Kolumne. Angeschaut: SITTES WELT – Willi Sitte im Kunstmuseum Moritzburg in Halle

Willi Sitte im Kunstmuseum Moritzburg. Jeannette Hagen für Kunstleben Berlin

Kolumne von Jeannette Hagen. „Staatsmaler“, „Parteimaler“; „Künstler-Funktionär“ – Willi Sitte gehört wohl zweifelsfrei zu den umstrittensten Künstlerpersönlichkeiten der DDR. Er hat die Kunstlandschaft der DDR wie kaum ein zweiter geprägt, hat dafür gesorgt, dass Kunst im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat mehr sein durfte als Propaganda und gleichzeitig in den Jahren vor dem Zusammenbruch jenen Künstler*innen Steine in den Weg gelegt, die genau das leben wollten. Seine Kunst ist geprägt von Wandel – einem Wandel der Sinne, der sich im Wandel von Ausdruck, Farbigkeit und Stil seiner Bilder spiegelt.

Ich weiß nicht, wie viele Ausstellungen ich in meinem Leben schon besucht habe – Museen, Galerien, Retrospektiven, Sammelausstellungen nationaler und internationaler Künstler*innen. Durch die meisten bin ich mal mehr mal weniger konsumierend geschlendert. Manche haben mich ermüdet, andere belebt. Wenige haben es geschafft, sich tief in mein Gedächtnis einzugraben und wenn ich zusätzlich noch den Maßstab anlege, dass mich eine Ausstellung wirklich etwas gelehrt hat, dann reichen die Finger einer Hand, um sie zu zählen. Zuweilen war es ein einzelnes Bild, das mich tief berührt hat, aber dass ich eine ganze Ausstellung lang wirklich gefesselt bin, das passiert eher selten.

Willi Sitte im Kunstmuseum Moritzburg. Jeannette Hagen für Kunstleben Berlin
Jürgen Domes: Porträt Willi Sitte, Foto: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Jürgen Domes

Die Retrospektive „SITTES WELT“ hat es geschafft. Sie hat mich nicht nur dem Maler und Mensch Willi Sitte nähergebracht, sondern vor allem auch der Dichotomie aus Gut und Böse, die sich bei ihm speziell in dem Ost-West-Dilemma, in dem wir, über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, immer noch stecken, zeigt. Die Ausstellung hat mir meine eigene Ambivalenz auf vielen Ebenen – politisch/persönlich/gesellschaftlich – gespiegelt, mich gelehrt, wie aus Idealismus Verblendung und Verbohrtheit werden kann, wie Trotz und mangelnde Selbstreflexion Weiterentwicklung verhindert und wie menschlich das alles am Ende doch ist.

Kurz bevor man die Ausstellung verlässt, gibt es eine Wand, auf der die Besucher*innen ihren eigenen StandPUNKT zu drei Fragen mithilfe eines bunten Klebepunktes verdeutlichen können. Unter anderem wird dort gefragt, ob es möglich ist, das künstlerische Werk getrennt von der politischen Einstellung eines Künstlers zu sehen.

Die Mehrzahl der Punkte klebt bei „nein“ und ich möchte mich dem hier an der Stelle noch einmal anschließen und dafür plädieren, das Politische nicht als etwas von uns Getrenntes zu betrachten. Wir alle wachsen in politischen Räumen auf, Politik bedeutet nichts anderes als das Handeln von Menschen in einem Gesellschaftsverbund. Keiner von uns ist unpolitisch. Man muss das nicht unnötig verkomplizieren, aber die Art und Weise, wie wir uns in der Gesellschaft bewegen, prägt die Gesellschaft, prägt uns und eben auch die Politik. Und wenn wir uns heute fragen, warum die Entfremdung von Ost und West immer noch nicht überwunden ist, dann können wir die Antwort in uns selbst suchen, ohne auf Politiker*innen oder Gesetze zu schauen. Willi Sitte hilft dabei. Er hat uns mit seinem Schaffen eine Chronik der Entwicklungen vom Nationalsozialismus bis zum Zerfall des Ost-Blocks und gleichzeitig ein offenes Buch der eigenen Biografie in dieser Zeit mit all seinen Ambivalenzen, seinen Wandlungen, seiner Haltung, seiner Ideale und Irrungen hinterlassen.

Hervorragend zusammengetragen und -gestellt von Thomas Bauer-Friedrich, Direktor der Moritzburg, und Paul Kaiser, Leiter des Instituts für Kulturstudien in Dresden, schenkt er uns damit ein Kaleidoskop des Lebens, in dem wir uns selbst in vielen Facetten erkennen können. Das ist wahrhaft meisterliche Kunst und unbedingt einen Besuch wert.

Beitragsbild: Willi Sitte: Familie am Meer, 1968, Öl auf Hartfaser, 178 x 12 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Foto: Punctum/Bertram Kober © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

SITTES WELT – Die Retrospektive im Kunstmuseum Moritzburg

Die Ausstellung ist bis zum 9. Januar 2022 geöffnet.

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Veröffentlicht am: 21.10.2021 | Kategorie: Ausstellungen, Kolumne Jeannette Hagen, Redaktion-Tipp,

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