(Zieh mir den) Zahn der Zeit

Elias Binder, Eine Verwandlung, 2025, Oil on canvas, 160 × 200 cm, 63 × 78 3/4 in

Ein greller Tooth Gem blitzt im Halbdunkel auf, während daneben der rohe Stahl einer defensiven Architektur den Raum schneidet. In der BODE Galerie Gruppenausstellung (Zieh mir den) Zahn der Zeit wird das Gebiss zur Metapher für eine Gesellschaft, die Realität nicht nur wahrnimmt, sondern unaufhörlich zerkaut und verdaut. Acht künstlerische Positionen – von Elias Binder bis Tim Vormbäumen – führen dich durch ein Dickicht aus 50 Arbeiten, in dem VHS-Tapes auf barocke Körperstudien treffen. Hier wird die Gegenwart nicht einfach nur ausgestellt, sie wird seziert, bis die Wackelzähne unserer Gewissheiten endlich fallen.

Acht Positionen zur Gegenwart: Das Gebiss der BODE Galerie Gruppenausstellung

Mit der Ausstellung (Zieh mir den) Zahn der Zeit versammelt BODE Arbeiten von Elias Binder, Isabelle Heske, Karim Hussein, Simay Keles, Kay Lotte Pommer, Anja Rausch, Pepi Schikowski und Tim Vormbäumen.

Die Gegenwart im Kauvorgang

Was macht den Zahn zum Maßstab der Zeit? Der Zahn schneidet, beißt und kaut. Er zerkleinert, malmt und mischt. Geradkantig, spitz oder breit und flächig vereinen die Zähne sich zum Gebiss, das im Resonanzraum des Mundes zum Sprachwerkzeug wird und mit Wirkung nach außen die Erscheinungsform unserer Gesichtszüge definiert. Der Zahn der Zeit hingegen ist Messwerkzeug. Er vermisst die Gegenwart, ihren Fortschritt und Zerfall Stück für Stück und verdaut den gegessenen Realitätszustand. Die acht Künstler:innen der Ausstellung (Zieh mir den) Zahn der Zeit bilden das Gebiss dieser Gegenwartsbefragung. Sie untersuchen in ihren Praxen die Wackelzähne, die, die gezogen werden müssten und die im listig leisen Lächeln aufblitzenden Tooth Gems.

50 Arbeiten als Spiegel der Reizüberflutung

Ohne einem einenden kuratorischen Überbau, einer festgelegten thematischen oder medialen Ausrichtung zu folgen, eröffnet die Ausstellung den Raum für eine solche Gegenwartsbefragung. Die versammelten Positionen begegnen sich dabei unvoreingenommen und auf offenem Feld. Was dabei entsteht ist kein geschlossenes Narrativ, sondern ein Geflecht individueller Perspektiven, das Fragen nach Transformation, Verortung in Zeit und Raum und nach wechselseitig wirkenden Einflüssen des Inneren und Äußeren aufwirft. Der Galerieraum wird zum Spiegel der täglichen Verdichtung aus Bildern, Informationen, Reizen und Spuren, die uns als rasant wachsender Wald zu umhüllen scheint. Ähnlich dicht umgeben die 50 gezeigten Arbeiten Besucher:innen in der Ausstellung und lassen diese durch ihr Dickicht aus Leinwänden, Metallarbeiten, Stoffbezügen und VHS-Tape Blicke auf den Zahn der Zeit werfen.

Scheinbar von innerer Dynamik getrieben winden sich die Körper in Elias Binders Arbeiten um sich selbst, um andere Körper herum und über die Bildfläche hinweg. Ganz im Sinne der Alten Meister macht sich Binder den menschlichen Körper zum Werkzeug kompositorischer Forschung und lenkt den Blick dabei ebenso auf Erscheinung und malerische Physikalität von Mensch, Tier und stofflichem Beiwerk wie auch auf seine präzise Auseinandersetzung mit Farbe, Raum und Licht. Ein vom Architekturstudium beeinflusster Referenzrahmen ist im räumlichen Ausdruck seiner konzeptuell strukturierten Arbeiten nicht zu übersehen und trotzdem klingt seine organische Formsprache rund und sanft. Elias Binder absolvierte seinen Bachelor- und Masterabschluss in Architektur und Urban Design und lebt und arbeitet in Stuttgart. Seine Arbeiten wurden bei Pleks Fellbach in Stuttgart im Rahmen einer Einzelausstellung und als Teil verschiedener Gruppenausstellungen, unter anderem bei Kunstbezirk (Stuttgart) und Hugo Boss (Metzingen) gezeigt.

Isabelle Heskes Formsprache ist reduziert und lebhaft zugleich. Geometrische Körper und in Fäden oder Stoff gezogene Linien finden in ihren Arbeiten auf gleichberechtigte Weise Platz wie ornamentale Musterungen und organische Rundungen. Mit feinem Gespür für malerische Techniken und einer ausgeprägten Materialsensibilität für textile Oberflächen verleiht sie Themen des Verlangens, der Identität und der Selbstdarstellung Ausdruck. Nach malerischer Dauerhaftigkeit strebend, stellen Heskes Arbeiten trendgetriebene Kurzlebigkeit und Konsumwahnsinn der Gesellschaft und des Kulturbetrieb in Frage. Die Wandarbeiten mit mal mehr und mal weniger stark skulpturalen Tendenzen wie auch die überdimensioniert in die Höhe ragenden ‚Stäbe‘ referieren dabei Erinnerung, Emotion, Mode, Musik und popkulturelle Phänomene. Isabelle Heske studierte Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf und an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris und ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, unter anderem in der Weserhalle (Berlin), im Kunstpalast und NRW Forum Düsseldorf, in der DOD Galerie (Köln), im MMIII Kunstverein Mönchengladbach, im Krefelder Kunstverein, in der Mixer Arts Gallery (Istanbul) und in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

Karim Hussein taucht in seinen Arbeiten immer wieder selbst auf. Mal als eindeutig autobiographische Referenz seiner selbst, wie in der Arbeit ‘mommy and me’, in der eine Szene am blumengedeckten Kuchentisch zu sehen ist, hinter dem seine Mutter und er als kräftig massive, monolithische Figuren aufstreben. Mal weniger offensichtlich vor Reiselandschaften mit geschultertem Stock mit Beutel oder friedlich ruhend vor sonnigem, mit Kleeblättern gesäumtem Horizont. Nicht selten werden diese Alter Egos auf Husseins Leinwänden und Papierarbeiten von tierähnlichen Wesen begleitet. In ‘seeking my very own sun’ etwa, wo ein fuchs- oder katzenhafter Vierbeiner auf vorderster Bildebene von rechts nach links spaziert. Dahinter eine Menschenfigur und dahinter eine Landschaftsszene, alle Ebenen dicht aufeinander und räumlich so gut wie untrennbar, wie typisch für Husseins Praxis. Geboren in Linz, Österreich beschäftigt er sich außerdem immer wieder mit dem eigenen bikulturellen Hintergrund einer österreichischen Mutter und eines ägyptischen Vaters. Karim Hussein studierte Bildende Kunst an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz und an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin. Seine Arbeiten wurden unter anderem im Schlossmuseum Linz, im Stadtmuseum Linz, in der Kunsthalle am Hamburger Platz (Berlin), in der Galerie Anton Janizewksi (Berlin), und in der Weserhalle (Berlin) gezeigt.

Simay Keles lebt und arbeitet als Künstlerin in Berlin. Geboren in Izmir, in der Türkei, zog sie mit 18 Jahren nach Deutschland um dort ein Malereistudium zu absolvieren. Regelmäßige Ortswechsel und Reisen durch Kulturen waren schon immer Teil ihres Lebens und ebenso bewegt sich ihre Praxis zwischen den zwei Welten der Abstraktion und Figuration, von Serie zu Serie wechselnd. In ihrer aktuelle Werkserie ‘Sunset Express Tours & Travels’ richtet sie sich mit zweilagigen mixed media Malereien an all diejenigen, die ihren Geburtsort verlassen mussten und an all diejenigen, die es aus verschiedensten Gründen in die Ferne zieht. Mit der Verlagerung der bemalten Leinwand, die sie auf die Hinterseite der Keilrahmen spannt, um an vorderster Kante transparente Stoffe, ebenfalls von ihr bemalt, aufzuspannen, erzeugt sie eine skulpturale Räumlichkeit innerhalb der Arbeiten. Was auf den ersten Moment zunächst visuell verwirrend wirken mag, ist ein Ausloten der Grenzen des malerischen Raums und des Verhältnisses zwischen Bild, Bildoberfläche und Bildträger, das nicht nur beim zweiten, sondern auch beim dritten und vierten Hinschauen immer wieder neue Dimensionen entstehen zu lassen scheint.

Kay Lotte Pommer malt in, auf und mit Metall und Glas. Zarte Figuren durchschneiden die Wandarbeiten aus Stahl, Metall und Glas und flüchtig gesetzte Spuren kontrastieren in ihrer fragilen Bewegung die Stabilität ihrer Trägersubstanz. Solche Spuren liest Pommer im Alltag auf. Sie macht sich die Stadt zum lesbaren Gefüge aus Oberflächen, Materialien und Objekten, in die sich Handlung und Zeit einschreiben. Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten untersuchen aus diesem Stadtarchiv heraus die Produktion von Zeichen im urbanen Raum. Zeichen im Sinne von Hinweisen, Hinterlassenschaften und visuellen Spuren aber auch im metaphysischen, imperativen Sinne, der Handlungen anweist, vorgibt oder verbietet. So findet ein fotografisches Detail eines Zauns der defensiven Architektur Eingang in ihre Werke. Dieser wird durch grafische Reduktion aus seinem funktionalen Zusammenhang gelöst und in abstrakte, seriell angeordnete Formfragmente überführt, die sich als Auslassungen in den Metalloberflächen wie Schriftzeichen lesen lassen. Kay Lotte Pommer studierte an der Burg Giebichtenstein Kunsthochschule in Halle und an der Hochschule für Buchdruck und Graphik in Leipzig, an der sie aktuell Meisterschülerin bei Prof. Joachim Blank ist. Sie arbeitet sowohl künstlerisch als auch kuratorisch und ihre Arbeiten wurden in Einzelausstellungen im Kunstverein Leipzig und bei Super Bien! Berlin und als Teil verschiedener Gruppenausstellungen im Museum der Bildenden Künste Leipzig, in der Bsmnt Galerie, bei Culterim (Berlin), bei Phoenix (Athen), im Department of Art (Chicago) und in der Galerija Reflektor (Serbien) gezeigt.

Die Motive in den Malereien von Anja Rausch entziehen sich jeglicher förmlicher Definition. Ob hier Nahaufnahmen technischer Instrumente, organischer Stoffe oder reflektierende Laufbahnen des Lichts zu sehen sind, ist unklar. Eine solche Definition ist aber auch gar nicht das Ziel der Werke, die vielmehr den malerischen Prozess selbst verkörpern als das bloße Abbilden eines Gegen- oder Zustands. Die fließend strömenden Bewegungen, die vielleicht sogar passender als Kräfte der Dynamik von Farbe und Licht beschrieben werden könnten, strahlen gleichermaßen Ruhe und Rhythmus aus. Zwischen Figuration und Abstraktion, Realität und Imagination, eröffnen Rauschs Gemälde einen schwellenhaften Raum, in dem perzeptive Präzision und konzeptuelle Offenheit koexistieren. Anja Rausch absolvierte ihren Bachelor der Kommunikationswissenschaft an der Designfakultät der Universität Darmstadt und ist seit 2024 Meisterschülerin an der HFBK Hamburg bei Prof. Jorinde Voigt. Ihre Arbeiten wurden im Rahmen verschiedener Gruppenausstellungen international präsentiert und im März 2023 erstmalig als Einzelausstellung in Berlin. Im Frühjahr 2025 fand ihre erste institutionelle Einzelausstellung im CICA Museum in Südkorea statt.

Pepi Schikowskis Arbeiten beweisen: Auch schwierigen, ungemütlichen Themen lässt es sich spielerisch und mit kindlicher Neugier nähern. So werden Löwen, wie könnte es auch anders sein, zur Verkörperung der Erforschung toxischer Männlichkeit und vorurteilbehafteter Bilder des heteronormativ Männlichen. Der Tod reitet vor farbenfrohen Landschaftsszenen mit einem Exkalibur-Schwert ein und trifft in der Austtellung auf eine ‘nur so herumfliegende’ Schmetterlingsgestalt. Die beiden stehen einander gegenüber und auch wenn sie im ersten Moment dichotomisch wirken mögen, der Schmetterling als Symbol der lebendigen Transformation und der Tod als das Ende allen Lebens, liegt diesem skurrilen Paar doch ein tiefer reichender Interpretationsrahmen zugrunde. So könnte der Schmetterling auch als vom Körper befreite Seele der Opfer seines Gegenübers gelesen werden, wie es damals schon im Antiken Griechenland und heute noch in Ländern wie Mexiko oder Japan Glaubenstradition ist. Die symbolträchtigen Malereien Schikowskis erzählen in sanftem Farbauftrag und mit verwischten Konturen von Mythologie, vom Leben und der Liebe. Sie werfen Fragen nach Macht und Hierarchien auf und verlieren selbst in der Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit und Tod nicht an humorvoller Poesie. Pepi Schikowski studierte Bildende Kunst an der Homeschool door de Kunsten Utrecht und an der Hochschule für Buchdruck und Graphik in Leipzig. Er gewann im Jahr 2022 den Buning Brongers Preis, woraufhin seine Arbeiten in verschiedenen Gruppenausstellungen in den Niederlanden, USA, Schweiz, Bulgarien und Deutschland gezeigt wurden.

Tim Vormbäumens Praxis umfasst Malerei, Sound, Video und gelegentlich Skulptur. Seine Arbeiten entstehen in hybriden Formaten, in denen sich bildende Kunst, Film und Installation überlagern. Bild, Figur, Klang und Zeit fungieren als gleichwertige Schichten, die sich ineinander falten. Musik bildet dabei eine durchgehende Struktur. Als Taktung, als Gedächtnis, als Bindung zwischen den Medien. Zentral ist dabei die Singularität als Kippmoment: nicht als Zukunftsszenario, sondern als gegenwärtiger Zustand, ein Augenblick, in dem Ordnungen instabil werden und Identität, Körper und Technologie ineinander übergehen. Tim Vormbäumen studierte an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin und an der Kungliga Konstgögskolan am Royal Institute of Art in Stockholm. Seine Arbeiten wurden unter anderem 2322 (Berlin), im Rahmen der Kunstnacht Demmin (Demmin), für den Eb-Dietzsch Kunstpreis (Gera), bei Galerie erster erster (Berlin), Spoiler (Berlin) und im Teatro Avenida (Maputo, Mosambik) gezeigt.

Beitragsbild: Elias Binder, Eine Verwandlung, 2025, Oil on canvas, 160 × 200 cm, 63 × 78 3/4 in

(Zieh mir den) Zahn der Zeit

12.03.2026 – 25.04.2026

Bode Galerie

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