Long Ago, Tomorrow besteht aus gläsernen Vitrinen, in denen Marie Matusz skulpturale Szenerien aus pflanzenartigen Formen, stählernen Podesten und geometrischen Elementen in Beziehung setzt, um Seherfahrungen herauszufordern.
Matusz arbeitet ganz bewusst mit diesen räumlichen Strukturierungen und deren Verschiebungen. Ihre Praxis basiert auf einer kritischen Auseinandersetzung mit Formen und ihren inhärenten Bedeutungen und Machtgefügen, die eng an die architektonischen Bedingungen des Ausstellungsraums gebunden sind: Volumen, Blickachsen und perspektivische Bezüge erzeugen eine choreografische Ordnung, in der das Sehen geführt und zugleich hinterfragt wird. Die systematische Anordnung von Long Ago, Tomorrow, die an neuzeitliche Wunderkammern oder museale Präsentationen erinnert, machen die Instabilität und Konstruktion von Repräsentation erfahrbar und zeigen, wie Zeit, Material und Struktur das Sehen prägen. In diesem Zusammenhang wird Long Ago, Tomorrow zur Projektionsfläche von Wahrnehmungsmustern und ihrer sozialen Rückkoppelungen und somit selbst zum Träger von Wert. Die Gegenüberstellung von Nagels Bildsystemen und Matusz’ räumlicher Setzung zeigt, dass Wahrnehmung kein passiver Akt ist. Sie entsteht relational und konstruiert: das, was wir als Identität, Nähe oder Präsenz erfahren, wird durch die von den Künstler:innen gesetzten Bedingungen geformt.
core – Marie Matusz und Kristina Nagel
20. Februar – 11. April 2026


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