EPILOG bei Frontviews zu künstlerischer Fotografie

EPILOG Carsten Becker

EPILOG ist eine Ausstellung zusätzlich zu EDITION # 5, organisiert von Kurator Harald F. Theiss, bei HAUNT Berlin, online und nach Vereinbarung, bis 23.1.2021. Gezeigt werden Arbeiten von Nadja Bournonville, Stefanie Seufert, Carsten Becker und Tobias Kappel.

EPILOG beleuchtet folgende Fragen: Welche Bedeutung hat heute die künstlerische Fotografie? Hinterfragt sie – genügt sie sich selbst? Oder beeinflusst sie uns sogar in der Betrachtung nund Wahrnehmung der Welt? (Konzept Harald F. Theiss, alle Texte ebenso)

Künstlerinnen und Künstler in EPILOG

Nadja Bournonville:
Nadja Bournonville ist Autorin von biografischen Erzählungen mit Bildern aus ihrem zumeist familiären Umfeld. über die Reinszenierung von Ereignissen mit fotokünstlerischen Mitteln verbindet sie Zeitgeschichte mit der Gegenwart. Die wahre Geschichte bleibt unsichtbar und wird als Teil einer Konstruktion neu und rätselhaft erzählt. Es geht nicht darum, wie etwas gewesen ist, sondern vielmehr um die Vorstellung, mit der ein Narrativ in Gang gesetzt wird. Auf diese Weise entstehen andere
Zusammenhänge und Erklärungen, über die das Verhältnis zur Wirklichkeit hinterfragt wird. Aus einer Erinnerungsperspektive mit surrealistischen Elementen versucht Bournonville für Zeit und Geschehen eine bildliche Form zu finden, bei der die Distanz dazu aufgehoben zu sein scheint und die Betrachter gleichzeitig zu Zeugen werden lässt.
„Ein Fotograf ist immer auch Zeuge, Spion und Schöpfer alternativer Realitäten. Die Kamera, ob analog oder digital, hat nur begrenzte Möglichkeiten, eine “echte” Geschichte zu erzählen, aber sie kann einspringen und den Platz des Gedächtnisses einnehmen.“ (Nadja Bournonville)
it becomes small and insignificant ist Teil ihrer Serie intercepted von 2018, welche auf der Triennale in Hamburg 2018 als Ergebnis ihres recommended fellowship in Kooperation mit dem Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg, dem Fotografie Forum Frankfurt und dem Foam Fotografiemuseum Amsterdam ausgestellt wurde. Dazu ist in der fotohof edition Salzburg eine Publikation erschienen. Kunstbücher bilden innerhalb ihrer künstlerischen Praxis ein eigenständiges Werk. Mit dem Motiv der Hand konstruiert die Künstlerin eine geheimnisvolle Geste. Sie verweist auf eine vorerst imaginäre Schreibtätigkeit
auf noch ungeschriebene Information. Es sind die unauslöschbaren Spuren im Leben, an die Nadja Bournonville mit der Kamera erinnert. über das Motiv erzählt sie die unglaubliche Geschichte ihrer Verwandten Eva de Bournonville nach, die im Ersten Weltkrieg aus Abenteuerlust eine kurze Zeit in London zur Spionin wird und nach nur zwölf mit Geheimtinte geschriebenen Postkarten verhaftet wurde…  Als Sonderedition und in limitierter Auflage hat sie die Arbeit für die Jahresgabe Edition #5 für Frontviews zur Verfügung gestellt.
Nadja Bournonville ist eine schwedische Fotokünstlerin und 1983 in Vimmbery geboren. Sie studierte fine art photogrpahy an der Glasgow School of Art und Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sie war zweifach Stipendiatin der Stiftung Kunstfonds und hat am Projekt gute aussichten – junge deutsche fotografie teilgenommen. Ihre Arbeit ist in unzähligen internationalen Ausstellungen u.a Akademie der Künste and in Fotografie Forum Frankfurt, Deichtorhallen Haus der Fotografie Hamburg, Fotohof Salzburg, Bonniers Konsthall Stockholm gezeigt worden. Seit 2008 wird die Künstlerin von Pierogi New York vertreten.

Stefanie Seufert:
In Stefanie Seuferts zumeist abstrakten fotografischen Bildersprache geht es oft um ästhetische Zeichen und um alternative Deutungsmöglichkeiten von künstlerisch konzeptionellen Handlungsabläufen, bei denen die Verbindung und das Verhältnis von Sichtbarkeit und Wirklichkeit erforscht wird. Das passiert nicht unbedingt zum Vorteil einer narrativen Formensprache, vielmehr erscheinen die zum Teil ephemer wirkenden fotografischen Abstraktionen als ein Versuch, Empfindsamkeit und fluide Zustände festzuhalten.
In objekthaften Bildern hinterfragt die Künstlerin die Darstellbarkeit von Realität und findet darin gleichzeitig Momente von zufälligem Geschehen oder auch das Unvorhersehbare. Mit bildhaften Erscheinungen verweist sie auf Verschiebungen innerhalb des fotografischen Mediums. Ihre Fotogramme sind ästhetische Anspielungen auf die Vorstellbarkeit von den Dingen um uns herum. Oft ist eine klare gegenständliche Zuordnung nicht mehr erkennbar. Vielmehr scheinen sich die Formen in der Überlagerung von farbig anmutenden Schatten im Licht zu verändern oder zugunsten eines unkontrollierten (fotografischen)
Entstehungsprozesses aufzulösen. Die Grenzen des Fotografischen werden aufgehoben und erlauben gleichzeitig, das Medium zu erweitern und neu zu betrachten.
blind (magenta – green #1), 2011, ist ein Experiment mit Licht, bei dem Spuren Zeitabläufe reflektieren und als skulptural wirkende Abstraktionen auf dem Fotopapier sichtbar machen. Das Ergebnis sind eher Bildräume und keine Abbildungen von klar identifizierbaren Objekten. Die Arbeit ist in der bereits zweiten Zusammenarbeit mit Edition Camera Austria unter dem Titel Woods Survives in the Form of Postholes publiziert.
Stefanie Seufert ist 1969 in Göttingen geboren. Sie hat am Lette Verein und an der Universität der Künste Berlin studiert. Ihre Arbeiten wurden bisher u.a. in folgenden Institutionen gezeigt: Berlinische Galerie, DZ Bank Kunstsammlung Frankfurt, Kunstbibliothek im Museum für Fotografie Berlin, Künstlerhaus Bethanien, Berlin, NRW-Forum Düsseldorf, Kunsthalle Darmstadt, CPAP Havanna, Kuba, Camera Austria, Graz, Fotogalerie Wien.

Carsten Becker:
Wie wirkt sich die Geschichte auf die Gegenwart aus? Carsten Becker verweist in seinen zumeist seriellen Arbeiten mit und aus (foto-)historischem Bildmaterial auf die Bedeutung von Information und ihre politisch meinungsbildende Funktion, die öffentliche Wahrnehmung von Ereignissen zu formen. Er thematisiert damit den Einfluss und die Manipulation von Bildern, die jüngst wieder verstärkt im Hinblick auf die Verzerrung und Verschiebung von vermeintlich massenmedialem Ausdruck über die Wirklichkeit und die Vorstellung davon diskutiert werden. Mit fotokünstlerischen Mitteln öffnet Becker nicht nur einen Raum von Interpretationsvarianten, sondern hinterfragt gleichzeitig den Anspruch und die Erwartungen an das abbildende Medium, so auch in seiner neuen Serie mit ikonographisch aufgeladenen Kompositionen von scheinbar vertrauten Objekten. Nach einer ersten Betrachtung der ungewöhnlichen und geheimnisvoll wirkenden Zusammenstellung von funktionalen Alltagsgegenständen folgt die Befragung nach der Deutung und Bedeutung der skulptural inszenierten Objekte, mit den ungewöhnlich und auffällig blassen Farben. Carsten Beckers nüchterne Varianten von Stillleben sind reduziert und entwickeln über die glanzlose Oberfläche der vertrauten Gegenstände ein spekulatives Narrativ, auch über Materialität, Zugehörigkeiten und das künstlerische Medium selbst. Seine Kombinationen von DIN-Normen mit RAL-Farben werden zu Denkaufgaben. Sie erinnern nicht an die Geschichte von Standardisierung, Industrie- und Produktdesign, sondern verweisen in der Gegenwart vielmehr auf zeithistorische und gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Als limitierte Auflage hat Carsten Becker Vichyform mit Kugelknopf, 2020, für die aktuelle Editionsausstellung #5 bei Frontviews at HAUNT realisiert.
Carsten Becker hat an der Kunsthochschule für Medien Köln (1994-99) studiert. Der Konzeptkünstler ist zweifacher Preisträger des Deutschen Studienpreises (Körber-Stiftung). Seine Werke wurden international im Architekturzentrum Wien, im Kunstquartier Bethanien Berlin, im Palazzo delle Stelline Milano, Athen und im Paradiso Amsterdam gezeigt.

Tobias Kappel:
Jenseits des Abbildes. Tobias Kappel erprobt in seinen künstlerischen Arbeiten immer wieder die Übersetzungsprozesse von fotografischem Material und seinem assoziativen Potenzial bzw. dem seiner Betrachtung und Rezeption. Indem er das vorhandene Motiv über ein Reproduktionsverfahren verändert, schafft er daraus auf diese Weise ein eigenes, neues Werk und fügt gleichzeitig eine andere Vorstellung von Information hinzu. In seiner Motivwahl interessiert ihn die Diskussion über die unterschiedliche Wahrnehmung von kollektiv geprägten Betrachtungsmustern. I see love, 2017/2020 ist ein in Photoshop überarbeitetes digitales Bild. Über eine bewusst geringe Auflösung findet bereits während der Aufnahme mit einer frühen Digitalkamera eine erste Abstraktion des Motivs statt. Dies bedeutet gleichzeitig auch eine sehr geringe Größe der Bilddatei, die als Bildgrund zu einer digitalen Leinwand wird. Vergleichbar mit malerischen Prozessen entwickelt Kappel das Bild mit Pixeln als digitale Werkzeuge. Es verschiebt sich die Wahrnehmung der Bildbetrachtung – die Kategorisierung des künstlerischen Mediums wird aufgehoben und ist nicht mehr eindeutig zuzuordnen. I see love ist Teil der Serie in-between (2013 ongoing), in der Kappel dem zeitgenössischen Gefühl des ‚Dazwischen-Seins’ nachgeht und an einem Diskurs über Bilder, die ihre Eindeutigkeit
verlieren, interessiert ist.
Tobias Kappel ist 1987 in Potsdam geboren und hat visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Multimediale Fotografie und technisches Bild an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel studiert. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. von der Deutschen Gesellschaft für Fotografie, und bei C/O Berlin gezeigt.

EPILOG: Bis 23. Januar 2021 online auf http://frontviews.de und nach Vereinbarung via office@frontviews.de

Texte EPILOG Harald Theiss Bild © Carsten Becker für EPILOG © Frontviews bei HAUNT, Kluckstraße 23, 10785 Berlin

Datum: EPILOG 23.11.2020 – 23.01.2021

HAUNT

Veröffentlicht am: 14.12.2020 | Kategorie: Ausstellungen,

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