Die Masse ohne Namen

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P1100173P1100179 P1100191Wer ist der alte Mann, der – haushoch – sich vornüberbeugt, so als würde er mit einem gewissen Staunen das betrachten, was unter ihm passiert? Wem gehört die Hand, die sich gen Himmel reckt? Die gekennzeichnet ist durch das Leben selbst. Und was denkt die alte Frau, die ihr Gesicht verbirgt, so als könne sie nicht mitansehen, wie sich die Stadt verändert?

“Wrinkles of the city” heißt das aktuelle Street Art Projekt des französischen Straßenkünstlers JR. Und es spielt wie alle seine überdimensionalen Portraits, die Häuser, Dächer, Brücken und Türme schmücken, mit den Gesichtern und Körpern der namenlosen Masse. Für Berlin hat JR Senioren fotografiert und sie überwiegend im Bezirk Mitte platziert. Er greift damit ein Thema auf, das im Hype um diese Stadt gern verdrängt wird oder sich in einem seltsamen Wort wie “Milieuschutz” wiederfindet. Wie fühlt man sich, wenn man in einer Stadt wie Berlin alt ist?

Ich spaziere durch Mitte, ein Bezirk, in dem ich selbst großgeworden bin. Wo ich jede Ecke, jeden Winkel kenne. Ich habe den ostzonalen Bauboom der 80-er miterlebt und sehe jetzt, während ich im “Alten Europa” ein Glas Wein trinke, zu, wie die Fassaden dieser Plattenhäuser in dicke Wärmeschutzpolster gepackt werden.
Gegenüber wird eine Haustür geöffnet. Ein gutgekleideter Mann mit Halstuch tritt heraus und versucht seine zwei Windhunde davon abzuhalten, auf die kleine, enge Straße zu laufen, durch die gerade ein hochglanzpolierter, überbreiter Geländewagen brettert. Touristen quetschen sich auf den Bürgersteigen aneinander vorbei. Bewaffnet mit Kameras, Sonnenbrillen und einem Coffee to go.
Früher war hier nicht viel. Keine Designer Shops, keine In-Läden, keine Galerien. Aber an der Stelle, wo JR die Hand platziert hat, da war Leben. Dort gab es einen Intershop. Eine kleine Baracke in der es roch wie heute bei Douglas und in der der Ostbürger erst für D-Mark und später für sogenannte “Forum Schecks” Westwaren einkaufen konnte. Ich sehe mich, wie ich als Kind mit großen Augen vor den Regalen stehe. Zwischen mir und dem Luxus eine Mauer.  Irgendwann bin auch ich alt. Dann wird es die Baulücke, in der jetzt die Hand zu sehen ist, nicht mehr geben. Dann wird es in Berlin überhaupt keine Baulücken mehr geben.

Viele Legenden ranken sich um JR, dessen bürgerlichen Namen keiner kennt, der selbst wenn er einen mit 100.000 Dollar dotierten Preis entgegennimmt, unerkannt bleiben will. Als Sprayer soll er angefangen haben, dann hat er angeblich eine Kamera gefunden und entdeckt, dass Fotos eine andere Resonanz bei den Betrachtern haben als ein Graffiti. In den Banlieues von Paris fing alles an, er klebte seine Bilder an Werbekästen der U-Bahn und auf die Wände in den Hochhausvierteln am Stadtrand. Schnell wird er entdeckt, aus illegalen Projekten wird Kunst am Bau und so gehört JR heute unter den Street Art Artists zu den ganz Großen.

Ich verstaue meine Kamera und will zurück zum Auto gehen. Der Lärm der Stadt zerrt an meinen Nerven. Die Invalidenstraße ist eine einzige Baustelle. Ich schaue zur anderen Straßenseite und erinnere mich, dass dort drüben mal die Haltestelle der Straßenbahn war. Unzählige Male habe ich an diesem Ort gestanden und auf ein Mauerstück geschaut, auf das Tiere gemalt waren, die ein paar Meter weiter im Museum für Naturkunde ausgestopft standen. Ich nehme mir vor, später bei google zu schauen, vielleicht finde ich davon ein Foto. Ein Stück Kindheit. Eine kleine Erinnerung an eine Stadt, die es so nicht mehr gibt. Und die sich schon in der nächsten Sekunde verwandelt hat.

Insgesamt 17 Paste Ups von JR sind in Berlin verteilt. Die begleitende Ausstellung ist noch bis zum 25. Mai in der Galerie Henrik Springmann in der Gipsstr. 14 in Mitte zu sehen.

Bis zum nächsten Spaziergang!
Ihre Jeannette Hagen

Fotos: Jeannette Hagen

Veröffentlicht am: 03.05.2013 | Kategorie: Künstler entdecken, | Tag: Invalidenstraße, JR, JR in Berlin, Street Art Kunst, Streetart Berlin, Wrinkles of the city,

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