Künstliche Intelligenz (KI) in Musik und Literatur

Ludwig Graf Westarp über KI in Musik und Literatur.

Ein Gastbeitrag von Ludwig Graf Westarp. Künstliche Intelligenzen texten und komponieren bereits. Hierbei werden sie mit den Erfahrungen, dem Können und Wissen von Generationen gespeist…

Der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz (KI) scheint unaufhaltsam. Intelligente Telefone, intelligente Computer, intelligente Autos, intelligente Überwachungs-systeme. Ob in der Medizin, im Handel, im Verkehr oder im Haushalt, überall ist KI auf dem Vormarsch. Wenn aber eine Superintelligenz uns bei allen kognitiven Aufgaben überflügelt, wo bleibt da noch der Mensch? Werden wir überflüssig? Wie wird sich unser Leben und unsere Arbeitswelt entwickeln, welche Berufe wegfallen, welche Zukunft haben?

Buchhalter und Busfahrer wird es voraussichtlich nicht mehr geben. Für Kindergärtner und Lehrer dagegen ist die Zukunft vielversprechender. Denn die Betreuung unserer Kinder werden wir nicht Robotern überlassen. Wie aber sieht es in der Musik aus? Wird auch hier KI verstärkt zum Einsatz kommen, und was bedeutet dies für Texter, Komponisten und Musiker?

KI wird einen größeren Einfluss auf unser Leben haben als die Erfindung des Computers, des Internets und des Smartphones zusammen. Sie ist die nächste industrielle Revolution und wird in Zukunft immer häufiger und umfassender auch beim Komponieren und Texten eingesetzt werden. Auf den ersten Blick fehlen ihr zwar Leidenschaft, Emotionen, Fantasie und im Leben selbst gewonnene Erfahrungen. Doch stellt dies ein wirkliches Hindernis für den erfolgreichen Einsatz der KI auch im künstlerischen Bereich dar?

Der Gedanke einer solchen Entwicklung erzeugt in vielen Menschen Angst. Sie sprechen der KI Kreativität ab und behaupten, dass Künstliche Intelligenzen nichts Neues erfinden können, weder Texte, noch Musik. Denn ihre Arbeitsweise ist an Regeln gebunden, die von Menschen eingegeben werden. Tatsächlich texten und komponieren Künstliche Intelligenzen bereits. Hierbei werden sie mit den Erfahrungen, dem Können und Wissen von Generationen gespeist. Bald wird es nicht mehr erkennbar sein, was von Menschen und was maschinell geschaffen wurde. Der amerikanische Komponist David Cope hat seit über 30 Jahren Computersysteme entwickelt wie „Experience in Musical Intelligence“, womit Werke im Stil von Mozart, Bach und Beethoven bereits in den neunziger Jahren komponiert wurden, die auch Experten täuschen konnten. Erfolgreich wurde Cope in dem Moment als er von regelbasierten Programmen zu datenbankbasierten Programmen gewechselt ist.

Auch gibt es bereits Algorithmen, die täuschend echte Texte selbstständig schreiben. Es handelt sich hierbei um Algorithmen, die Texte vorhersagen und auch neue schreiben können. Trainiert werden diese Algorithmen, indem sie riesige Mengen an von Menschen geschriebenen Texten auswerten und dabei versuchen, ohne menschliche Vorgaben, durch maschinelles Lernen, Muster zu erkennen. Werden auch nur zwei Sätze vorgegeben, schreiben die Algorithmen den Text in einem ähnlichen Stil und mit Sätzen weiter, die auch inhaltlich sinnvoll daran anknüpfen. Werden zukünftige Literaturnobelpreise eventuell sogar an die Künstliche Intelligenz gehen?

Zumindest Stile in Musik und Kunst lassen sich durch KI perfekt reproduzieren, weil neuronale Netze sich technisch immer leistungsfähiger machen lassen. Mit steigender Rechenleistung von Computern ist es möglich, in diese neuronalen Netze weitere Schichten einzufügen, was die Rechenfunktion exponentiell erhöht.

Kunst kann aber auch den Bruch mit Regeln erfordern und muss dann Grenzen und Tabus überschreiten und Dogmen überwinden. Harry Lehmann stellte im Zuge seines Vortrages auf dem 10. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik 2018 die Thesen auf, dass sich neue Kunst- und Musikstile nur mit semantischen Zusatzinformationen, mit Konzepten und Ideen generieren lassen. Des Weiteren transzendieren seiner Meinung nach die besten Werke ihren Stil. Einen Stil bloß zu imitieren, sei noch keine „große Kunst“. Ob auch dies der KI gelingen könnte, ist fraglich. Einer Superintelligenz gelänge dies aber mit Sicherheit.

Eines allerdings wird die Künstliche Intelligenz nicht können: uns die Freude am Schaffensprozess und Selber-Erleben (ab)zunehmen. Wobei Harry Lehmann einen weiteren sehr interessanten Gedanken in seinem Vortrag formulierte, nämlich den, dass sich in Folge der KI-Ästhetik auch ein anderer Grundbegriff von ästhetischer Erfahrung herausbilden wird, als er bislang in diesem Diskurs dominant war. Es wird zur Umstellung von einem rein erlebnisbasierten zu einem auch lernbasierten Erfahrungsbegriff kommen, der allerdings das ästhetische Erleben nicht aus-, sondern einschließt. Denn die KI wird all unsere Lebensbereiche durchdringen.

Auch wenn es natürlich bereits unzählige Bands mit hervorragenden Songs vor uns gab, haben wir 1997 als Schüler z.B. die Band „Tiefenrausch“ gegründet und würden dies wohl auch heute – im anbrechenden KI-Zeitalter – wieder genauso tun. Die Erfahrung, sich aus kleinen Jugendhäusern ins SO36 und sogar in die Columbia-Halle hochzuspielen, war einfach zu prägend. Es ging uns darum, relevante Themen in Texten und Musik zu verarbeiten. Die Songtexte handelten vom „Schmachten nach Mädchen“, gesellschaftspolitischen und philosophischen Fragestellungen. Oftmals drückten sie einfach pure Lebensfreude aus und erzählten lustige Alltagsgeschichten.

Vielen Dank für diesen spannenden Beitrag an Ludwig Graf Westarp.

Westarp ist zunächst einmal Künstler, Sänger und Gründer der Band Tiefenrausch.

Er hat das Musiklabel Skaro Records gegründet, organisiert weltweit Ska Konzerte und ist Inhaber von Skaro Services, einer Facility Service Firma in Vietnam. Daneben ist er gefragter Speaker auf den größten Musiktreffen und hält Vorträge über den Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf Kultur und Musik.

Veröffentlicht am: 18.04.2019 | Kategorie: Gastbeitrag, Kultur - was sonst noch passiert, Kunst - was sonst noch passiert, Literatur, Musik, | Tag:

Eine Idee zu “Künstliche Intelligenz (KI) in Musik und Literatur

  1. Kunstlandschaft sagt:

    …KI simulierte Welt, KI simulierte Welt, Menschen sind Teil einer KI, Sex ermöglicht Datenmischung, Vielfalt, Entwicklung, Menschen erzeugen KI… Zeitgeist kleinster gemeinsamer Nenner… marktkonforme Demokratie statt demokratiekonformer Marktwirtschaft… es ist billiger, Menschen in Roboterrollen zu zwingen, als Roboter zu bauen… Konkurrenzkampf statt Kooperation… Geld regiert Welt… wer sich als Künstler Marktzwängen verweigert, wird vom Markt, aber auch der Akademie der Künste ausgegrenzt… Leben im Klartraum Imaginärer Akademien… im Prinzip Hoffnung auf Hoffnung… Tor in Afrika quietscht… http://www.textlandschaft.de/klaenge/quitsch_voll.mp3 …zum Lachen sammeln wir Kraft…

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