Ella Littwitz – Pillar of Salt

Littwitz‘ Praxis ist geprägt von einer künstlerischen Auseinandersetzung mit Geopolitik, Geschichte und Religion. Ihre unvermittelte Verbindung zu Orten verleiht ihren Arbeiten eine quasi-archäologische Qualität und konfrontiert uns mit ‚Artefakten‘ und ‚Dokumenten‘ von Konflikt, Migration und Kultur. Nun zeigt die Galerie alexander levy die Werke von Ella Littwitz anlässlich des Gallery Weekends in der Ausstellung Pillar of Salt.

In Pillar of Salt rekonzeptualisiert die Künstlerin Raum und Grenzen als immerwährend wandelbar. Littwitz stellt die Vorstellung von Grenzen als unverrückbare, Territorien abgrenzende Linien in Frage und verortet diese neu. Die ausgestellten Arbeiten konzentrieren sich auf Littwitz‘ Heimat Israel, ein Land, dessen Verhältnis zu Grenzen allgegenwärtig kompliziert ist.

Ella Littwitz beschäftigt sich mit einer besonders künstlichen Grenze – die südliche Trennung zwischen Israel und Jordanien entlang des Flusses Jordan, eine Linie, die nicht nur von Geografie, sondern auch Politik und Religion geprägt ist. Durch die Lage des Flusses am Übergang zweier tektonischer Platten im Großen Grabenbruch unterliegt die Landschaft ständiger Veränderung und ein kontrolliertes Territorium oder eine Grenze werden gänzlich unkontrollierbar. Qasr El Yahud ist aber auch der Ort der Taufe Jesu und des Durchzugs der Israeliten ins Gelobte Land, und so stellt sich die Frage nach einer spirituellen Grenze. Politisch gesehen kam dieser Teil der Grenze 1967 unter die Kontrolle des israelischen Militärs.

Doch ist es umstritten, auf welcher Seite des Ufers die Taufe Jesu stattfand, was die Frage aufwirft, ob es eine heiligere Seite des Flusses gibt. High Degree of Certainty (2020) ist eine Manifestation dessen. Die beiden Geotextilien, welche sonst der Bodenstabilisierung und dem Erosionsschutz dienen, wurden an beiden Ufern in den Fluss getaucht und so einer rituellen Taufe unterzogen. Die Arbeit stellt sich somit der Frage der ‚Authentizität‘. Die Künstlerin scheint auf eine Idee vom Raum im Raum hinzuweisen:

„Wenn nämlich alles was ist, im Raume ist, so muß offenbar auch für den Raum ein Raum sein. Und dieß geht fort ins Unbegrenzte.“

Aristoteles, Physik

Die hebräische Bibel berichtet, dass die Israeliten nach der Überquerung der Grenze dazu übergingen, eine politische Identität zu etablieren und eine Nation zu bilden, nachdem sie jahrelang nomadisch gelebt hatten. Unter dem Diktat von Josua, dem Nachfolger von Moses, wurden nach der Überquerung eine Reihe religiöser Rituale durchgeführt, darunter eine Zeremonie, bei der die zwölf Stämme zwischen dem Berg Ebal und dem Berg Gerizim aufgeteilt wurden. Die Leviten, direkte Nachkommen Levis, und die Priester blieben im Tal, wo sich die Stadt Nablus befindet, und sprachen Segen und Flüche, auf die beide Seiten reagierten.

Die Säulen der Arbeit The curse and the blessing or region bounded by two functions (2021) spiegeln diese religiöse Zeremonie und die Geographie der Region wider – eine Säule ist aus Nabulsi-Seife, die in Nablus (Westjordanland, Palästina) hergestellt wird, die andere aus Schlamm aus Qasr el Yahud (wo Jesus getauft wurde). Da sich beide überschneiden, bilden sie einen verschlossenen Raum, der von beiden Seiten unzugänglich ist und sich dennoch gegenseitig formt.

Qasr al-Yahud – der Ort, an dem Jesu getauft worden sein soll
Qasr al-Yahud – der Ort, an dem Jesu getauft worden sein soll

Krisengebiete, eingezäunte Minenfelder, Schießzonen und Niemandsländer sind durch strenge Grenzen gekennzeichnet und haben heterotopische Qualitäten, sie sind „gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können“ (Foucault, Von anderen Räumen: Utopien und Heterotopien). Indem Littwitz sich die Semiotik dieser Räume wieder aneignet und das Versagen ihrer Abgrenzungen aufdeckt, richtet sie ihre Grenzen neu aus, macht sie sichtbar und dokumentiert sie.

If everything that exists has a place, place too will have a place (2020) ist eine direkte visuelle Umsetzung dieser Art von Grenze. Die Fässer markierten zuvor die Grenzen eines Schießübungsplatzes, obwohl man durch ihr Aussehen meinen könnte, sie seien die Schießscheiben selbst. Nebeneinanderstehend definieren sie nicht mehr den Raum, sondern nur noch ihre eigene Zerbrechlichkeit, die Arbeit wird zum ‚Zeugen‘ der materiellen Leere.

Für Semiology of the Underground (2020) verwendete Littwitz eine Minenfeld-Warntafel als Oberfläche für die Illustration einer Arabidopsis thaliana, einer Pflanze, die gentechnisch so verändert werden kann, dass sie sich in Erde, die Lachgas von nicht explodierten Bomben enthält, rot färbt. Beide Methoden Gefahr zu signalisieren, haben in der Vergangenheit versagt, so scheint die Künstlerin auf die Fehlbarkeit von Prozessen der Modifikation von Natur hinzuweisen. Letztlich kann die Natur weder vom Staat oder einer Ideologie beherrscht werden und so verliert ein kontrolliertes Territorium seine Kontrolle.

So wie sie Symbole der Hoheitsgewalt neu ausrichtet, komprimiert sie Zeit, Logik und Richtung. In The Path (2021) werden Steine aufgestapelt, die ursprünglich einen Weg markierten. Hiermit erzeugt sie eine Heterochronie, da die Zeit (und in diesem Fall auch die Entfernung) in einem einzigen Objekt akkumuliert. Darüber hinaus interveniert Littwitz durch das Entfernen dieser Steine mit tatsächlichen Richtungen, welche nun im Galerieraum präsent, doch in der Landschaft abwesend sind. All at Sea (2021) betont die Machtlosigkeit und inhärente Fehlbarkeit in unserem Vertrauen auf Paradigmen von Raum und Orientierung. Da Basaltsteine den Magnetismus der Zeit, in der sie geformt wurden, bewahren, werden die auf ihnen platzierten Kompasse nach dem magnetischen Norden des Steins statt dem wahren Norden ausgerichtet. So wird eine der ältesten und zuverlässigsten Formen der Richtungsbestimmung verändert und verzerrt, was auch bedeutet, dass die Geschichte kein Leitfaden ist.

In der hebräischen Sprache bedeutet „das Stehlen einer Grenze“ das unerlaubte Überschreiten der Grenze. Mit ihren Werken stiehlt Littwitz nicht nur, sondern verlagert und eignet sich an. Die Arbeiten werden zu metaphorischen Salzsäulen – „Lots Frau aber schaute zurück; da erstarrte sie zu einer Salzsäule“ (Gen. 19, 26) – Littwitz hinterfragt die Gegenwart, während sie auf all diese Trennungen zurückblickt, sie metamorphosiert und greifbar macht.

Ella Littwitz – Pillar of Salt

30.04.2021 – 20.06.2021

Galerie alexander levy

Veröffentlicht am: 31.05.2021 | Kategorie: Ausstellungen, Kultur, Kunst,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verpasse keinen Kunst Event mehr...

Holler Box