Special – Gallery Weekend – Detlef Günther – Human Image (Lovin’ the Alien) bei Andreas Reinsch Project

Der moderne Mensch ist eine Erfindung – eine Erfindung, die ihren Ausgangspunkt in der Frührenaissance, also etwa um 1420-1500 hat.

Die Anfänge dieses Denkens lassen sich jedoch weiter zurück verfolgen bis zu Giotto di Bondone (1266-1337), der heute als der Begründer der Renaissancemalerei angesehen wird, und Petrarca (1304-1374), der als Mitbegründer des Humanismus
gilt. Ca. 100 Jahre später verfasste Pico della Mirandola seine Rede “De hominis dignitate (Die Würde des Menschen-1486)”, in der er den Menschen als wundersames “Chamäleon” beschreibt.

Heute ca. 700 Jahre später, ist der Mensch dabei, sich neu zu erfinden: “Der Mensch entdeckt sich als operabel. Diese radikal neue Epoche ist im Kommen. Und zwar in allen Dimensionen: … Da ist die Werkhalle der Biologie, der Biochemie und Genetik. … Da ist die Werkhalle der Medizin, der Pharmakologie und vor allem der Psychopharmakologie. … Da ist die psychologische Werkhalle …, die “Gehirnwäsche” im Großen betreibt, die mit den Massenmedien umzugehen weiß, mit elektrischen Gehirnreizen Glückseligkeit und Wohlbehagen des ganzen Körpers hervorruft. … Da ist die soziologische Werkhalle. Hier wird das Wachstum der Menschheit vorausberechnet, werden Pläne gemacht, Gesetze entworfen, um die Bevölkerungszahl der Erde auf einem erwünschten Niveau zu stabilisieren. …

Und endlich die politische Werkhalle: hier sitzt die Weltregierung, getragen von den herangezüchteten Superintelligenzen, hier werden die Arbeiten der verschiedenen Werkhallen koordiniert, die letzten Ziele entworfen und festgelegt, auf die sich alle Arbeit am Menschen hinbewegen soll. … es ist, wie wenn auf verschiedenen Teilen eines großen Areals gleichzeitig gebaut wird und man den Eindruck hat, daß diese Einzelbauten einmal zu einem einzigen Bau zusammenwachsen werden, eben zur hominisierten Welt, als einer einzigen großen Fabrik, in der der operable Mensch haust, um sich selbst zu erfinden”.

Detlef Günther möchte, indem er an das 13 Jh. anknüpft, an einen gesellschaftlichen Wendepunkt erinnern, an dem in Europa ein neues Menschenbild erfunden wurde, welches zeitgleich einherging mit der Erfindung des virtuellen Raums, der heute unser Denken, Handeln und Fühlen dominiert und sich global manifestiert hat.

In Giottos Fresken (Capella Scrovegni – Padua/Italien) werden Landschaft und Körper geometrisiert. Ebenso stellen diese Fresken erstmalig Alltags-Details dar: Schafe, Lämmer, Bäume … und das erste Portrait der Neuzeit (Enrico Scrovegni, der den Engeln ein Modell der Kapelle überreicht). Dies ist der Beginn einer neuen Sicht auf die Welt, eines neuen Menschenbildes, welches sich in seiner Weiterentwicklung heute in einer Moralität des “selbstbezüglichen Ichs” präsentiert und Konzepte der Patchwork-Identität und des plastisch formbaren Körpers und Geistes aufweist.

Vor diesem historischen Hintergrund werden in der Ausstellung Details aus Giottos Fresken der Capella Scrovegni aktuellen Abbildungen aus Werbung, Wissenschaft und Alltag gegenübergestellt. Auf die zumeist als Einzelstücke im Siebdruckverfahren produzierten Arbeiten ist häufig als integrales Detail oder auch formatübergreifend das Symbol des Heiligenscheins gesetzt. Dieses Symbol des Heiligenscheins nimmt in Günthers Arbeiten die Bedeutung eines Platzhalters ein, der Fragen nach einer aktuellen Standortbestimmung des Menschen und seiner Lebendigkeit aufwirft.

Angelika Sommer über Detlef Günther
Detlef Günther ist Trans-Media Künstler und ein Forscher, möchte man hinzufügen, denn sein künstlerischer Horizont ist durch die Felder der Geschichte, der Anthropologie und Philosophie sowie westlicher und östlicher Religion wesentlich mitbestimmt. Er bewegt sich gegen den Zeitgeist des Destruktiven, indem er sich auf die Idee eines “integralen Weltbildes” beruft. Seine aktuellen Themen, die sich u.a. mit den Thesen und aktuellen Auswirkungen des Humanismus und Transhumanismus beschäftigen, werden von ihm multiperspektivisch oder besser noch “integral-aperspektivisch” durch verschiedene Medien geführt. Soll heissen: Günther geht es weniger um bloße Diversität, vielmehr wird in seinen Arbeiten das Eine in den Vielen dargestellt. Dabei fällt Günthers Fähigkeit auf, diese Vielfalt in einem Raum und Bezugsrahmen zu halten, unterschiedliche Perspektiven, Denk- oder Wertesysteme in einen Gesamtzusammenhang zu bringen. Seit Anfang der 90ger Jahre entstehen Gemälde, Zeichnungen, Objekte, Installationen, Fotografien, Videoarbeiten und Multimedia-Environments, die Günther häufig in Gruppen und Zyklen zusammenfasst. Je nach Ausstellungssituation setzt er einzelne Arbeiten und Medien auch variierend zueinander in Beziehung. Immer geht es ihm dabei um die Auslotung der Wahrnehmungsmöglichkeiten, um die Mehrdeutigkeit der Wirklichkeit, um die Kontextgebundenheit von Bedeutung.

Detlef Günther – Shortbio
Detlef Günther studierte Philosophie, Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften an der Ludiwig-Maximilian-Universität in München und der Freien Universität in Berlin (Magister Artium – Abschlußarbeit: Die Kunstauffassung der Kritischen Theorie). Anschließend studierte er Kunst an der UDK in Berlin (Meisterschüler). Zusammen mit Martin Assig, Klaus Hoefs, Oliver Öfelein und Jochen Stenschke gründete er die Künstlergruppe BOR. Freie Mitarbeit am Medieninstitut Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Arthur Engelbert an dem Forschungsprojekt „Technisches Sehen“.
1998-2000 entwickelte er als geschäftsführender Gesellschafter der Twosuns Media Development Gmbh das Interactive Environment Processing System „Enclued“ mit Anbindung an einen 3D-Motion Tracker. Aus dieser Entwicklung entstanden 2 Patente. Seit 2008 hält Detlef Günther Vorträge und Seminare an Fachhochschulen und Universitäten zum Thema „Entwicklung des Bildes und der bildgebenden Formate in Kunst und Wissenschaft“ und zum „Intelligenten Raum“.

Human Image (Lovin’ the Alien)

25.03.2107 bis 26.05.2017

Andreas Reinsch Project

Oranienplatz 1
10999 Berlin

Veröffentlicht am: 22.04.2017 | Kategorie: Ausstellungen, Kunst, | Tag: Detlef Günther, Gallery Weekend 2017,

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