Die große Stille

Kunst Lockdown - Jeannette Hagen für Kunstleben Berlin

„Ohne Kunst und Kultur wird es still“ – wer sich auf Facebook bewegt, kennt diesen Satz, ziert er doch derzeit viele Profilbilder. Dass das auch noch eine Weile so bleiben wird, ist abzusehen. Der weiche Lockdown wird von einem echten abgelöst werden, laut genug haben Wissenschaftler*innen und die Kanzlerin dafür plädiert. Auch Olaf Scholz hat reagiert, ein Entschädigungspaket geschnürt, keine Bazooka, aber zumindest etwas.

Was für viele Menschen nach wie vor nicht verständlich bleibt, ist, warum Kulturstätten trotz richtig guter Hygiene-Konzepte geschlossen sind, während in anderen Wirtschaftszweigen trotz hoher Ansteckungsgefahr keinerlei Einschränkungen gelten. Nun kann man argumentieren, dass die Menschen sich eben in ihrer Freizeit nirgendwohin mehr bewegen sollen – ein durchaus akzeptables Argument, aber eben nicht die ganze Wahrheit.

Kultur und Kunst den Hahn abzudrehen, scheint vertretbarer, als einem Konzern monatelang das Licht zu löschen. Wo an einer Ecke das „Weiter so“ mit dem Totschlagsargument Arbeitsplatzverlust begründet wird, zuckt man an anderer Stelle angesichts der wegbrechenden Arbeitsplätze mit den Schultern und schwingt die Moralkeule. Bitte nicht falsch verstehen – ein harter Lockdown jetzt ist Angesichts der Zahlen unumgänglich. Aber dass die Zahlen sich so entwickeln, hätte man vorher wissen können. Wir haben Zeit verschenkt und den Verlust von Menschenleben damit aufs Spiel gesetzt. Damit ist nicht die Tatsache, dass Künstler*innen und Vertreter*innen angelehnter Berufe den Verlust ihrer Handlungsräume beklagen, unmoralisch, sondern wie insgesamt mit ihnen umgegangen wird.

Ich habe es hier schon öfter geschrieben und will auch nicht müde werden, es zu schreiben: Es steht viel auf dem Spiel. Dieses monatelange Laborieren schädigt nicht nur die Oberfläche. Die Kratzer werden deutlich tiefer sein, in vielen kleinen Kultureinrichtungen wird man sich die Frage stellen müssen, ob es sich noch lohnt, neu zu beginnen. An anderen Stellen wird wahrscheinlich nicht einmal mehr die Frage gestellt. Manch ein Künstler oder Veranstalter hat wahrscheinlich hingeschmissen, sich einen neuen Job gesucht. Und darin sehe ich die eigentliche Gefahr: Wir werden einen großen Teil unserer kulturellen Vielfalt einbüßen. All jene verlieren, die es nicht schaffen, sich über Wasser zu halten. Was das für unsere Kunst- und Kulturlandschaft bedeutet, kann sich wohl momentan keiner vorstellen. Jedenfalls offensichtlich keiner von denen, die Entscheidungen fällen.

Es ist nicht im Sinne der Kunst, den Teufel an die Wand zu malen. In der Kunst steckt die Transformation und sicher wachsen aus dieser Krise Blätter, die bunter sind, als die vor Corona. Aber an einigen Stellen wird eben nichts mehr wachsen, denn die Schulden, die jetzt gemacht werden, holt der Rotstift in späteren Jahren wieder rein.

Wir dürfen ahnen, an welcher Stelle der angesetzt wird.

Veröffentlicht am: 11.12.2020 | Kategorie: Kolumne Jeannette Hagen, Kultur - was sonst noch passiert, Kunst, Kunst - was sonst noch passiert, Redaktion-Tipp,

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