Künstlerische Arbeit für lau?

Künstlerische Arbeit für lau...?

“Sie machen das doch gern und haben ja auch etwas davon…” Haben Sie diesen Satz so oder so ähnlich schon einmal gehört? Wenn ja, dann sind Sie mit Sicherheit Autor*in, Sänger*in oder sonst irgendwie in der Kunstbranche als Freiberufler*in tätig.

Mir ist es neulich anders ergangen. Mich hat man ohne, dass ich es angesprochen habe, nach meinen Honorarvorstellungen für eine Rede in einer Galerie gefragt. Ich war so verblüfft, dass ich mich erst einmal mit Kolleg*innen darüber austauschen musste, wo denn die Preise dafür liegen.

Ich weiß nicht, wie viele Reden ich schon gehalten, wie viele Texte ich geschrieben, wie viele Fernsehbeiträge ich bereichert und Lesungen ich schon gemacht habe, auf wie vielen Podien ich schon saß – alles, ohne einen einzigen Cent dafür zu sehen. Das wird jetzt keine Anklage, an vielen Stellen war das völlig in Ordnung, manchmal waren es Freundschaftsdienste, ein anderes Mal gab es einen Gegenwert dafür. Unterm Strich steht aber trotzdem die Tatsache, dass es ein ungeschriebenes Gesetz geben muss, das Freie im Kunstbereich zur Selbstausbeutung verdammt.

Passend dazu erschien vor ein paar Tagen im Monopol-Magazin ein treffender Artikel der Kulturwissenschaftlerin Anika Meyer. Sie schreibt: „Auf die kurze Frage nach Honorar, etwa für Texte oder die Teilnahme an Podiumsdiskussionen, folgt oft eine sehr lange Antwort, in der ausführlich die Bedeutung der jeweiligen Veranstaltung oder des jeweiligen Events dargelegt wird und wie viel Aufmerksamkeit darüber für die eigene Person und Arbeit generiert werden. Und wenn einen diese schlagkräftigen Argumente nicht überzeugen und man das Angebot nicht als Chance mit Blick auf eine steile Karriere annimmt, darf man sich sicher sein, dass man nicht das letzte Wort hat, denn: Aber es ist doch ein Geben und Nehmen. Oder: Keinen Bock? Oder: Wir dachten, das Thema interessiert Sie. Wer also nicht bereit ist, gratis oder für zu wenig Geld zu arbeiten, hat keinen Bock oder kein Interesse am Thema.“

Und so passiert es Tag für Tag, dass Künstler*innen oder Freie sich ausbeuten, weil sie hoffen. Hoffen auf den großen Wurf, den Gönner, darauf, dass jemand im Publikum sitzt, der das Talent erkennt. Darauf, dass die angehäuften Projekte in der Vita ausreichen, um als „Experte“ durchzugehen. Darauf, dass jemand, der bezahlte Aufträge vergibt, den Text liest und und und. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Und mit ihr der „arme Poet“. Denn nach außen sieht es ja aus, als ob man gut beschäftigt wäre.

Wie oft habe ich nach Erbringung meiner Leistung gehört, wie schön, wie bereichernd, wie berührend, wie „irgendwas“ das war. Ich hätte die Worte einfangen, in meinen Kühlschrank packen können und wäre verhungert. Wann in Gottes Namen ist man übereingekommen, dass für solche Leistungen kein oder nur wenig Geld fließen soll? Ja, die Kunstbranche ist unterfinanziert, wie Meyer schreibt. Aber ist das nicht letztendlich auch eine Frage der Haltung? Auf jeden Fall ist es eine Frage der Transparenz, da stimme ich Anika Meyer zu. Würden wir offener damit umgehen, nicht nur hier und da Empörungstiraden, die als Nebelkerzen enden, loslassen, wäre ein wichtiger Schritt getan.

Der deutsche Unternehmer und Kunstmäzen Peter Ludwig hat einmal gesagt: „Ich finde es schäbig, dass wir in einer Wohlstandsgesellschaft, in der wir heute leben, überhaupt darüber nachdenken, ob wir uns Kunst leisten können.“ Das war irgendwann in der 80-ern. Seither hat sich nichts zum Besseren geändert. Handeln müssen allerdings die, die es betrifft. Wir sind die, die Nein sagen oder klar sein müssen. Es tut dem Selbstwert und obendrein dem Ansehen gut, wenn man weiß, was die eigene Arbeit wert ist. Das kann man ausrechnen und damit die Basis für Verhandlungen schaffen. Und dann immer noch überlegen, ob das Projekt es wert ist, auf ein Honorar zu verzichten.

Hier zum Artikel von Anika Meyer: Artikel

 

 

 

Veröffentlicht am: 12.10.2019 | Kategorie: Ausstellungen, Kolumne Jeannette Hagen,

Eine Idee zu “Künstlerische Arbeit für lau?

  1. Kunstlandschaft Spandau sagt:

    Recherchestand: Politiker schafften mit Hartz4Gesetzen Rechtsanspruch auf Sozialhilfe von Künstlern als Gegenleistung der Gesellschaft ab. Politiker rieten Künstlern, ABMs/ÖBSStellen zur Finanzierung zu nutzen. Politiker schafften ABMs/ÖBSStellen ab. Politiker sprachen sich hoch dotierte Bezüge als bedingungslose Grundsicherung zu, zwangen Künstler ins Hartz4Ghetto, Künstler verloren Recht auf Privatsphäre, Recht auf Freizügigkeit, wurden mit Verweigerung des Existenzminimums und/oder Abschiebung in Behindertenwerkstätten bedroht. Politiker verweigern Künstlern fachkompetente Jobvermittlung in Teilzeit- oder flexible Jobs, z.B. im Bereich Künstlerischer und Kultureller Bildung. Politiker verhindern mit Hinweis auf Missbrauch in der Nazi- und DDR-Diktatur Künstlerkammer, die wie Ärzte-, Rechtsanwalts-, Handwerkskammern Probleme ihres Berufsstandes grundlegend lösen. Aber – eine Künstlerkammer muss politisch nicht missbraucht werden.

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