Nur noch bis zum 14.02.2026. Tauch ein in ein Labor der Wahrnehmung, in dem die Grenzen zwischen Mensch, Maschine und Natur verschwimmen. Die Gruppenausstellung Donner à Voir Alexander Levy verwandelt die Galerieräume in eine Schnittstelle für radikale Recherche und künstlerisches Experiment. Hier triffst du auf kinetische Wesen von Julius von Bismarck, die sich wie autonome Lebensformen durch den Raum krempeln, und hörst die „Stimme“ eines einzelnen Planktonorganismus, den Felix Kiessling aus der Tiefe der Kieler Förde isoliert hat. In der Schau Donner à Voir Alexander Levy geht es nicht um bloße Betrachtung, sondern um das Sichtbarmachen von Prozessen, die sich unserem Alltag normalerweise entziehen. Ob juristische Verträge für Flüsse oder architektonische Lichtspiele – die Künstler dieser Ausstellung fordern dich heraus, die Welt jenseits anthropozentrischer Maßstäbe neu zu denken.
Donner à Voir Alexander Levy: Kunst als kollaborative Forschung
Die Ausstellung Donner à Voir versammelt Arbeiten, deren Ausgangspunkt in Recherche, Experiment und Kollaboration liegen. Julius von Bismarck, Anne Duk Hee Jordan, Noémie Goudal, Felix Kiessling und Sinta Werner untersuchen Phänomene wie Raum, Zeit, Ökologie, Wahrnehmung oder Macht aus jeweils eigenen Perspektiven, häufig jenseits anthropozentrischer Maßstäbe. Ergänzend zu den Werken im Raum versammelt eine zentrale Plattform Recherchematerialien, Bücher, Modelle, Fotografien, Filmausschnitte, Tonträger und weitere projektbezogene Dokumente. Diese Materialien erweitern die Begegnung mit den Arbeiten um jene Denk-, Arbeits- und Übersetzungsprozesse, durch die diese entstanden sind.
Julius von Bismarck und die Mechanismen der Macht
Self-Revolving Torus, 2016
Die kinetischen Skulpturen der Serie Self-Revolving Torus wirken wie autonome Wesen, die sich tastend durch den Raum bewegen. Ihre Rotation folgt keinem äußeren Impuls, sondern entsteht aus einem inneren Antrieb, der das Objekt permanent umkrempelt. Die Arbeit basiert auf der Idee, einen vierdimensionalen Körper in eine dreidimensionale Form zu übersetzen. Ausgangspunkt ist der Torus als mathematisches Modell, das häufig verwendet wird, um Projektionen höherdimensionaler Räume, wie es eventuell unser Universum sein könnte, zu veranschaulichen. Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten stehen in Zusammenhang mit der großformatigen Installation, die Julius von Bismarck für den kürzlich eröffneten Terminal des Frankfurter Flughafens realisiert hat.
Julius von Bismarck
Polizei, 2025/26
Die Fotografie zeigt eine lange Reihe uniformierter Polizeibeamter, die auf den Stufen der Neuen Nationalgalerie in Berlin stehen. Der Ort ist dabei entscheidend: Das Museum als kultureller Ort wird zum Schauplatz einer Szenerie staatlicher Ordnungsmacht. Die Präsenz der Polizei wirkt irritierend und erzeugt eine Atmosphäre latenter Bedrohung. Doch nicht alle der Uniformierten sind menschlich. In einigen befinden sich Roboter, was aber mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen ist. Diese Ununterscheidbarkeit verweist auf die wachsende Rolle von Technologie und künstlicher Intelligenz in gesellschaftlichen und politischen Strukturen.
Felix Kiessling und Anne Duk Hee Jordan: Die Stimme der Natur
Die Stimme, 2025
Die Stimme von Felix Kiessling ist das Ergebnis einer einjährigen künstlerischen Forschung. Kiessling arbeitete über diesen Zeitraum eng mit Wissenschaftler*innen zusammen, um die Kieler Förde nicht aus politischer oder ökonomischer Perspektive zu betrachten, sondern als natürliche Entität selbst. In Kooperation mit dem GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung wurden systematisch Wasserproben entnommen und im Labor mit hochauflösenden Hydrofonen untersucht. Die so entstandenen Aufnahmen machen mikrobiologische Lebensprozesse hörbar, die sich sonst der menschlichen Wahrnehmung entziehen. Felix Kiessling isolierte die akustische Aktivität eines einzelnen Planktonorganismus und überführte diese „Stimme“ in eine Skulptur: ihr Amplitudenverlauf wurde in eine Aluminiumsäule geschnitten. Die begleitende Soundarbeit, eine 4-spurige akustische Collage, besteht aus rohen Aufnahmedaten sowie mathematischen Auswertungen des Rauschens, das den Aufnahmen immer innewohnte. Der Planktonorganismus erscheint hier nicht als abstrakter Bestandteil eines Systems, sondern als handelndes Subjekt mit eigener Stimme. Die Arbeit verschiebt damit Fragen von Agency und Repräsentation: Nicht der Mensch spricht über ein Ökosystem, sonders der nicht-menschliche Akteur wird selbst zum Erzähler über seinen Lebensraum, die Kieler Förde.
Anne Duk Hee Jordan
A Reconciliation with Water, 2025
Anne Duk Hee Jordans A Reconciliation with Water entstand im Rahmen von Tatort Paderborn und entwickelte sich aus einer engen Zusammenarbeit mit Forschenden, lokalen Fachleuten, einer Schulklasse sowie einem Juristen. Ausgangspunkt der Arbeit war die Frage, wie sich ein Fluss als komplexes, mehr-als-menschliches System untersuchen und vertreten lässt. Die Pader, der kürzeste Fluss Deutschlands, wird dabei nicht als Naturmotiv verstanden, sondern als Körper, Lebensraum und Akteur. Wie kann Fürsorge für ein nicht-menschliches Gegenüber organisiert werden?
Zentrales Element der künstlerischen Forschung ist ein Vertrag, der von Jordan gemeinsam mit einem Juristen entwickelt wurde. Er adressiert die Pader als juristische Person und benennt eine Gruppe menschlicher Vertreter*innen, die ihre Interessen wahrnehmen. Es wurde eine Kommission aus freiwilligen Mitgliedern gegründet, die die Sorge für die Pader übernimmt.
Ergänzend dazu ist ein dreiteiliges Manifest entstanden, das auf eigener Recherche sowie aus der Datenauswertung der Pader basiert, und in ein musikalisches Manifest überführt wurde. Über Unterwassermikrofone aufgezeichnete Klänge, mikroskopische Aufnahmen von Mikroorganismen und chemische Analysen des Wassers eröffnen unterschiedliche Zugänge zu diesem Ökosystem. In der Ausstellung werden der Vertrag, die Videoarbeit, die Publikation und die Schallplatte gemeinsam präsentiert und machen die verschiedenen Ebenen dieses langfristigen Forschungsprojekts sichtbar.
Sinta Werner und Noémie Goudal: Konstruktion der Wahrnehmung
Modul im Modell – Licht im Bedingungsgefüge II, 2025
Entre être et paraître – la lumière au conditionnel, 2025
Sinta Werners Kunst spielt mit der Beziehung zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, Realität und Bild, physischer Präsenz und Projektion. Ihre Assemblagen Modul im Modell – Licht im Bedingungsgefüge und Entre être et paraître – la lumière au conditionnel entstehen aus präzise kontrollierten Versuchsanordnungen von Licht, Material und Zeit. Ausgangspunkt sind einfache, transparente Glasmodule, die an strukturalistische Architekturmodelle erinnern. Durch seitliche Lichteinstrahlung entstehen auf der Bildfläche Licht- und Schattenzonen, die die Glasformen als räumliche Strukturen erscheinen lassen.
Bei der Fotografie Modul im Modell – Licht im Bedingungsgefüge überlagern sich unterschiedliche Lichtsituationen innerhalb eines Bildes. Mehrere Lichtwinkel und Belichtungsmomente werden in einer einzigen Aufnahme zusammengeführt und machen zeitliche und perspektivische Verschiebungen sichtbar.
Die Serie Entre être et paraître – la lumière au conditionnel entsteht als Fotogramm in der Dunkelkammer, also ohne den Einsatz einer Kamera. Die Glaskästen zeichnen sich zunächst als helle Spuren auf dunklem Grund ab und erscheinen als fotografisches Negativ. Um daraus ein Positivbild zu erzeugen, erstellt Sinta Werner einen Kontaktabzug, bei dem das Fotogramm erneut auf unbelichtetes Papier gelegt und belichtet wird. Durch die nahegelegene Lichtquelle wird die Logik der Zentralperspektive umgekehrt; die Fluchtlinien streben auseinander.
Glas erscheint bei den Arbeiten nicht nur in der Abbildung und als integrierter Teil der Assemblage, sondern ist gleichzeitig das Medium, mit dem die Schattenzeichnungen konstruiert wurden. Durch die Überlagerung von Objekt und Abbild entstehen mehrdeutige Raumsituationen: Aus bestimmten Blickwinkeln lösen sich die dreidimensionalen Formen zu Linien auf, während die fotografische Fläche zugleich Tiefe suggeriert. Durch die Montage der Glasscheiben rückt die Materialität des Glases in den Fokus, das durch seine Transparenz zwischen Sichtbarkeit und Auflösung oszilliert.
Noémie Goudal
Untitled (Mountain) II, 2021
Noémie Goudal arbeitet mit präzise geplanten fotografischen Set-ups in realen Landschaften. Für Untitled (Mountain) II positioniert sie bemalte Kartonelemente in größerer Distanz vor einem Gebirgsmassiv. Durch einen exakt bestimmten Kamerastandpunkt fügen sich diese künstlichen Formen visuell in die Landschaft ein und erscheinen als Teil der Berge. Es entsteht eine Art visuelle Intarsienarbeit. Das Bild wird nicht durch eine Montage erzeugt, sondern durch die räumliche Anordnung vor Ort. Die scheinbar massiven Einschnitte im Gebirge erweisen sich bei näherer Betrachtung als fragile, temporäre Konstruktionen. Goudals Interesse an paläoklimatologischen Forschungsansätzen bildet dabei einen Referenzrahmen, in dem Landschaft nicht als statische Form, sondern als Resultat langfristiger Veränderungen verstanden wird.
Julius von Bismarck, Anne Duk Hee Jordan, Noémie Goudal, Felix Kiessling, Sinta Werner
Donner à Voir
16.01 – 14.02.2026


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