Louise Bourgeois THE WOVEN CHILD Martin Gropius Bau

Louise Bourgeois, Spider, 1997 © The Easton Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Erika Ede

Der Gropius Bau präsentiert mit The Woven Child die erste große Retrospektive, die sich ausschließlich Louise Bourgeois’ textilen Arbeiten widmet. Diese entstanden im letzten Kapitel ihrer bewegten Karriere und gehören zu ihren eindringlichsten und intimsten Werken. Anhand einer Vielzahl von Skulpturen, Installationen, Zeichnungen, Collagen, Büchern und Drucken zeigt die Ausstellung die lebenslange Verbindung der Künstlerin zu Textilien – und die Erinnerungen, die diese bergen. The Woven Child umfasst eines der umfangreichsten Spätwerke der Kunstgeschichte und ist die größte Ausstellung von Louise Bourgeois, die bisher in Berlin gezeigt wurde. Zahlreiche Werke sind zudem zum ersten Mal in Deutschland zu sehen.

„Ich stamme aus einer Familie von Reparateuren. Spinnen sind Reparateurinnen. Wenn man in ein Spinnennetz schlägt, wird die Spinne nicht wütend. Sie webt es weiter und repariert es.“

— Louise Bourgeois

Louise Bourgeois schuf in ihrer letzten Lebensphase Arbeiten, die sich auf neue und provokante Weise mit zeitlosen Themen wie der Erkundung von Identität, Sexualität, familiären Beziehungen, Reparatur und Erinnerung auseinandersetzen. The Woven Child untersucht das, was die Künstlerin mit ihren eigenen Worten als „die magische Macht der Nadel“ bezeichnet, die dazu dient „Schäden zu reparieren“ und Vergebung einzufordern.

Ab Mitte der 1990er Jahre bis zu ihrem Tod im Jahr 2010 schuf Bourgeois erstaunlich erfinderische und psychologisch aufgeladene Skulpturen aus Haushaltstextilien wie Kleidung, Bettwäsche und Tapisseriefragmenten, die häufig aus ihrem eigenen Haushalt und ihrer persönlichen Vergangenheit stammten. Die Abkehr von traditionellen Materialien der Bildhauerei stellte eine Rückkehr zu den Wurzeln der Künstlerin dar. Bourgeois entwickelte bereits in ihrer Kindheit eine Beziehung zu Textil, als sie in der Tapisserie-Reparaturwerkstatt ihrer Familie in Frankreich aushalf. Ihre Entscheidung, Arbeiten aus Kleidung und Haushaltstextilien zu fertigen, stellte eine Möglichkeit dar, die Vergangenheit sowohl zu bewahren als auch zu transformieren. Die notwendigen Tätigkeiten für die Produktion dieser Kunstwerke betrachtete sie dabei aus psychologischer und metaphorischer Perspektive: das Schneiden, Reißen, Nähen und Zusammenfügen verband sie mit einem Verständnis von Reparatur sowie mit den durch Trennungen oder Verlassenwerden hervorgerufenen Traumata.

„Für Louise Bourgeois boten Textilien eine Möglichkeit, psychologische, soziale und materielle Ausbesserungs- und Reparaturprozesse vorzunehmen. Das Thema der Reparatur ist zentral für die Geschichte, Architektur und die Ausstellungen des Gropius Bau und wesentlich für das Programm des Hauses. Der Gropius Bau freut sich sehr, mit The Woven Child Wege aufzuzeigen, wie Fragen der Reparatur auf kreative Art wirksam sein können.“

— Stephanie Rosenthal, Direktorin des Gropius Bau

Mit 89 Werken bietet The Woven Child einen Überblick über die gesamte Spanne textiler Arbeiten, die Bourgeois in den letzten zwei Jahrzehnten ihres Lebens schuf. Die Ausstellung umfasst zentrale Installationen, wie Bourgeois’ „Poles“ und monumentale „Cells“, in denen hängende Kompositionen aus alten Kleidern, Unterwäsche und anderen Kleidungsstücken direkte Bezüge zu ihrer persönlichen Geschichte herstellen. Die Installation Spider (1997) und die damit verbundene Cell Lady in Waiting (2003) beinhalten antike Tapisseriefragmente. Bourgeois verstand die Spinne als Beschützerin und als Raubtier zugleich und verband sie mit ihrer Mutter, der Weberin und Tapisserie-Restauratorin. Die Fähigkeit der Spinne, ein Netz aus ihrem eigenen Körper heraus zu weben, war für Bourgeois eine Metapher, um ihren eigenen künstlerischen Schaffensprozess zu beschreiben – eine Metapher, die auch die Retrospektive ihrer textilen Arbeiten in besonderer Weise prägt.

Die Ausstellung umfasst ein breites Spektrum figurativer Skulpturen, denen häufig der Kopf oder die Gliedmaßen fehlen – oder die Fantasiekörper zeigen, die an Gestalten aus verstörenden Märchen erinnern. Bourgeois’ Textilfiguren, die größtenteils weibliche Körper darstellen, werden in Vitrinen, von der Decke hängend oder auf Sockeln gezeigt und rufen Zustände der Erniedrigung, Verlassenheit oder des Gefangenseins wach. Zudem werden zahlreiche Textilköpfe zu sehen sein, welche die gesamte Bandbreite an Ausdrucksformen offenbaren, die Bourgeois in diesen unheimlichen und eindrucksvollen Porträts entwickelt hat. Darüber hinaus wird eine Auswahl von Bourgeois’ „Progressions“ ausgestellt: schmale Türme aufeinandergestapelter Textilziegel oder -rauten, die in auf- oder absteigenden Sequenzen angeordnet sind. Mit diesen Werken wandte sie sich erneut den vertikalen skulpturalen Formen zu, die ihre frühen Arbeiten in den 1940er und 1950er Jahren bestimmten und die hier in weichen Materialien wiederkehren.

Im Verlauf ihres Schaffens griff Bourgeois immer wieder auf Motive früherer Arbeiten zurück und formulierte sie auf neue Art aus. Wie die Ausstellung zeigt, erreichte diese Praxis ihren Höhepunkt in ihren letzten fünf Lebensjahren.

„Im Verlauf ihres sieben Jahrzehnte umfassenden künstlerischen Schaffens hat Bourgeois immer wieder Elemente ihrer eigenen Biografie – und ihrer körperlichen und psychologischen Erfahrungen – in ihre Kunstwerke eingewoben. Diese biografischen Fäden sind vielleicht nirgends so offensichtlich wie in ihren späten textilen Arbeiten, die sich mit der Beziehung zu ihrer Mutter, ihrer Erfahrung mit Verletzlichkeit, dem Altern und ihrer Haltung zu und der Vertrautheit mit verschiedenen Materialien, Prozessen, Instrumenten und Techniken auseinandersetzen. Daraus ist ein feines und komplexes Netz entstanden, das uns noch heute überrascht.“

— Julienne Lorz, Co-Kuratorin von The Woven Child

Neben Skulpturen beleuchtet die Ausstellung auch eine große Auswahl von Bourgeois’ lebhaften textilen Zeichnungen, Büchern, Drucken und Collagen. Die Retrospektive erweitert den Blick auf das Werk der Künstlerin, indem Bourgeois’ textile Arbeiten mit den Prozessen der Materialauswahl, ihrer Biografie und den Themen Körper, Erinnerung, Weiblichkeit, Trauma und Reparatur in Verbindung gebracht werden. The Woven Child passt in das Programm des Gropius Bau, das sich gezielt mit Fragen von Reparatur beschäftigt. Die vielschichtigen Funktionen des Hauses, unter anderem als frühere Kunstgewerbeschule, sowie die schweren Beschädigungen nach dem Zweiten Weltkrieg prägen die Geschichte des Hauses. Unter der Direktion von Stephanie Rosenthal wurden die Reparaturen und Narben des Hauses sichtbar gemacht und der Lichthof für die Öffentlichkeit geöffnet, um die Geschichte greifbar zu machen.

Die Ausstellung wurde von Ralph Rugoff, dem Direktor der Hayward Gallery, und Julienne Lorz, der ehemaligen Hauptkuratorin des Gropius Bau kuratiert und gemeinsam von der Hayward Gallery, London, und dem Gropius Bau, Berlin, organisiert.

Beitragsbild: Louise Bourgeois, Spider, 1997 © The Easton Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Erika Ede

Louise Bourgeois: The Woven Child

22. Juli 2022 – 23. Oktober 2022

Gropius Bau

Veröffentlicht am: 24.06.2022 | Kategorie: Ausstellungen, Kultur, Kunst,

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