Renata Kudlacek QUEST TO BLOOM bei BBA

Renata Kudlacek. Anne Zdunek für Kunstleben Berlin.

Ein Interview mit der Künstlerin Renata Kudlacek, geführt von Anne Zdunek. Blumen, Schmetterlinge, Schlangen und mehrdeutige Naturformen bevölkern die Siebdrucke und Fine Art Prints von Renata Kudlacek. Die Formen sind extravagant und exzessiv, doch die Blütenblätter sind gealtert und gewellt und die Farben herbstlich. Was im Überfluss vorhanden und lebendig ist, steht kurz vor dem Verfall. Mit ihrer Solo Show „Quest to Bloom“ bei BBA (nur noch bis zum 30.10.2021!) widmet sich die Künstlerin und Galeristin Renata Kudlacek der menschlichen Sehnsucht nach Unsterblichkeit in Religion und moderner Medizin. Sie erforscht die uralte Geschichte der Vertreibung aus dem Garten Eden und stellt ihr wissenschaftliche Erkenntnisse gegenüber, die unsere heutige Sicht auf Leben, Tod und Unsterblichkeitsphantasien prägen.

Liebe Renata, in Deiner Solo Show „Quest to Bloom“ bei BBA zeigst Du Siebdrucke und Fine-Art-Prints, die seit 2017 entstanden sind und die sich deutlich von Deinen früheren Werken unterscheiden. Wie ist diese neue Werkserie entstanden?

Renata Kudlacek: 2016 nahm ich am Forschungsprojekt „Art & Ethics“ der University of Edinburgh teil, in dem WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen zusammen arbeiten und sich austauschen. Dabei ging es um aktuelle Themen aus Bereichen der Medizin, Soziologie, Psychologie, Gesellschaft etc.. Ich habe mich unter anderem mit dem Thema Altern/Überleben und dem Drang nach Unsterblichkeit in unserer Gesellschaft beschäftigt und dabei unterschiedliche Aspekte betrachtet.

Diese Research Gruppe hat einen großen Wendepunkt für mich als Künstlerin dargestellt, was sich inhaltlich und visuell in der aktuellen Ausstellung „Quest to Bloom“ bei BBA widerspiegelt.

Welche Themen verhandelst Du in „Quest to Bloom“?

Renata Kudlacek: Ich bin im Osten Europas in einer katholischen Familie aufgewachsen und die Konfrontation von Glaube und Wissenschaft hat mich ohnehin schon früh geprägt. Vor diesem Hintergrund war es für mich besonders eindrucksvoll im Rahmen des Forschungsprojektes in Edinburgh den Kampf zwischen Ethik und Wissenschaft, Glauben und Fakten, alten Standards und dem neuen Unbekannten in Bezug auf das Thema Altern und die Sehnsucht nach Unsterblichkeit aus den verschiedenen Perspektiven der Forschungsgruppe zu beleuchten.

Der Titel meiner Serie „Tales of Telomeres“ (Geschichten über Telomere) bezieht sich beispielsweise auf die zelluläre Degeneration im menschlichen Körper und die Wissenschaft des Alterns. Vor ein paar Jahren haben Wissenschaftler herausgefunden, dass sich die menschlichen Telomere (die Enden der Chromosomen), die sich im Zuge von Alterungsprozessen aber auch chronischem Stress verkürzen, auch wieder verlängern können. Durch gesunde Lebensführung aber auch mit Hilfe der Medizin. Dazu wird vor allem in Israel und den USA geforscht und MedizinerInnen versuchen, einen Weg zu finden, um die (vorzeitige) Zellalterung zu stoppen und altersbedingte Krankheiten durch das Zurücksetzen der DNA zu behandeln. Damit verbunden ist die Möglichkeit der Langlebigkeit und sogar der Traum, das Altern des Menschen umzukehren! Dies wirft natürlich auch viele soziale und ethische Fragen auf. Wie etwa: Was ist der Wert einer Verlängerung des gegenwärtigen Lebens? Was ist der Wert eines Menschen überhaupt? Was wären die sozialen Auswirkungen einer solchen Medizin? Wäre eine solche Therapie dann nur für Reiche zugänglich? Welche Auswirkungen hätte dies dann auf die Gesellschaft und auf unsere Umwelt? Diese und viele weitere Fragen wird es zu beantworten geben, wenn lebensverlängernde Medizin tatsächlich zur Verfügung stehen wird.

Einiges von dem, woran die Wissenschaft aktuell forscht, erscheint uns aus heutiger Perspektive wie ferne Zukunftsmusik und manches aus ethischen Gründen undenkbar. Aber man darf nicht vergessen, dass Dinge, die beispielsweise vor 20 Jahren in der Medizin noch als absolut unethisch galten, heute teilweise als richtig betrachtet werden oder aber auch umgekehrt. Diese ständige Revision der Standards fasziniert mich.

Renata Kudlacek. Anne Zdunek für Kunstleben Berlin.
Renata Kudlacek, Foto: Rick Schubert

Die beschriebenen Themen setzt Du visuell als Siebdrucke und Fine Art Prints um, auf denen vor allem Kompositionen floraler Motive zu sehen sind und in die du auch Elemente aus dem Tierreich und teilweise menschliche Organe eingearbeitet hast. Was hat es mit den Blumen in deinen Werken auf sich?

Renata Kudlacek: Die Ausstellung und der Title („Quest to Bloom“ – Deutsch: Das Streben nach Blüte) wurden inspiriert vom Thema Eden, dem Garten der himmlischen Freuden – eine fruchtbare Oase – die nicht nur im religiösen Glauben, sondern auch in vielen Mythen oder der griechischen Philosophie auftaucht. Eden war der Ort, an dem Gott dem ersten Menschen ein Zuhause schuf, gefüllt mit allerlei Pflanzen, einschließlich des berühmten Baumes des Lebens und des Baumes des Wissens. Ich betrachte diese Sehnsucht des Menschen nach dem Paradies, nach ewiger Blüte und Unsterblichkeit sowohl mythologisch als auch aus der Perspektive wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Die Verwendung symbolischer Motive von Blumen, Schmetterlingen, Schlangen usw. innerhalb traditioneller Interpretationen und Mythologien ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit und spiegelt sich in all meinen Kompositionen der letzten Jahre wieder. Mich faszinieren die Bedeutung und Wirkung genauso wie Ihr Aussehen und ihre Ästhetik.

Der Mensch hat eine sehr komplexe symbolische Beziehung zu Blumen. Sie verführen uns – ebenso wie die Insekten, die sie bestäuben – mit ihrer Farbe, Anmut und Feinheit. Mit ihnen feiern wir fast jeden wichtigen Anlass – zu Geburten und Geburtstagen, zu Ehren von Leistungen, um Kranke zu trösten und unsere Toten zu beerdigen

Die Weiße Lilie beispielsweise gilt in der christlichen Mythologie als Symbol der Reinheit und findet sich oft in Darstellungen der Jungfrau Maria wieder. Myrte galt in der Griechischen Mythologie als heilig und wurde von der Göttin Aphrodite als Krone getragen und symbolisierte die Liebe.

Darüberhinaus sind Tulpen eines meiner Hauptmotive. Tulpen stammten ursprünglich aus Persien und  verbreiteten sich von dort aus nach und nach in Europa. Vor allem in Holland wurden Tulpen zum Objekt von Marktspekulationen. Der Wunsch nach Schönheit und Exzess war wohl nie offensichtlicher als in der berüchtigten Tulipmania, die dort im 17. Jahrhundert ausbrach. Der Wunsch nach seltenen Tulpen trieb ihren Marktwert derart in die Höhe, dass eine Tulpe teilweise dem Wert eines ganzen Hauses entsprach. Wie vorherzusehen war, platzte die Blase und viele, die in Tulpen investiert hatten gingen bankrott. Darin sehen ich auch eine Parallele zur Konsumbesessenheit unserer Zeit.

Manche Deiner Werke sind als Tondi angelegt – welche Bedeutung hat das Tondo für Dich?

Renata Kudlacek: Das Wort Tondo ist vom italienischen „rotondo“ abgeleitet und bedeutet „rund“. In der Renaissance wurde dieser als Begriff für kreisförmige Bilder verwendet. Runde Formate waren auch die sogenannten „deschi da parto“. Diese waren aus Holz und wurden als Geburts-Teller“ verschenkt und als Erinnerungsstücke, als Memento Mori (lateinisch: „Sei Dir Deiner Sterblichkeit bewusst“) aufgehängt. Später wurden diese runden Geburtsteller auch mit religiösen Motiven bemalt und wurden so zum Symbol für den Beginn des Lebens und die Ewigkeit.

Eine zeitgenössische Referenz zum Tondo ist für mich die Petrischale. Die Tondi sind in meiner Ausstellung deshalb teilweise horizontal unter Glas ausgestellt und erinnern damit an die Laborsituation und den Blick durch ein Mikroskop in die Petrischale. Damit referiere ich wieder auf das Zusammenspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Mythen, Geschichten und Wissenschaft.

Auch die ästhetische Erfahrung spielt dabei eine große Rolle. Die Kompositionen der Elemente sollen anregend und schön auf den Betrachter wirken. Nur bei genauerem Hinsehen entdeckt man die einzelnen Elemente und beginnt zu verstehen, was dahinter steckt: Organe und Chromosomen im Zusammenspiel mit Blumen und Insekten.

Renata Kudlacek. Anne Zdunek für Kunstleben Berlin.
Renata Kudlacek, Foto: Rick Schubert

Optisch erinnern Deine Bilder an Barock-Malereien – was hat es damit auf sich?

Renata Kudlacek: Vor einigen Jahren wurde ich zeitgleich zu meinem Research Projekt in Edinburgh zu einer privaten Führung in das Staatliche Museum Schwerin eingeladen. Obwohl mich schon immer sehr die Barock-Kunst faszinierte, hatte mich diese Ausstellung besonders eingenommen und inspiriert. Im Zentrum stand das Thema ‚Waldbodenstillleben‘ der Nord- europäischen Barock-Kunst des 17. Jahrhunderts. Nicht allein die Schönheit von Stillleben, sondern auch die Faszination des Dunklen, Verborgenen, Unheimlichen und dessen vielfältigen Bedeutungen wurden sichtbar. Einhergehend mit dem klassischen Zusammenspiel von Dramatik und Stille, Bewegung und Ruhe, Licht und Schatten. Die Verbindungen zwischen Kunst und der damaligen Wissenschaft wurde erkennbar und auch als das Jahrhundert des Mikroskops bezeichnet. Bis dahin unbekannte visuelle Welten, Dinge, die nie zuvor gesehen worden waren wurden gezeigt. Künstler gehörten damals zu den inneren Kreisen der Wissenschaft. Die gesamte Ausstellung hat mich zutiefst beeindruckt und genau im richtigen Zeitpunkt erreicht. 

Farbenfroh, düster, dramatisch, lebensbejahend und doch melancholisch – All das steckt in Deinen Bildern. Welche Stimmung überwiegt Deiner Meinung nach?

Renata Kudlacek: Dramatisch ja  – eingebunden in Melancholie und Traurigkeit. Aber am Ende soll doch immer wieder das Schöne und Faszinierende überwiegen. Am Ende ist es die Schönheit des Lebens mit all den Tragödien und dem Tod, der auf uns alle wartet und der sich für mich in den Bildern widerspiegelt. Ich hoffe, dass die BetrachterInnen das auch sehen.

Die Künstlerin Renata Kudlacek ist auchGaleristin der BBAGallery – welche Vorteile hat es Deiner Meinung nach für Deine Arbeit als Galeristin, dass Du auch Künstlerin bist?

Renata Kudlacek: Jede Künstlerin, jeder Künstler muss heute viel mehr sein als ein kreativer „Produzent“: Clever und geschäftstüchtig, Marketing- und PR-Manager und vieles mehr. Es ist schwierig sich im Markt durchzusetzen – für Galerien wie auch für die KünstlerInnen. Ich habe den täglichen Einblick von beiden Seiten und verstehe deshalb beide Seiten sehr gut und kann mich sehr gut in unsere KünstlerInnen hineinversetzen und Ihnen helfen. Ich empfinde es als eine große Bereicherung beide Seiten erleben, leben und verstehen zu können.

QUEST TO BLOOM

Renata Kudlacek

Laufzeit: noch bis zum 30.10.2021

Kuratiert von Giulietta Coates

BBA Gallery

Köpenicker Str. 96, 10179 Berlin

https://bba-gallery.com

Öffnungszeiten: Di – Sa 11 – 18 Uhr

Website von Renata Kudlacek: https://renatakudlacek.com

Beitragsbild: Tales of Telomeres, 2017, Fine Art Print, Copyright the artist and BBA Gallery

Veröffentlicht am: 20.10.2021 | Kategorie: Ausstellungen,

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